Müde ist jeder mal. Doch was passiert, wenn die Müdigkeit überhandnimmt, uns plötzlich der Schlaf überkommt – ob wir wollen, oder nicht? Mit diesem Problem haben Narkoleptiker tagtäglich zu kämpfen. Ein Experte auf dem Gebiet ist Prof. Dr. Ulf Kallweit, Professor für Narkolepsie- und Hypersomnolenzforschung an der Universität Witten/Herdecke. Im Interview erklärt er, was es mit der seltenen Schlafkrankheit auf sich hat und ab wann Müdigkeit Grund zur Besorgnis geben sollte.

Prof. Dr. Kallweit, was ist Narkolepsie?

Prof. Dr. Ulf Kallweit: Narkolepsie ist eine chronische neurologische Erkrankung. Es kommt dabei zu einer Störung im zentralen Nervensystem, bei der bestimmte Nervenzellen, die Orexin-produzierenden Zellen, nicht mehr funktionieren. Entweder werden sie zerstört oder ihre Funktion wird zumindest eingestellt.

Auch interessant

Wozu wird dieses Orexin benötigt?

Kallweit: Orexin spielt eine zentrale Rolle bei der Schlaf-Wach-Regulation. Das muss man sich vorstellen wie bei einem Orchester: Es gibt Instrumente, die verschiedenen Botenstoffe, die für die Wachheit von Bedeutung sind, wie beispielsweise Dopamin, Noradrenalin oder Histamin. Orexin fungiert als Dirigent und sorgt dafür, dass alles harmonisch und kontinuierlich gespielt wird. Dadurch kann tagsüber ein dauerhafter Zustand von Wachheit erhalten bleiben und abends, wenn Orexin dann ausgeschaltet ist, ein kontinuierlicher Nachtschlaf stattfinden.

Durch den Verlust von Orexin fehlt die Regulation. Plötzlich spielen alle durcheinander, es ist ein Hin und Her. In einem Moment kann man wach sein, wird dann aber schnell müde und muss schlafen, und nachts ist es genau andersherum. Das ist das Kernproblem dieser Erkrankung. Es kommt bei Betroffenen dazu, dass sie einschlafen müssen, obwohl sie das nicht wollen, und nachts gegen ihren Willen wach sind.

Narkolepsie: Schlafkrankheit kann Folge einer Impfung sein

Aber wie kommt es überhaupt zum Mangel an Orexin? Was löst die Narkolepsie aus?

Kallweit: Es gibt eine bestimmte genetische Voraussetzung, die auf fast hundert Prozent aller Narkoleptiker zutrifft. Diese Voraussetzung kann aber nicht Auslöser der Krankheit sein, da ein Viertel aller Deutschen diese genetische Komponente besitzen, es aber eben bei weitem nicht so viele Narkoleptiker gibt in Deutschland.

Der wahrscheinlichste Faktor, den man bis jetzt als Auslöser für die Narkolepsie vermutet, ist die Influenza-Infektion, also Grippeviren. Die traten beispielsweise bei der Schweinegrippe auf. In China gab es epidemiologische Daten dazu. Nachdem die Schweinegrippe wütete, gab es dreimal so viele Narkoleptiker wie in den Jahren zuvor.

In Europa konnte man das nach einer bestimmten Impfung gegen die Schweinegrippe beobachten: die Pandemrix-Impfung. 2009 und 2010 gab es epidemiologische Daten aus Skandinavien, die zeigen, dass das Risiko, an Narkolepsie zu erkranken, nach der Impfung mit diesem Impfstoff fünf- bis vierzehnfach erhöht war. In Schweden, Finnland und Norwegen gibt es Narkolepsie-Fälle, die als Nebenwirkung der Impfung anerkannt wurden. Auch in Deutschland gibt es einige.

Lesen Sie auch

Welche Symptome gibt es noch neben der plötzlichen Müdigkeit am Tag und den Schlafproblemen in der Nacht?

Kallweit: Da gibt es die Kataplexien. Eine Kataplexie ist ein plötzlicher Muskeltonusverlust, also das Verlieren der Grundspannungszustände der Muskeln. Der Auslöser dafür sind Emotionen: Lachen, Freude, Wut oder ähnliches. Es gibt aber auch weitere Symptome, beispielsweise die Schlaflähmung. Narkoleptiker sind dabei wach, können sich aber nicht bewegen.

Sowohl bei Kataplexien als auch bei Schlaflähmungen ist das Gehirn sozusagen zwischen Wachzustand und Traumschlaf. Bei diesen Übergängen treten auch häufig Halluzinationen auf. Narkoleptiker haben zudem mit Konzentrations-, Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen zu kämpfen.

Ulf Kallweit
Ulf Kallweit ist Leiter des Zentrums für Narkolepsie und Hypersomnien in Witten und hat die Stiftungsprofessur für Narkolepsie- und Hypersomnolenzforschung an der Universität Witten/Herdecke inne. © privat | Privat

Welche Typen von Narkolepsie gibt es?

Kallweit: Treten Kataplexien auf, handelt es sich um Narkolepsie Typ Eins. Treten diese nicht auf, so handelt es sich um Narkolepsie Typ Zwei, ansonsten sind die restlichen Symptome identisch. Allerdings deuten neue Forschungen darauf hin, dass es dabei auch ein Spektrum gibt. Betroffenen kann es passieren, dass einige Zeit nach der Diagnose von Typ Zwei noch Kataplexien auftreten können, sodass sie zu Narkolepsie Typ Eins wechseln.

Verdacht auf Narkolepsie? Mit diesen Symptomen sollten Sie zum Arzt

Bei welchen Anzeichen könnte man vermuten, dass eine Narkolepsie vorliegt? Ab wann sollte man zum Arzt gehen?

Kallweit: Die Symptome treten meist ab zwölf Jahren bis Mitte 20 erstmals auf. Da erkranken Menschen am häufigsten. Natürlich ist es schwierig, die Symptome bei einem Jugendlichen zu erkennen, der sagt, dass er müde sei. Das wird oft nicht sofort als Narkolepsie wahrgenommen oder vermutet. Treten Kataplexien auf, also die anfallsartigen Muskelspannungsstörungen, ist das Umfeld eher besorgt und sucht sich schnell ärztliche Hilfe. Ohne Kataplexien wird es deutlich schwieriger.

Allerdings wird es klarer, sobald die Müdigkeit chronisch ist. Meistens frage ich beispielsweise die Patienten: Wie ist es im Urlaub? Sind Sie da auch müde? Wenn sie dort ausreichend geschlafen haben, nicht unter Stress stehen und es trotzdem nicht schaffen, wach zu bleiben, dann ist es angebracht, an eine solche Erkrankung zu denken.

Lesen Sie auch

Welche Tests werden durchgeführt, wenn ein hinreichender Verdacht auf Narkolepsie besteht?

Kallweit: Zuerst führe ich eine Anamnese durch. Das Gespräch ist anfangs am wichtigsten. Gibt es Anzeichen für typische Kataplexien, ist der Fall recht einfach. Natürlich bedarf es dann weiterer Tests, aber der Verdacht ist schon sehr klar. Weitere Fragen betreffen den Schlaf und die Wachheit tagsüber, um herauszufinden, ob es sich vielleicht eher um eine andere Erkrankung handelt.

Neben weiteren Tests führen wir im Schlaflabor verschiedene Messungen durch. Beispielsweise verdunkeln wir tagsüber einen Raum und weisen die Patienten in verschiedenen Abständen an, einzuschlafen. Narkoleptiker sind hier meist nach 30 Sekunden eingeschlafen und gelangen in die Traumphase. Bei einem gesunden Menschen passiert das nicht.

Lazy worker sleeping at a warehouse
Wer an Narkolepsie leidet, hat am Tag immer wieder mit Müdigkeitsattacken zu kämpfen. © iStock | andresr

Wie wird Narkolepsie behandelt?

Kallweit: Wichtig sind einerseits die verhaltenstherapeutischen Maßnahmen, auch da diese das Ziel haben, dass Betroffene ihre Krankheit durch ihr Verhalten möglichst selbst beeinflussen können. Sie beinhaltet vier Punkte: das Einplanen von Tagesschlafzeiten, Achten auf Ernährung, leichter Ausdauersport und die Etablierung eines regelmäßigen Tagesablaufs. Narkoleptiker sollten beispielsweise nicht in drei Schichten arbeiten. Was die Ernährung und den Sport anbelangt, so hat sich gezeigt, dass eine kohlenhydratarme Diät oder Keto-Diät sowie moderater Ausdauersport einen sehr positiven Einfluss auf Narkoleptiker haben.

Lesen Sie auch

Aber auch Medikamente können Narkolepktikern helfen.

Kallweit: Beim medikamentösen Teil der Behandlung gibt es aktuell gute symptomatische Therapien, die die Wachheit, die Kataplexien oder den Nachtschlaf verbessern. Aktuell laufen auch Studien zu Therapien, bei denen das Orexin quasi ersetzt werden soll. Bei einem Medikament sind wir in einer sehr fortgeschrittenen Phase und da sind die Ergebnisse bisher sehr gut.

Zumindest bei Narkolepsie Typ Eins, wo der Botenstoff fehlt, sehen wir, dass der Ersatz hervorragend funktioniert und die Symptome fast ganz verschwinden. Wann genau das Medikament auf dem Markt erscheint, steht aktuell noch nicht fest, jedoch wird das frühestens Mitte 2026 der Fall sein.