Kevin Mayer ist in Berlin angekommen. Der derzeit beste Zehnkämpfer der Welt hat sein Hotel bezogen, trainiert und sogar schon eine erste Pressekonferenz abgehalten. Der 26 Jahre alte Franzose ist bereit: Nach dem Gewinn der olympischen Silbermedaille 2016 in Rio de Janeiro und dem WM-Titel 2017 in London will er nun erstmals Europameister werden.

Dass Mayer ein internationaler Star ist, merkt man schon, wenn man sich mit ihm unterhalten möchte. Weil ein Gespräch in seiner Muttersprache Französisch nicht möglich ist, wechselt er lässig ins Englische. Natürlich ist das Interesse an ihm längst auch außerhalb Frankreichs groß, das weiß er zu bedienen. „Ich würde nicht sagen, dass ich in Berlin gewinne“, gibt er sich bescheiden. „Aber ich werde es versuchen.“

Wenn er ab Dienstag im Olympiastadion mit dem Punktesammeln beginnt, dann ist das in diesem Jahr schon sein zweiter Auftritt in Deutschland. Beim Traditionsmeeting in Ratingen hatte er vor knapp zwei Monaten seine Form getestet. Zur Begeisterung des Publikums. Für die Fans ist es eine Freude, diesem Ausnahmeathleten bei seinem Sport zuzusehen. Nicht nur, weil der Blondschopf mit den blauen Augen auch jederzeit für ein Surfer-Magazin modeln könnte, sondern vor allem, weil der Spaß am Zehnkampf bei ihm so authentisch ist.

Beliebt bei den Fans, weil er den Wettkampf zelebriert

In Ratingen verbesserte er im Juni gleich zwei persönliche Bestleistungen: über 100 Meter und mit dem Diskus. Beim Blick auf die Anzeigentafel schrie er seine Freude heraus, hüpfte vergnügt durch das Stadion und ließ sich von den Zuschauern feiern. „Das ist der Spirit des Zehnkampfes“, sagt der Franzose. Obwohl er schon einiges erreicht hat, hat Kevin Mayer noch lange nicht genug.

Nach dem Rücktritt des zweimaligen Olympiasiegers und Weltmeisters Ashton Eaton (USA) ist Kevin Mayer der neue König der Athleten. Akribisch arbeitet er an seinem Können. „Er ist unglaublich sicher, er hat auch seine Schwäche im Werfen überwunden“, sagt Frank Busemann. „Er hat mit 21 Jahren schon herausragende Leistungen gezeigt, ist dann aber ein paar Jahre auf dem Niveau herumgedümpelt. Irgendwann ist dann der Knoten geplatzt, seine Leistungen sind explodiert, und er ist im Konzert der Großen angekommen.“ Der ehemalige Zehnkämpfer weiß, wovon er spricht. 1996 gewann Busemann selbst Olympia-Silber. Gleiches gelang Mayer 2016 in Rio. Doch das reicht dem ehrgeizigen Franzosen längst nicht: Er will 2020 in Tokio eine Stufe weiter oben stehen.

Dafür hat er sein Training und auch seine Vorbereitung optimiert. In Ratingen war er außer Konkurrenz in nur sechs Disziplinen angetreten. Er kennt seinen Körper genau. Zwickt das Knie, verzichtet er lieber auf den Weitsprung. Diesem Prinzip folgend hat er 2018 noch keinen kompletten Zehnkampf absolviert. Das musste er nicht. Der französische Verband nominierte seinen Weltmeister ohnehin für Berlin.

Frank Busemann hält viel von dem neuen Star: „Er ist ein Athlet, der für etwas steht. Ich kann mir auch vorstellen, dass er die Marke von 9000 Punkten schaffen kann.“ 9000 Punkte – die magische Marke. Erst zwei Athleten haben sie bisher geknackt: 2001 gelang es dem Tschechen Roman Sebrle (9026), 2012 legte Ashton Eaton nach (9039). 2015 verbesserte er seinen eigenen Weltrekord auf 9045 Punkte. Mayers Bestleistung liegt seit den Spielen in Rio bei 8834 Punkten.

2009 sah er Usain Bolt bei seinen Weltrekorden zu

Wenn Kevin Mayer schon in solche Sphären gerückt wird, wer soll ihn da in Berlin aufhalten? Zwei seiner ärgsten Konkurrenten kommen aus Deutschland, standen in London vergangenes Jahr zusammen mit ihm auf dem WM-Podium. Doch Rico Freimuth (Halle/Saale) nimmt sich nach mentaler Erschöpfung eine Auszeit, und Kai Kazmirek (Neuwied) musste wegen Muskelproblemen kurzfristig seine Teilnahme in Berlin absagen.

Bahn frei also für Kevin Mayer? Der Franzose will den Wettkampf gewinnen. Aber er will ihn auch genießen. Er hat hohe Erwartungen an die EM. „2009 war ich als Zuschauer bei der WM dabei. Ich liebe dieses Stadion, Usain Bolt hat hier zwei Weltrekorde geschafft. Es ist etwas sehr Spezielles, dort starten zu dürfen.“ Nicht wenige trauen ihm zu, nach dem Rücktritt des Jamaikaners der nächste große Star der Leichtathletik zu werden.

Sollte alles seinen gewohnten Gang gehen, wird Kevin Mayer am Mittwoch den EM-Sieg feiern. Buse-mann glaubt: „Er kann sich nur selbst schlagen.“ Genau das wäre ihm 2017 bei der WM fast passiert. Im Stabhochsprung wäre er nach zwei Fehlversuchen beinahe gescheitert. Ob sogar er mal nervös wird? „Ja, manchmal“, sagt Mayer, „das ist gut für mich. Ich nutze es, um mich zu verbessern.“ Die Konkurrenz wird das gar nicht gern hören.

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