Sie war die Sensation bei der Leichtathletik-EM 2006: die Goldmedaille von Jan Fitschen über 10.000 Meter. Niemand hatte den Wattenscheider auf der Rechnung, Fitschen lief in Göteborg das Rennen seines Lebens und ließ auf der Schlussrunde die spanischen Favoriten stehen. Richard Ringer hat das Video des Rennens bestimmt hundert Mal angeschaut. „Es ist jedes Mal Gänsehaut pur“, sagt er. In der Jugend war Fitschen sein großes Vorbild.
In Berlin kann er nun in dessen Fußstapfen treten
Ringer geht als Europas Jahresschnellster in das 10.000-Meter-Rennen am Dienstagabend und soll dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) am ersten Finaltag die erste Medaille bescheren, am besten eine goldene. Es wäre der perfekte Start für den Gastgeber, der das gesamte Team beflügeln könnte. Hohe Erwartungen, doch der Friedrichshafener betont selbst, dass er Europameister werden will: „Man muss sich hohe Ziele setzen.“
Ringer zählt zu den Favoriten
Schon einmal, vor der Team-EM 2014 in Braunschweig, hatte er erklärt, dass er das Rennen gewinnen will – und Wort gehalten. Es folgten Bronze über 5000 Meter bei der EM 2016 in Amsterdam sowie ein weiterer dritter Platz über 3000 Meter bei der Hallen-EM 2017. Im Olympiastadion könnte er diese Ausbeute nun auf einen Schlag verdoppeln. Schließlich zählt er im 5000-Meter-Lauf am Sonnabend ebenfalls zu den Favoriten. Auch, weil der britische Superstar Mo Farah nicht dabei ist.
Als einziger deutscher Läufer wagt Ringer den Doppelstart
Der Fokus liegt aber ganz klar auf der längeren Strecke. Im Mai hatte sich der 29-Jährige dort auf 27:36,52 Minuten verbessert und damit auf Platz vier der ewigen deutschen Bestenliste. Zuletzt war Dieter Baumann vor 20 Jahren schneller. Mit dieser Zeit gelang es Ringer, den 10.000-Meter-Europacup zu gewinnen. „Die Zeit in London war schon phänomenal“, sagt er. Eigentlich war er dort an den Start gegangen, weil er sich noch einmal darin bestätigt sehen wollte, dass die 10.000 Meter eher nicht seine Paradestrecke sind. Doch weit gefehlt. Inzwischen agiert Richard Ringer auch auf der langen Distanz aus einer Position der Stärke heraus.
Auf die Frage, wie das Rennen in Berlin sein müsse, damit er die größten Siegchancen hat, antwortet er selbstbewusst, das sei ihm egal. „Wenn es ein taktisches Rennen wird, habe ich hinten raus den Kick, um es im Endspurt zu machen. Und wenn es schnell wird, dann weiß ich ja, dass ich in diesem Jahr der Schnellste in Europa bin. Ich muss mir also nicht allzu viele Gedanken machen.“
Für den Titel-Traum geht Ringer neue Wege
Anfang des Jahres trennte er sich von Trainer Eckhardt Sperlich, der ihn über 14 Jahre begleitet hatte, und hat die Gestaltung des Trainings selbst übernommen. Im Laufbereich gibt es einige Athleten, die das als Autodidakt tun, etwa Marathon-Rekordhalter Arne Gabius. Trotzdem war Ringer anfangs nicht sicher, ob es funktionieren würde.
Zwar hat er vieles übernommen, was schon unter Sperlich gut funktionierte, aber auch neue Reize gesetzt. So reiste er zum ersten Mal zum Trainingslager in die Höhe, und das gleich dreimal. Ein Wagnis, niemand wusste, wie sein Körper auf die dünne Luft reagieren würde, doch es hat sich bezahlt gemacht. „Alles lief wunderbar“, berichtet Ringer. Vor allem setzt er in diesem Jahr ganz auf den Sport. Von seinem Arbeitgeber – einem Unternehmen, bei dem er als Controller tätig ist – wurde der Läufer für ein Jahr freigestellt. „Ich habe mehr Zeit für Regeneration und bin ausgeruhter. Das hat mir den größten Schub gegeben“, sagt er.
Zusätzlich beflügelt hat ihn vor wenigen Tagen die Nachricht, dass seine Freundin Nada Ina Pauer, eine Läuferin aus Österreich, ebenfalls in Berlin startet, ihr Verband hat nachnominiert. „Dass wir einmal zusammen bei einem großen Wettkampf starten“, sagt Ringer, „das ist ein Traum.“ So wie der Gold-Lauf von Jan Fitschen vor zwölf Jahren, für den Ringer am Dienstag eine Neuauflage plant.
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