Wenn jemand das Mittelmeer zwischen der Camargue und der Côte d’Azur kennt, dann ist es Sandrine Ruitton. Die Meeresbiologin erforscht die Umgebung vor Marseille seit dreißig Jahren. An diesem Freitagmittag kommt sie mit dem gedrungenen Forschungsschiff Antedon II von einem Tauchgang bei den „Calanques“, den Felsbuchten östlich der Hafenstadt, zurück.

Jeden 2. Sonntag

Ein FUNKE Liebe

Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Ziel war es offiziell, städtische Abwassereinleitungen zu kontrollieren. Doch die braungebrannte Forscherin mit den Lachfältchen hat anderes zu berichten, nachdem sie sich ihres Tauchanzuges entledigt hat. Sie und ihre vier Mittaucher haben Pfauen-Lippfische angetroffen. Deren Merkmal, wie die Taucherin sagt: „Sie mögen das heiße Wasser. Früher sah man sie hier nie, doch heute verdrängen sie die gemeinen Lippfische, die man in Marseille so gerne beim Barbecue grillt.“ Ein Indiz mehr: Das Mittelmeer erwärmt sich rasant – mit fatalen Folgen, nicht nur für Flora und Fauna.

Forscherin besorgt: Temperatur im Mittelmeer steigt bedrohlich

Ende dieser Woche dürfte die Wassertemperatur laut den Wettervorhersagen der Agentur La Chaîne Météo vor der Côte d’Azur und um Korsika vorübergehend 30 Grad erreichen. Dieser Schwellenwert war bisher nur einmal in der legendären Hitzewelle von 2003 erreicht worden.

Das Thermometer des Binnenmeeres schwankt zwar beträchtlich. „Vor zwei Wochen noch war das Meer vor Marseille relativ kühl, als vom Norden der Mistralwind blies“, berichtet Ruitton. „Bei unseren tiefen Tauchgängen im Juli trugen wir sogar Wärmeanzüge. Die neuste, windlose Hitzewelle, die zweite dieses Sommers, treibt die Temperaturen aber sofort nach oben.“ Und auf die Dauer noch stärker als die planetaren Luftströmungen.

Sandrine Ruitton
Die Meeresbiologin Sandrine Ruitton forscht in der Gegend um Marseille zum Zustand des Mittelmeeres. © Pressedienst | Pressedienst

In einem Jahrzehnt ist die Temperatur des Mittelmeeres auf die ganze Zeitdauer betrachtet um 0,4 Grad gestiegen. Das klingt nach wenig und Badende merken den Unterschied kaum. Doch 0,4 Grad in zehn Jahren, das bedeutet zwei Grad mehr in einem halben Jahrhundert. Die Mittelmeertemperaturen steigen damit schneller als die Lufttemperaturen.

Hitze zieht neue Fischarten an: „Werden zahlreicher und größer“

„Das Mittelmeer leidet wie die Atmosphäre unter den Hitzewellen“, sagt Sandrine Ruitton. Vor einer Woche hat die Professorin des Mediterranen Institutes für Ozeanologie (MIO) wieder einmal Barrakudas gesichtet. Ganze Schwärme hat sie fotografiert. „Keine Angst“, lacht sie, wenn Besucher große Augen machen: Diese Raubfische mit den messerscharfen Zähnen seien noch zu klein, um Menschen anzugreifen. „Aber mit den zunehmenden Temperaturen werden sie unweigerlich zahlreicher und größer.“

Im östlichen Mittelmeer verbreiten sich auch andere Fische, die in unseren Breitengraden unbekannt sind. Etwa der Kaninchenfisch, ein unersättlicher Algenfresser. Oder der hässliche Feuerfisch, der aus dem Roten Meer via Suezkanal ins Mittelmeer gekommen sein muss. Er wird in der Türkei und Griechenland gerne verspeist – wenn er einmal von seinen giftigen Flossen getrennt wurde. In Zypern finanziert die EU ferner ein Programm gegen den Kugelfisch, der sich gerne Crevetten und Krabben einverleibt.

Bei Marseille gibt es laut Sandrine Ruitton Goldmakrelen, Mobula-Rochen und eben Barrakudas. Die Hauptsorge der Meeresbiologin liegt aber indessen anderswo. „Die zunehmenden Temperaturen setzen den Korallen, Schwämmen und dem hier verbreiteten Neptungras auf dem Meeresboden schwer zu.“ Auch verweist sie auf eine Studie der Universität Barcelona: Ihr zufolge haben die Hitzewellen der letzten Jahre an einzelnen Küstenlagen 80 bis 90 der Korallen zerstört.

Erwärmung des Meeres bedroht 700 Spezies

Sandrine Ruitton erinnert sich an den Sommer 2022. Damals seien die roten Gorgonien, das heißt Nesseltiere, die zahllose Meereslebewesen beherbergen, auf einmal aus den oberen, wärmeren Wasserschichten verschwunden. „Ich könnte mir vorstellen, dass sie bald nur noch unterhalb von 30 Metern zu finden sein werden.“

Alles in allem kommen im Mittelmeer, das über eine sehr reichhaltige Fauna und Flora verfügt, klimabedingt bereits 1200 mehr oder weniger exotische Spezies dazu, schätzt Jean-Pierre Gattuso, ein bekannter Ozeanograph in einem Forschungslabor in Villefranche-sur-Mer bei Nizza. Einige Fischsorten verbreiteten sich rasant: Sie fänden oft keine natürlichen Feinde vor, die ihnen überlegen wären.

Sandrine Ruitton
Einige Fischarten, wie diese Barrakudas, fühlen sich im wärmeren Mittelmeer so wohl, dass sie zahlreicher und größer werden. i© Sandrine Ruitton | Sandrine Ruitton

Umgekehrt sind 700 mediterrane Spezies vom Verschwinden bedroht, glaubt der Forscher. Er spricht deshalb von der „Tropikalisierung“ des Mittelmeeres. Die tropischen Merkmale zeigen sich sehr rasch: Das Mittelmeer erwärme sich am zweitschnellsten aller Ozean und Meere; nur in der Arktis um die nördliche Polkappe steigen die Temperaturen noch schneller.

Hitze & Sturm: Urlaub am Mittelmeer wird sich verändern

Die Meeres-Hitzewellen von bis zu 30 Grad setzen nicht nur der Unterwasserfauna und -flora zu, sondern auch der Spezies Mensch, genauer gesagt seinem Lebensraum. Das erhitzte Meerwasser sorgt dafür, dass sich die Luft entlang der Küste nachts nicht mehr abkühlt. Das verstärkt den Eindruck tropischer Nächte.

Eine weitere Folge der Mittelmeererhitzung ist die zunehmende Verdampfung des Meereswassers. Sie führt zu den heute gefürchteten Regenstürzen, wenn die schwer gesättigten Wolken vom Meer her die Küsten erreichen. Der Wetterdienst Météo France warnt jetzt schon vor Herbstphänomenen wie der „épisode cévénol“, bei der sich die mediterranen Wassermassen über den Cevennen (südlich des Zentralmassivs) entladen werden. Das mutet fast wie die Rache eines schwitzenden Binnenmeeres an.