
Smartwatches, Ringe und Fitnesstracker versprechen mehr Kontrolle über die eigene Gesundheit. Der Mediziner Dr. Felix Bertram erklärt im Interview und in der aktuellen Folge des Podcasts „Länger Leben“, welche Messwerte wirklich nützlich sind, warum langfristige Entwicklungen wichtiger sind als einzelne Scores – und wann das Tracking mehr schadet als hilft.
Herr Dr. Bertram, warum wollen immer mehr Menschen ihre Gesundheit mit Wearables überwachen?
Felix Bertram: Dahinter steckt zunächst der Wunsch nach Kontrolle. Früher war Gesundheit etwas, das einem gewissermaßen passiert ist: Man wartete, bis etwas wehtat oder nicht stimmte, ging zum Arzt und bekam eine Diagnose oder Therapie. Wearables drehen diese Idee ein Stück weit um. Sie geben uns das Gefühl, unsere Körperdaten kontrollieren und gesundheitlich relevante Veränderungen frühzeitig erkennen zu können.
Welche Werte können gängige Geräte messen?
Fast alle erfassen Herzfrequenz, Herzfrequenzvariabilität, Schrittzahl, Schlafqualität und Schlafphasen. Hinzu kommen die über die Haut abgeleitete Körpertemperatur und die Sauerstoffsättigung im Blut. Manche modernen Uhren können außerdem Hinweise auf Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern geben oder ein EKG ableiten.
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Und wie zuverlässig sind diese Messungen?
Herzfrequenz und Schrittzahl kann man als relativ genau betrachten. Bei den anderen Werten sollte man mit den absoluten Zahlen vorsichtig sein. Würde man etwa die maximale Sauerstoffaufnahme, den sogenannten VO₂max-Wert, im Labor bestimmen, käme möglicherweise ein anderes Ergebnis heraus. Trotzdem kann die Entwicklung interessant sein: Wenn meine Uhr zunächst einen Wert von 40 anzeigt und nach einem halben Jahr Ausdauertraining 45, kann ich ziemlich sicher davon ausgehen, dass ich mich verbessert habe – unabhängig davon, ob der absolute Wert exakt stimmt.
Es geht also vor allem um längerfristige Trends?
Genau. Wearables ergeben nur dann Sinn, wenn ich aus den Daten etwas ableite und mein Verhalten ändere, meinen Schlaf verbessere oder etwas anderes Positives in mein Leben integriere.
Was lässt sich beispielsweise aus den Schlafdaten lernen?
Man sollte nicht nur auf einen zusammengefassten Schlaf-Score schauen, sondern überlegen, was am Vortag passiert ist. Bei mir ist auffällig, dass ich schlechter schlafe, wenn ich spät gegessen, Alkohol getrunken, zu viel trainiert habe oder mich etwas stark beschäftigt. Dann sinkt meine Herzfrequenz nachts häufig nicht ausreichend ab. Aus solchen Zusammenhängen kann ich lernen: Früher essen, auf Alkohol verzichten oder das Training anders steuern.

Fitnessuhren: Wie interpretiert man die Daten richtig?
Welcher nächtliche Ruhepuls gilt denn als normal?
Als Orientierung gelten etwa 55 bis 70 Schläge pro Minute. Auch 70 bis 80 können noch in Ordnung sein. Langfristig steigt das Herz-Kreislauf-Risiko allerdings, je höher der nächtliche Ruhepuls ist. Sportler haben häufig deutlich niedrigere Werte.
Viele Geräte messen auch die Herzfrequenzvariabilität. Was sagt sie aus?
Sie gibt Hinweise auf unsere Regeneration. Vereinfacht gesagt beschreibt sie die winzigen zeitlichen Unterschiede zwischen den einzelnen Herzschlägen. Eine hohe Herzfrequenzvariabilität spricht dafür, dass der aktivierende Sympathikus und der beruhigende Parasympathikus gut zusammenspielen. Bei Stress oder nach Alkoholkonsum dominiert häufig der Sympathikus, der Herzschlag wird regelmäßiger – und die Variabilität sinkt. Das kann auf fehlende Erholung hindeuten.
Also je höher, desto besser?
Grundsätzlich ja – aber die Herzfrequenzvariabilität ist sehr individuell. Entscheidend ist der persönliche Durchschnittswert. Liegt jemand normalerweise bei 50, können 100 besonders gut und 20 eher schlecht sein. Bei einem anderen Menschen liegt der Durchschnitt vielleicht schon bei 100. Deshalb sollte man nicht die Werte verschiedener Personen vergleichen, sondern die eigenen Ausschläge nach oben und unten beobachten.

Krankheiten erkennen mit Wearables: Experte mahnt zur Vorsicht
Können Wearables Krankheiten frühzeitig erkennen?
Ich sehe sie in erster Linie als Instrument zur Optimierung, nicht zur Diagnose. Es gibt aber sinnvolle Entwicklungen: Ein Abfall der Sauerstoffsättigung in der Nacht kann beispielsweise auf eine mögliche Schlafapnoe hinweisen. Einige Uhren erkennen Anzeichen von Vorhofflimmern, das häufig unbemerkt bleibt und das Schlaganfallrisiko erhöht. Auch erhöhte Atemfrequenz, Herzfrequenz und Hauttemperatur können auf einen beginnenden Infekt hindeuten. Solche Warnungen sind hilfreich, müssen aber medizinisch abgeklärt werden.
Lesen Sie hier alle Tipps von Longevity-Doc Felix Bertram
Kann zu viel Tracking auch schaden?
Das hängt stark von der Persönlichkeit ab. Wer zu Gesundheitsängsten oder hypochondrischen Tendenzen neigt und sich ausschließlich auf Scores konzentriert, sollte vorsichtig sein. Es gibt sogar den Begriff Orthosomnie: Betroffene schlafen schlecht, weil sie Angst vor ihren Schlafwerten am nächsten Morgen haben. Wer durch die Daten die richtigen Schlüsse zieht und sein Leben verbessert, kann profitieren. Wen das Tracking verrückt macht und wer beginnt, sich zu überoptimieren, sollte es lieber weglassen.
Was ist Ihr wichtigster Rat für den Umgang mit Wearables?
Nicht nur auf Scores oder eine vermeintliche „Body Battery“ schauen, sondern die Zusammenhänge verstehen: Wie verändert mein Verhalten meinen Schlaf, meine Aktivität und meine Regeneration? Wearables sind immer nur Hilfsmittel und niemals Diagnosegeräte. Bei einem konkreten Krankheitsverdacht gehört die Abklärung in ärztliche Hände.








