Kaum eine Ernährungsfrage wird so verbissen diskutiert wie diese: Sind Kohlenhydrate das Problem – oder Fett? Die einen setzen auf Low Carb und versprechen einen stabileren Blutzucker, wenn die Zufuhr von Kohlenhydraten deutlich sinkt. Die anderen werben für Low Fat und argumentieren, dass weniger Fett, vor allem weniger gesättigte Fettsäuren, Entzündungen und ungünstige Cholesterinwerte bremsen könne. Beide Seiten reklamieren gute Gründe für sich. Nur folgt der Stoffwechsel selten der Logik solcher Ernährungslager.

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Besonders umstritten ist die ketogene Ernährung, kurz Keto. Sie treibt das Low-Carb-Prinzip auf die Spitze: kaum Kohlenhydrate, dafür sehr viel Fett. Für viele ist das nicht mehr bloß eine Ernährungsumstellung, sondern eine Form von Stoffwechselstress. Eine neue Studie aus den USA legt nun allerdings nahe, dass genau dieser harte Eingriff in den Stoffwechsel in einem sehr speziellen Fall nützen könnte: bei erhöhtem Blutzucker – und offenbar besonders dann, wenn Bewegung hinzukommt.
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In Deutschland leben nach Angaben der Deutschen Diabetesgesellschaft mehr als 9,1 Millionen Menschen mit Typ-2-Diabetes, rund 7,2 Prozent der Bevölkerung. Lange galt die Krankheit vor allem als chronisch: behandelbar, aber kaum umkehrbar. Inzwischen ist das Bild weniger düster. Gerade bei Typ-2-Diabetes kann sich der Stoffwechsel in bestimmten Fällen deutlich erholen. Ausschlaggebend sind dann meist Gewichtsverlust und eine konsequente Änderung des Lebensstils. Denn wenn Fetteinlagerungen in Leber und Bauchspeicheldrüse abnehmen, reagiert der Körper häufig wieder besser auf Insulin, also auf das Hormon, das den Blutzucker reguliert.
Doch damit ist nur die eine Seite der Erkrankung beschrieben. Es geht bei Diabetes nicht nur um bessere Blutzuckerwerte, sondern auch darum, wie belastbar der Körper bleibt. Frühere Studien deuten darauf hin, dass eine gute Ausdauerleistungsfähigkeit das Risiko weiterer gesundheitlicher Komplikationen senken kann. Zugleich gab es Hinweise, dass dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte positive Trainingseffekte ausbremsen. Anders gesagt: Bewegung hilft dann womöglich weniger, als sie eigentlich könnte.
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Genau an diesem Punkt setzt die neue Studie an. Forschende aus den USA gingen in einer im Fachjournal „Nature Communications“ veröffentlichten Arbeit der Frage nach, was eine extreme ketogene Ernährung bei Mäusen mit erhöhtem Blutzucker bewirkt. Das Ergebnis fiel deutlich aus: Laut der Studie normalisierten sich die Blutzuckerwerte der Tiere unter der strengen Keto-Diät.
Doch dabei blieb es nicht. Wie es in der Studie heißt, verstärkte zusätzliches Training die positiven Effekte noch. Die Mäuse konnten Sauerstoff unter Belastung besser verwerten, ihre Muskulatur ermüdete langsamer und wurde besser durchblutet. Die Physiologin Sarah Lessard vom Virginia Tech Carilion sagt, schon nach einer Woche auf der ketogenen Diät sei der Blutzucker der Tiere „völlig normal“ gewesen, „als hätten sie überhaupt keinen Diabetes“. Im weiteren Verlauf, so Lessard, habe die Ernährung die Muskulatur der Mäuse so verändert, dass sie „besser auf aerobes Training reagierte“ – also auf Ausdauerbelastungen wie Laufen oder Radfahren.
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Dass die Keto-Diät so stark in den Stoffwechsel eingreift, hat mit einem grundlegenden Wechsel der Energiegewinnung zu tun. Fehlen dem Körper über längere Zeit Kohlenhydrate, muss er seine Energie anders gewinnen und verstärkt Fett verbrennen. Dabei entstehen sogenannte Ketonkörper, die dem Körper als Ersatzbrennstoff dienen.
Dieser Zustand heißt Ketose. Er ist ein biologisches Notprogramm, das der Körper auch in Hungerphasen nutzt. Die Forschenden beobachteten in Muskeln und Blutgefäßen biologische Signale, die sich unter Ketose veränderten. Nach Einschätzung des Forschungsteams spricht das dafür, dass die Ketose nicht nur eine Folge der Diät war, sondern womöglich selbst dazu beitrug, dass sich der Blutzucker besser regulierte und die Muskulatur besser auf Training ansprach.
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So interessant die Ergebnisse sind, so vorsichtig muss man sie lesen. Zunächst wurde die Studie an Mäusen durchgeführt. Solche Versuche können wichtige Hinweise liefern, ersetzen aber keine Forschung am Menschen. Was im Mausmodell funktioniert, muss sich in der klinischen Praxis noch lange nicht bestätigen.
Die positiven Effekte zeigten sich zudem vor allem bei Mäusen mit erhöhtem Blutzucker, nicht bei Tieren mit normalen Werten. Und selbst dort war die Lage weniger eindeutig, als es zunächst scheint. Zwar verbesserte sich ihre Fähigkeit, Sauerstoff unter Belastung zu nutzen. Leistungsfähiger wurden sie dadurch aber nicht automatisch. Tatsächlich gibt es in der Studie Hinweise darauf, dass der Mangel an Kohlenhydraten ihre sportliche Leistung eher begrenzte. Erst mit neuer Kohlenhydratzufuhr stieg auch ihre Leistungsfähigkeit wieder.
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Gerade deshalb mahnen die Forschenden selbst zur Zurückhaltung. Die ketogene Diät, betonen sie, gehört zu den am schwersten durchzuhaltenden Ernährungsformen und taugt aus ihrer Sicht nicht als pauschale Empfehlung. Für viele Menschen dürften weniger radikale Ansätze alltagstauglicher sein. Als Alternative verweisen sie auf eine mediterrane Ernährung, die ebenfalls helfen kann, den Blutzucker zu verbessern.
Die eigentliche Botschaft der Studie liegt ohnehin woanders: Ernährung und Bewegung wirken eng zusammen. „Es gibt viele kombinierte Effekte, und wir können den größten Nutzen aus Bewegung ziehen, wenn wir uns gleichzeitig gesund ernähren“, sagt Lessard. Studien am Menschen sind bereits geplant. Erst sie werden zeigen, ob sich aus dem Mausbefund belastbare Erkenntnisse ableiten lassen.
















