Die Anhänger von CDU/CSU und den Grünen sind sich offenbar manchmal näher, als die alltägliche Bundespolitik den Anschein erweckt. Ein Beispiel dafür ist die Frage, ob künftig eine Frau oder ein Mann an der Spitze des deutschen Staates stehen soll. Eine Civey-Umfrage im Auftrag unserer Redaktion ergab, dass sich 63 Prozent der Grünen-nahen Bürgerinnen und Bürger am liebsten eine Frau als Nachfolge für den amtierenden Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier wünschen würden. Bei den unionsnahen Befragten waren es 58 Prozent, sie kommen damit auf Rang 2 in der Befragung.

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Die Anhänger von SPD und der Linken folgen mit jeweils 57 Prozent nur knapp dahinter. Danach kommt erst mal lange nichts, bis sich an fünfter Stelle mit 41 Prozent die FDP einreiht. Beim BSW sprachen sich nur 35 Prozent der Befragten für eine Frau als Staatsoberhaupt aus. Die AfD bildet das Schlusslicht mit 18 Prozent.

Parteiübergreifend wünschen sich 43 Prozent der Befragten eine Frau in dem Amt, 44 Prozent sind unentschieden, 13 Prozent sind dagegen.

Bundespräsident: Merz spricht sich für Frau als Steinmeier-Nachfolge aus

Damit scheint bei den Unionswählern vor allem die Frage entschieden, ob die starke Fokussierung auf eine Frau bei der Kandidatensuche einen Nachteil für die Kompetenz eines künftigen Staatschefs – oder einer Staatschefin – bedeuten würde. Das galt zunächst nicht für die Bundesparteien.

Die Berichte von Ende Oktober, denen zufolge CDU-Chef Friedrich Merz die hessische Fraktionschefin Ines Claus in das Amt bringen wolle, bestätigten sich nicht. Am Montagabend sprach sich der Kanzler dann aber zumindest dafür aus, dass eine Frau auf Steinmeier folgen soll. „Ich werde der Partei eine gemeinsame Kandidatin vorschlagen, eine Kandidatin der politischen Mitte. Ich bin festgelegt, in der Frage, dass es eine Frau werden muss“, sagte er mehreren Medien zufolge bei einer nicht-öffentlichen Konferenz der CDU-Kreisvorsitzenden in Berlin.

Ilse Aigner als mögliche Kandidatin: Debatte nach Vorschlag von CSU-Chef Söder

Unionsfraktionschef Thorsten Frei (CDU) hatte noch Anfang August gesagt, das Amt des Bundespräsidenten müsse nicht zwingend an eine Frau gehen. „Aus meiner Sicht muss beides möglich sein“, sagte er im Sender Welt TV. Es spreche zwar „sicherlich einiges dafür, dass das Amt auch einmal von einer Frau ausgeführt wird“, dies sei aber nicht unumstößlich.

CSU-Parteitag
Der CSU-Vorsitzende Markus Söder mit seiner Favoritin als Bundespräsidentin, llse Aigner. Die CSU-Politikerin ist Präsidentin des bayerischen Landtags.© Peter Kneffel/dpa | Peter Kneffel

Wenige Tage später sagte Frei unserer Redaktion, er persönlich fände es schön, wenn auf Steinmeier eine Frau folgen würde. Er schränkte jedoch ein, dass er sich schwertue „mit einer Debatte, die von vornherein die Hälfte der Bevölkerung ausklammert“.

Frei positionierte sich damit unter anderem gegen den CSU-Chef Markus Söder. Der bayerische Ministerpräsident sprach sich seit April immer wieder für Ilse Aigner – früher Landwirtschaftsministerin im Kabinett Merkel und derzeit Präsidentin des bayerischen Landtags – als seine Favoritin in dem Amt aus. Die CDU hat als größere der beiden Schwesterparteien und stärkste Kraft in der Bundesversammlung jedoch den Anspruch, die Kandidatin oder den Kandidaten zu stellen.

Klöckner und von der Leyen auf Platz 2 und 3

Ilse Aigner bekommt Unterstützung aus der SPD und der Grünen-Partei. Laut Civey-Umfrage ist sie aber auch die Favoritin für eine Mehrheit der Wähler. 31 Prozent sprechen sich parteiübergreifend für sie aus. Die CSU-Politikerin führt das Ranking in der Befragung klar an vor Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU), die auf 17 Prozent kommt.

Danach folgen – alle ausschließlich von der CDU – EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen (10 Prozent), die Chefin der Konrad-Adenauer-Stiftung, Annegret Kramp-Karrenbauer (8 Prozent), Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (7 Prozent), Familienministerin Karin Prien (6 Prozent) und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Stephan Harbarth (4 Prozent).

Die größten Stimmenanteile von 33 Prozent vereint jedoch die Option, dass keiner der Genannten geeignet wäre. Elf Prozent der Befragten gaben an, sie wüssten nicht, wer als Staatschef infrage käme. Umso interessanter wird die Entscheidung der CDU sein. Vielleicht präsentiert Kanzler Merz jemanden, der in dieser Liste der zuletzt immer wieder genannten möglichen Anwärter noch nicht auftaucht.

Regionale Unterschiede nach Ost und West

Für die Wählerinnen und Wähler scheint es nicht entscheidend zu sein, ob die Bundespräsidentin beziehungsweise der Bundespräsident künftig aus Ost- oder Westdeutschland kommt. Über das gesamte Bundesgebiet betrachtet sprachen sich lediglich 21 Prozent für eine entsprechende Voraussetzung aus. 83 Prozent waren bei dieser Frage unentschieden. 26 Prozent lehnten sie ab.

Bemerkenswert ist, dass sich dabei die regionalen Unterschiede weniger stark ausprägen, als man vermuten könnte. Nur 37 Prozent der Ostdeutschen fordern ein Staatsoberhaupt aus Ostdeutschland, im Westen waren es 17 Prozent. Dagegen zeigten sich 54 Prozent der Befragten in beiden Landesteilen bei dieser Frage unentschieden. Neun Prozent der Ostdeutschen wollen kein ostdeutsches Staatsoberhaupt, im Westen waren es 29 Prozent.

Civey befragte rund 5000 Bundesbürgerinnen und Bundesbürger stichprobenartig. Die Befragung lief vom 27.10. bis 30.10.2026.

Die Bundesversammlung trifft sich am 30. Januar im Bundestag in Berlin zur Wahl der Steinmeier-Nachfolge. Sie besteht aus allen Bundestagsabgeordneten und der gleichen Anzahl von Mitgliedern, die von den Volksvertretungen der Länder gewählt werden – die sogenannten Wahlleute. Zu ihnen wird wahrscheinlich auch die frühere Kanzlerin Angela Merkel gehören. Die CDU in Schleswig-Holstein wolle sie entsenden, berichteten mehrere Medien am Montag. Merkel sprach sich zuletzt ebenfalls für eine Frau auf dem Posten des Bundespräsidenten aus.