Eine Alkoholvergiftung erleiden, ohne Alkohol zu sich genommen zu haben? Das gibt es tatsächlich. Das sogenannte Eigenbrauer-Syndrom, im Englischen auch „Auto-Brewery Syndrome“ genannt, ist eine seltene Erkrankung, bei der der Körper eigenständig Ethanol produziert. Zahlen von Betroffenen liegen nicht vor. Es wird allerdings eine Dunkelziffer vermutet.

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„Das Syndrom entsteht durch eine Störung der Darmflora oder eine Störung des Mikrobioms im Darm. Dadurch kommt es zu einer Überbesiedelung von Keimen, beziehungsweise bestimmten Bakterien und Hefepilzen“, erklärt die Gastroenterologin Dr. Petra Jessen, die seit 30 Jahren ihre eigene Praxis nördlich von Kiel führt. Eine zucker- und kohlenhydratreiche Ernährung würde zu einer Erhöhung der Ethanolwerte im Körper führen.
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Jessen vermutet allerdings, dass sich hinter den bereits erforschten Ursachen noch einiges mehr verbergen könnte. „Es wäre möglich, dass Störungen im Stoffwechsel eine Rolle spielen, dies ist wahrscheinlich aufgrund der sehr geringen Patientenzahlen, überwiegend Einzelfallbeschreibungen, noch nicht ausreichend erforscht und bekannt“, sagt die Expertin. „Sonst wäre dieses Syndrom bei der kontraproduktiven Ernährung vieler Menschen heutzutage ja quasi eine Volkskrankheit.“
Seltenes Phänomen: Das sind die Symptome des Eigenbrauer-Syndroms
Damit die Erkrankung ausbreche und sich im Körper ausbreite, könnten die Betroffenen Jessens Einschätzung nach möglicherweise ein geschwächtes Immunsystem gehabt haben, auch eine übermäßige Einnahme von Antibiotika könne eine Erkrankung begünstigen.
Und wie bemerkt man die Krankheit nun genau, was sind alarmierende Symptome?
- Patienten leiden unter Schwindel, Übelkeit sowie Erbrechen und sind desorientiert.
- Zudem gibt es motorische Auffälligkeiten, beispielsweise beim Gehen.
- Aber auch Gedächtnisstörungen und eine verwaschene Sprache würden dazu zählen, „eben wie, wenn man 20 Bier getrunken hat“, sagt Jessen.
- Chronische Müdigkeit breite sich dementsprechend aus, durch die Fehlbesiedelung aber auch Reizdarmstörungen und Blähungen.
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Diagnose beim Eigenbrauer-Syndrom verläuft in Intervallen
Um die Diagnose zu treffen, wird eine neurologische und eine psychiatrische Untersuchung vorgenommen. Es erfolgt ein Test, der sich über einen Tag erstreckt. Der Patient muss dabei alkohol-abstinent sein und davor für mindestens acht Stunden fasten, zudem Urinproben abgeben und den Blutalkohol messen lassen.
Anschließend werden der Person 100 bis 200 Gramm Glucose zugeführt und es erfolgt ein kontinuierliches Monitoring, das heißt, die Bestimmung der Alkoholkonzentration im Blut wird in Intervallen ermittelt. Wird Ethanol im Körper des Betroffenen nachgewiesen, gibt es Gewissheit, dass es sich um das Eigenbrauer-Syndrom handelt.
Dadurch, dass die Krankheit aber so unerforscht ist, würde es Jessens Einschätzung nach häufig erst gar nicht zu Tests kommen. „Es kann schon sein, dass das Syndrom unterdiagnostiziert ist. Man muss schon erstmal auf diese Diagnose kommen und für viele ist sie gar kein Begriff“, betont sie. Bei einem Blutalkoholtest in der Notaufnahme, „denkt man erstmal, der Patient ist eben betrunken und schickt ihn nach Hause“, sagt sie.
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Gastroenterologin vermutet: „Prognosen stehen gut“
Bei erfolgter Diagnose läuft eine Therapie folgendermaßen ab:
- Zunächst erfolgt eine Ernährungsumstellung, dabei sollen Kohlenhydraten und Zucker reduziert werden.
- Allgemein solle auf fermentierbare Lebensmittel verzichtet werden, dazu zählen unter anderem Brot, Hefeprodukte und Alkohol.
- Wird eine Hefepilzbesiedelung festgestellt, können zudem antimykotische Medikamente verschrieben werden. Handelt es sich um Bakterien, eignen sich Antibiotika gut zur Bekämpfung.
- Probiotika werden empfohlen, um das gesunde Gleichgewicht der Darmflora wiederherzustellen. „Die zu vielen, falschen Bakterien im Darm müssen unter Kontrolle gebracht werden“, fasst die Gastroenterologin zusammen.
Die Prognosen für die Erkrankung würden recht gut stehen: Mit der richtigen Behandlung und einem deutlich optimierten Lebensstil würden die Symptome gut verbessert werden können. Eine Nicht-Behandlung führe dazu, dass das Eigenbrauer-Syndrom chronisch werde. „Die Therapien und die Ernährung sollten beibehalten werden, dann kann man das gut kontrollieren“, meint Jessen. Dabei sei es besonders wichtig, regelmäßig zu Nachkontrollen zu gehen.

Denn: In sein altes Mikrobiom könne man leicht zurückfallen. „Ich sage immer, sein Mikrobiom im Darm gehört zu einem selbst, wie der Pickel im Gesicht, deshalb sollte man bei Darmerkrankungen immer aktiv bleiben und die Behandlung nicht schleifen lassen“, warnt sie. Ob auch das Eigenbrauer-Syndrom wieder zurückkehren könnte, darüber kann sie nur spekulieren.
Betroffene schämen sich für Eigenbrauer-Syndrom
Prof. Dr. Jürgen Schäfer vom Zentrum für unerkannte Krankheiten in Marburg, durch den Jessen vor einigen Jahren auf das Syndrom aufmerksam wurde, hat seiner Kollegin etwas voraus: Er traf tatsächlich schon einmal auf einen Betroffenen, erzählt er gegenüber dieser Redaktion: „In der Tat haben wir bereits vor einigen Jahren einen ungewöhnlichen Fall von Auto-Brewery Syndrom hier durch eine Analyse des Darm-Mikrobioms mittels Nanopore-Technologie diagnostiziert“.
Er und seine Kollegen seien seinerzeit von einem erfahrenen Kollegen aus der Psychiatrie eines externen Krankenhauses kontaktiert worden. Dieser hatte einen Patienten betreut, der seiner Einschätzung nach glaubhaft keinen Alkohol konsumiert habe – dennoch konnte man ihm ständig Alkohol im Blut nachweisen.
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„Da wir das Auto-Brewery Syndrom kannten und auch eine entsprechende Mikrobiom-Nachweistechnik etabliert hatten, haben wir uns dann eine Stuhlprobe angesehen und den Übeltäter gefunden“, erinnert sich Schäfer. Im Zentrum beschäftige man sich allerdings vorrangig mit der Diagnosefindung. Die Therapie des Betroffenen sei zum damaligen Zeitpunkt „recht erfolgreich, heimatnah durchgeführt“ worden, sagt Schäfer. Mit der Person bestehe heute kein Kontakt mehr. Schäfer vermutet, dass Betroffene ungern über das Syndrom sprechen würden, da ihnen bis zur Diagnose häufig versteckter Alkoholkonsum vorgeworfen und kaum Glauben geschenkt werde.
Warum er seinen Vortrag schon vor einigen Jahren nutzte, um auf diese seltene Krankheit aufmerksam zu machen, verrät Schäfer ebenfalls: „Es gibt bei diesem Syndrom sicherlich eine Dunkelziffer und man sollte deshalb öfter daran denken, vor allem wenn einige Zeit zuvor eine Antibiotika-Therapie stattfand oder nach Kohlenhydratkonsum vermehrt ein Gefühl von ‚besoffen sein‘ auftritt“.










