2015 wurde der rechtsextreme AfD-Politiker Björn Höcke erst langsam bundesweit bekannt. Dafür sorgte auch ein Auftritt in der Talkshow von Günther Jauch. Höcke zückte dort eine Deutschlandfahne und drapierte sie über seiner Sessellehne. „Irrer AfDler hisst Deutschland-Fahne!“, titelte die „Bild“-Zeitung. Zu jener Zeit war Höcke zwar Fraktionschef in Thüringen, aber kein Machtzentrum in der AfD. Für viele galt er als abgedrifteter Rechtsaußen-Hardliner.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Sogar die heutige AfD-Chefin Alice Weidel bekam den Auftritt zunächst nicht mit. „Habe ich noch gar nicht gesehen. Aber hat er den Vogel abgeschossen?“, fragte Weidel in einer Mail an Vorstandskollegen. „Für die Blödzeitung ist er ein Irrer. Er hat die Deutschlandfahne über seine Sesselkante gelegt“, schrieb der damalige Bundesschatzmeister. „Naja, Höckes Performance war auch ziemlich ‚blöd‘“, antwortete Weidel.
AfD-Daten-Leak: Hacker veröffentlichen über 400.000 E-Mails
Die Mails stammen aus einem Daten-Leak, das mutmaßlich Hacker von der AfD erbeutet haben. Rund 421.000 Nachrichten, aus diversen Postfächern der Partei und von Funktionären, wurden bei dem Angriff entwendet und veröffentlicht. Die E-Mails sind aus einem Zeitraum von November 2013 bis September 2026. Die AfD hat das Leak bestätigt, kommentiert einzelne Mails daraus aber nicht.
Ein Parteisprecher verweist nach der Bitte unserer Redaktion um eine Stellungnahme zu dieser Recherche darauf, dass man keine Anfragen zu Inhalten oder Echtheit der Mails beantworten werde. Er teilt nur mit, dass die Daten „illegal kopiert“ worden seien. „Die AfD ist eine Rechtsstaatspartei. Entsprechend eng werden wir mit den staatlichen Stellen auf Bundes- und Landesebene zusammenarbeiten, um jene zur Rechenschaft zu ziehen, die unsere Partei digital angegriffen und Daten gestohlen haben“, heißt es.

Nach der Veröffentlichung des Daten-Leaks tauchten in sozialen Netzwerken zwar vereinzelte Fälschungen von Mails auf, die jedoch nicht in dem Leak zu finden sind. Das Material selbst gilt unter Experten als authentisch.
Nach Höcke-Auftritt in Schnellroda: „Das Ganze ist katastrophal“
Die Mails geben tiefe Einblicke in die Entwicklung der Partei, die immer extremer wurde. Mittendrin Parteichefin Alice Weidel, die anfangs noch ganz andere Töne anschlug. Man erkennt: Die frühe Alice Weidel wollte den Weg der extrem Rechten offenbar nicht mitgehen. Im Gegenteil, sie schien sich dagegenzustemmen.
Zumal sich Weidel seit ihrem AfD-Eintritt im Gründungsjahr 2013 als gemäßigte Frau der Wirtschaft präsentierte, nicht als Ultraradikale. Sie machte schnell Karriere in der Partei und wurde 2017 mit Alexander Gauland Spitzenkandidatin im Bundestagswahlkampf. In jener Zeit wurden auch ihre populistischen Auftritte häufiger. Doch zuvor war das anders.
2015 trat Björn Höcke im Institut des rechtsextremen Verlegers Götz Kubitschek in Schnellroda auf, mit dem er befreundet ist. Ein Parteimitglied schrieb Alice Weidel in einer Mail daraufhin, dass Höcke „nichts verstanden und nichts gelernt“ habe. „Absolut richtig“, antwortete ihm Weidel. „Ich kümmere mich bereits auf Hochtouren. Das Ganze ist katastrophal.“
Immer wieder Versuche, Radikale aus der Partei zu werfen
Immer wieder versuchte Weidel in der Anfangsphase, zu extreme Parteifreunde rauszuwerfen. Nachdem ein AfD-Funktionär 2015 auf Facebook eine üble Beleidigung gegen eine Politikerin einer anderen Partei gepostet hatte, mailte Weidel: „Haben wir das auf dem Schirm? Raus. Sofort.“ Und: „Wir dürfen derartiges primitivstes Verhalten von Mitgliedern auf keinen Fall tolerieren. Das gebietet Moral und Ehrverhalten.“
Diskutiert wurden auch die Ausfälle des rechtsextremen Berliners Kay Nerstheimer, der für die AfD angetreten war. In Facebook-Kommentaren hatte er Homosexuelle beschimpft. „Nebst seiner rechtsextremen Vergangenheit in der GDL mutet seine Homophobie und Rechtschreibschwäche eher putzig an“, schrieb Weidel 2016 in einer Mail. „Das Problem dabei ist: Mit diesen Leuten und diesen Denkmustern in unseren Reihen wird die AfD niemals regierungsfähig. Und wir haben schlichtweg die Zeit nicht mehr.“ Nerstheimer wurde später tatsächlich aus der Partei ausgeschlossen.
Anfang 2017 kam es zum offenen Konflikt von Weidel und der damaligen Parteichefin Frauke Petry mit Höcke. Die AfD-Spitze beschloss im Januar 2017, seinen Ausschluss beim Parteischiedsgericht zu beantragen. Doch prompt gab es intern Streit über die Urheber des Ausschlussantrags. Es geht in Mails hin und her zwischen Weidel und Petry, Weidel will sich heraushalten: „Ich bin damit ganz und gar nicht einverstanden. Es ist Frauke Petrys Antrag.“ Und sie stellt klar, sie werde „jede unnötige Veränderung des Protokolls und Erwähnung meines Namens als Versuch werten, mir in Baden-Württemberg zu schaden“.
In den Jahren danach rückte Weidel, womöglich auch als Lehre aus parteiinternen Kämpfen, immer näher an Björn Höcke heran. 2025 bezeichnet sie ihn in einer ARD-Sendung als „sehr guten Politiker“ und erklärt es zum „Fehler“, das Parteiausschlussverfahren gegen ihn unterstützt zu haben. Extremisten in der AfD kenne sie keine, beteuerte sie erst jüngst im Podcast des Magazins „Economist“.
In den ersten Jahren auf Gegenkurs zu Pegida und Identitären
Auch zur in Dresden demonstrierenden Pegida-Bewegung um den mehrfach vorbestraften Lutz Bachmann suchte Alice Weidel anfangs Abstand. „Im Westen verlieren wir das bürgerliche Lager vollständig durch die Nähe zu Pegida und zur NPD im Osten – die bleiben lieber bei CDU/CSU, als sich einem blauen Bachmann-Zwilling anzuschließen“, schrieb sie 2015 in einer Mail an die AfD-Spitze.
Allerdings distanzierte sie sich nicht komplett. In einer weiteren Mail an André Poggenburg, damals AfD-Landeschef in Sachsen-Anhalt, der mit Pegida sympathisierte, schrieb Weidel: „Ich finde die Demos spitze. Es geht um den Schulterschluss mit Bachmann.“ Die Radikalen im Osten sind immer wieder Thema in den Mails. Zunächst schienen sie Weidel auch aus taktischen Gründen suspekt. „Politisch ist das eine Katastrophe für die Partei und vor allem für die westlichen Bundesländer im Wahlkampf“, schrieb sie 2017 zu Pegida.
Nähe zur Identitären Bewegung: „Jetzt haben wir die ganzen IBHansel in der AfD und nu?“
Öffentlich tritt Weidel inzwischen seit Langem ganz anders auf, radikal, immer wieder mit pöbelnder, brutaler Rhetorik. Doch damals gab es von der AfD-Chefin auch noch andere Töne. Ihr Kurs hätte auch anders verlaufen können.
Aktuell geht es wieder um den Umgang mit der rechtsextremen Identitären Bewegung, die bisher auf einer Unvereinbarkeitsliste der Partei steht, auch wenn es längst Verflechtungen mit der AfD gibt. Ob die formale Abgrenzung kippen soll, darüber gibt es in der Partei Diskussionen. Weidel wird sich dazu positionieren müssen.
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Vor zehn Jahren wurde um die Zusammenarbeit mit den Extremisten auch schon gerungen. Damals hatte man noch entschiedener versucht, diese von der Partei fernzuhalten. Aber Weidel schien schon damals Zweifel zu haben, ob die eigenen Beschlüsse durchzusetzen sind. 2016 schrieb sie in einer Mail: „Ob unser Beschluss glaubwürdig ist? Zweifel sind berechtigt.“ Außerdem stellte sie fest: „Jetzt haben wir die ganzen IBHansel in der AfD und nu?“












