Rund ein Prozent der Menschen in Deutschland leben mit einer Autismus-Spektrum-Störung – so die Schätzung des Robert Koch-Instituts. Die Zahl steigt, nicht zuletzt weil sich die diagnostischen Kriterien in den vergangenen Jahren erweitert und verfeinert haben.

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Trotzdem bleibt Autismus bei vielen Erwachsenen lange unentdeckt. Denn das Spektrum ist breit, die Ausprägungen vielfältig – und selten auf den ersten Blick erkennbar. Autismus betrifft die Art, wie Menschen kommunizieren, denken und die Welt wahrnehmen.

Was bislang kaum im Blick war: Auch die Bewegung kann ein Hinweis sein. Genauer gesagt – der Gang. In der aktuellen Ausgabe des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5), dem weltweit wichtigsten Klassifikationssystem psychischer Störungen, wird eine „ungewöhnliche Gangart“ erstmals als mögliches Begleitmerkmal von Autismus aufgeführt.

Autistisches Gangbild: Was auffällt – und was oft übersehen wird

Was genau meinen Expertinnen und Experten, wenn sie von einer „ungewöhnlichen Gangart“ sprechen? Laut einem australischen Forschungsteam um die Psychologin und Neuroentwicklungsforscherin Nicole Rinehart von der Monash University zählen dazu vor allem Bewegungsmuster wie Zehenspitzenlaufen, einwärts oder auswärts gedrehte Füße und asymmetrische Abläufe. Diese Merkmale seien vergleichsweise leicht zu beobachten, schreiben die Autorinnen in einer Überblicksstudie, die mehr als 30 Jahre Forschung zum autistischen Gangbild zusammenfasst und im Fachblatt „Autism Research“ veröffentlicht wurde. Einige Kinder zeigten solche Auffälligkeiten bereits im Vorschulalter, andere erst später.

Darüber hinaus, so das Team, gebe es deutlich subtilere Unterschiede, die oft nur im direkten Vergleich oder durch gezielte Beobachtung auffallen: Autistische Menschen gingen im Durchschnitt langsamer, machten breitere Schritte und verweilten länger in der sogenannten Standphase – also in dem Moment, in dem der Fuß den Boden berührt. Auch die Schrittlänge und das Gangtempo seien weniger konstant und schwankten stärker – sowohl von Schritt zu Schritt als auch in verschiedenen Situationen.

Diese Bewegungsbesonderheiten treten selten für sich allein auf. Häufig gehen sie mit weiteren motorischen Herausforderungen einher, etwa beim Gleichgewicht, bei der Koordination, der Haltung oder der Feinmotorik – etwa beim Schreiben. Das Forschungsteam betont, dass das Gangbild daher nicht isoliert betrachtet werden sollte: Es sei Teil eines umfassenden neurophysiologischen Profils, das Autismus auch körperlich sichtbar mache.

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Autismus und Bewegung: Welche Rolle das Gehirn spielt

Warum sich der Gang bei autistischen Menschen häufig unterscheidet, lässt sich neurobiologisch gut erklären. Zwei Hirnregionen spielen dabei eine zentrale Rolle: die Basalganglien und das Kleinhirn.

Wie das Forschungsteam um Nicole Rinehart betont, sind die Basalganglien vor allem für automatisierte Bewegungsabläufe zuständig. Sie sorgen dafür, dass das Gehen flüssig, rhythmisch und scheinbar mühelos wirkt – also ohne bewusste Anstrengung. Diese Region hilft dabei, Haltungsanpassungen vorzunehmen und Bewegungen effizient zu steuern. Bildgebende Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) zeigen, dass die Aktivitätsmuster in diesen Bereichen bei autistischen Menschen oft verändert sind.

Auch das Kleinhirn, das für die Koordination und das Gleichgewicht verantwortlich ist, scheint bei Autismus anders zu arbeiten. Es verarbeitet visuelle und sogenannte propriozeptive Informationen – also Signale aus dem Körper über Haltung, Spannung und Bewegung – und stimmt auf dieser Basis die Motorik fein ab. Rinehart und Kolleginnen verweisen auf Studien, die bei autistischen Personen strukturelle Veränderungen im Kleinhirn nachweisen, etwa kleinere Volumen einzelner Areale oder eine verminderte Verbindung mit anderen Hirnregionen.

Die oft verbreitete Annahme, autistische Kinder seien motorisch einfach „spät dran“, halten die Forscherinnen für überholt. Die Unterschiede im Bewegungsmuster, so ihre Einschätzung, bleiben meist ein Leben lang bestehen – bei manchen werden sie im Jugend- oder Erwachsenenalter sogar deutlicher.

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Wann ein ungewöhnlicher Gang Unterstützung braucht

Bewegung ist bei autistischen Menschen nicht nur ein Ausdruck individueller Neurodivergenz – sie kann auch ein frühes Warnsignal sein. Wenn sich das Gangbild plötzlich verändert, deutet das mitunter auf eine kognitive oder sensorische Überforderung hin. Die Wissenschaftlerinnen Nicole Rinehart und Ebony Renee Lindor sprechen in diesem Zusammenhang von motorischer Dysregulation, die häufig unterschätzt werde. Sie erklären gegenüber „The Conversation“: „Wenn ein Kind plötzlich ungewöhnlich geht, kann das ein Hinweis darauf sein, dass es eine Pause braucht oder gezielte Unterstützung benötigt.“

Laut dem Forschungsteam treten solche motorischen Signale besonders häufig bei autistischen Personen auf, die zusätzliche Unterstützungsbedarfe haben – etwa im sprachlichen oder kognitiven Bereich. In diesen Fällen, so die Autorinnen, seien Gangunterschiede häufig mit konkreten funktionalen Einschränkungen verbunden. Genannt werden unter anderem:

  • ein erhöhtes Sturzrisiko
  • Schmerzen in Waden, Füßen oder Rücken
  • Probleme bei sportlichen oder alltäglichen Aktivitäten
  • Soziale Unsicherheit aufgrund sichtbarer Gangabweichungen

Trotzdem, so betonen die Forscherinnen, sei nicht jede motorische Auffälligkeit behandlungsbedürftig. Viele autistische Menschen bewegten sich zwar anders, seien im Alltag aber nicht eingeschränkt. Rinehart plädiert daher für einen individualisierten, funktionalen Ansatz. Die Bewegungsweise an sich sei kein Problem – sie sollte nur dann therapeutisch begleitet werden, wenn sie den Alltag der betroffenen Person tatsächlich erschwere.

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Bewegungstherapie bei Autismus: Mehr als Korrektur

Ein vielversprechender Ansatz: Bewegung im Alltag fördern – nicht nur in der Therapie. In Australien wurde dafür das Programm „Joy of Moving“ entwickelt. Es bringt gezielte motorische Impulse direkt ins Klassenzimmer und soll Kindern helfen, Körpergefühl, Koordination und Rhythmus zu entwickeln – ohne Leistungsdruck.

Laut der Forschungsgruppe der Monash University zeigt ihre eigens durchgeführte Interventionsstudie, dass sich motorische Fähigkeiten durch gemeinschaftsbasierte Bewegungsprogramme messbar verbessern lassen. Besonders würden Kinder profitieren, die im klinischen Kontext oft übersehen werden – etwa, weil ihre motorischen Besonderheiten nicht als behandlungsbedürftig gelten oder weil sie nicht erkannt werden.

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Forschung zu autistischem Gangverhalten: Was wir noch nicht wissen

Trotz der wachsenden Erkenntnisse über Bewegungsmuster bei Autismus steht die Forschung an vielen Stellen erst am Anfang. Noch ist unklar, warum motorische Unterschiede bei einigen autistischen Menschen deutlich ausgeprägt sind, während sie bei anderen kaum auffallen. Auch wie sich das Gangbild im Verlauf der Entwicklung verändert – etwa von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter – wird derzeit intensiv untersucht.

Ein wachsendes Forschungsfeld widmet sich auch dem Zusammenhang zwischen Bewegung und sozialen Fähigkeiten. Erste Studien deuten darauf hin, dass gezielte Bewegung nicht nur die Motorik verbessert, sondern auch die Verhaltensregulation und soziale Interaktion fördert – insbesondere bei autistischen Vorschulkindern.