• Jedes Paar hat hin und wieder mit Alltagsproblemen zu kämpfen
  • Nimmt der Familienstress jedoch Überhand, ist schnell die Beziehung in Gefahr
  • Zwei Paartherapeuten empfehlen vier Strategien, um toxischen Stress in der Liebe zu vermeiden

Verzweiflung macht sich breit. Meine geliebte Frau und Kollegin ist an ihrem Limit. Überforderung durch die familiäre Situation bei unseren Eltern und Schwiegereltern, zudem nicht abgeschlossene und noch im Raum stehende Verhandlungen mit nicht unerheblichen Konsequenzen für uns. Die Folge: Dünnhäutigkeit und Gereiztheit, die zu kleinen und größeren Eruptionen führen und uns als Paar belasten. Kurz: Alltag.

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Doch die Abstände zwischen diesen Eruptionen werden kürzer. Beinahe täglich kommt es zu emotionalen Ausbrüchen. Die Leichtigkeit, die uns viele Jahre begleitete, scheint verloren zu gehen. Meine eigene Toleranz wird geringer. Mich erschreckt das. Ich mache mir große Sorgen um meine Frau, um mich, um uns.

Ich habe Angst, meine Frau und Kollegin zu verlieren – Verlieren in den inneren Rückzug, in die Isolation. Alle möglichen Gedanken schießen durch meinen Kopf: Wir passen doch gut auf. Wir haben die Dinge doch eigentlich im Griff. Wir wollen doch nur das Beste für uns. Wir sind doch auf einem guten Weg. Die Praxis läuft gut und unsere Klienten fühlen sich gut aufgehoben. Doch wer hält uns? Wer hält mich? Was ist die Lösung?

Der Alltagsstress lässt sich nicht einfach abstellen. Doch mitunter wird er zu mächtig und entwickelt eine Eigendynamik, die sich irgendwann kaum noch beherrschen und einfangen lässt. Kommen dann noch „Sondereffekte“ wie pflegebedürftige Eltern oder Schwiegereltern oder außergewöhnliche berufliche Belastungen hinzu, dann droht das ganze System zu kippen.  

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Kommt es am Ende sogar zur Trennung, war die Paarbeziehung jedoch meist bereits im Vorfeld fragil. Zu schnell zusammengezogen, ein wenig zu euphorisch, schnell zu viel gewollt, einen Hund gekauft, ein Kind bekommen und das Haus gebaut. „Rushhour des Lebens“, wie meine Frau und Kollegin sagt. Hineingestolpert mit den besten Absichten.

Wir erleben sehr oft, dass Paare aus der Euphorie der ersten Begegnung ableiten, dass es immer so weitergehen wird. Doch leider spiegelt sich das in der Realität der allermeisten Paare nicht wider. Der Alltag, mit allem, was dazu gehört, ist einfach brutal und bringt Paare immer wieder an ihr Limit und darüber hinaus. „Alltag fressen Liebe auf“, heißt es in einem Zitat. Wir müssen funktionieren.

TikTok, Instagram und Influencer reden uns gleichzeitig ein, dass wir alles schaffen können und müssen, wenn wir uns nur richtig organisieren – und dazu gehören wollen. Wer diesem Ideal nicht entspricht und so funktioniert, verliert vermeintlich an Wert in dieser künstlichen realen Welt. In Ihrem Buch „Im Prinzip ist alles ok“ beschreibt die Berliner Autorin Yasmin Polat in sehr eindringlicher Form, wozu dies führen kann.

Vielen unserer Paare geht es, wie es uns ging. Ständig hieß es: Mehr, schneller, höher, weiter, alles für die Kinder, die Familie, die Karriere – bis zum Burn-out und zur Depression. Insbesondere Frauen werden aufgrund Ihrer Mehrfachbelastung häufig Opfer in dieser sogenannten „Rushhour des Lebens“.

Soziale Netzwerke schreiben uns vor, wie Erziehung zu funktionieren hat. Unsere älteste Tochter hört Podcasts über Erziehung, Sexualität und Beziehung. Sie liest Bücher zum Thema Finanzen und will alles perfekt machen. Verlieren wir dabei nicht manchmal unseren gesunden Menschenverstand? 

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Stress in der Beziehung: Das empfehlen Paartherapeuten

Was raten wir unseren Paaren, die sich über den Alltag begonnen haben zu verlieren? Ganz einfach: Weniger ist mehr. Und zwar mehr „Miteinander in Kontakt sein“. Basierend auch auf unseren Erfahrungen empfehlen wir folgende vier Strategien:

  • Strategie 1 – Die Familienkonferenz/Elternkonferenz: Einmal in der Woche nehmen sich alle eine halbe Stunde Zeit. Es wird abgesprochen und geplant, was in der kommenden Woche anliegt und erledigt werden muss – beruflich wie privat. Es geht darum, den Partner „ins Boot zu holen“. Wo wird es diese Woche schwierig? Welche Engpässe drohen? Wer braucht wobei Unterstützung? Welche Stressoren sind absehbar? Bei getrennten Paaren mit Kindern sprechen wir von einer Elternkonferenz. Diese sollte mindestens alle 14 Tage stattfinden – so schwer es auch sein mag, mit dem Ex-Partner ein Gespräch zu führen. Man muss sich nicht immer persönlich sehen. Es geht auch online. Viele Paare vergessen, so unser Eindruck, dass sie immer wegen der Kinder in Verbindung sein werden.
  • Strategie 2 – Bewusste Paarzeit: Viele Paare verlieren sich oft über den Alltag. Gespräche finden fast ausschließlich auf der organisatorischen Ebene statt. Fragen wie: Was bewegt aber den anderen gerade? Was bewegt mich? Fehlanzeige. Wir führen regelmäßige Zwiegespräche – Rücken an Rücken. Fühlen, spüren und sich nicht von der Mimik das anderen ablenken lassen. Jeder hat dabei zehn Minuten Zeit, das zu sagen, was ihn gerade bewegt. Kein Kommentar, keine Nachfrage, kein Unterbrechen. „Du hast…“-Sätze oder Vorwürfe sind dabei verboten. Danach ist der andere dran, aber nimmt keinen Bezug darauf, was der erste gesagt hat. Keine Rechtfertigung. Frühestens 12 Stunden nach dem Zwiegespräch ist vorsichtiges Nachfragen erlaubt. So bleiben wir in Verbindung.
  • Strategie 3 – Kalender freischalten: Viele Paare haben keinen gemeinsamen Kalender, d.h. der eine weiß nicht, was beim anderen gerade ansteht – beruflich (ohne Details, nur Blöcke) wie privat. Wir selbst hatten fünf Kalender: Familie, 2 x Privat, Praxis, Kinder. Das Chaos war vorprogrammiert. Seitdem wir alle Kalender für den anderen freigeschaltet haben, wissen wir mehr über uns. Kollisionen und Enttäuschungen werden reduziert.
  • Strategie 4 – Die Status-Ampel: „Rot“ bedeutet: Überforderung. „Gelb“ bedeutet: Stresszone. „Grün“ bedeutet: Alles ist ok. Bevor wir von unterwegs nach Hause oder zu einem gemeinsamen Treff aufbrechen, halten wir kurz inne und hinterfragen unseren Status. Wir versenden via WhatsApp die Farbe. Der Partner fragt kurz: „ Was brauchst Du, wenn Du nach Hause kommst?“ (kein Nachfragen, was denn los ist!). Es wird kurz geantwortet, was guttun würde. Bei zweimal Rot: Was würde uns beiden nachher guttun?  Die drei Vorteile liegen auf der Hand: Achtsamkeit sich selbst gegenüber. Das Gefühl, wir sind füreinander da. Und, das Wichtigste, der Partner ist vorbereitet und kann sich mental einstellen.

Probieren Sie es aus. Sie werden sehen, Sie werden sich weniger alleingelassen vorkommen. Sie werden wieder teilhaben am Leben des anderen. Sie kehren zurück zu dem Paar, das sie einmal waren. Schritt für Schritt.

Dieser Artikel erschien erstmals im Februar 2025.

Sollten Sie Fragen zu einem Partnerschaftskonflikt oder sonstigen Beziehungsthemen haben, schreiben Sie uns einfach unter beziehung[at]funkemedien.de. Die Anfragen werden gesichtet, sortiert und gegebenenfalls anonymisiert veröffentlicht. Unsere Beziehungsexperten, Paar- und Sexualtherapeut Gisbert Straden und seine Frau, geben dann Antwort auf die wichtigsten Fragen.