Mitte September wird an einer Synagoge in Wuppertal ein Feuer gelegt – drei Tage vor dem jüdischen Feiertag Jom Kippur. Vor wenigen Tagen werden Hakenkreuze an Zelte und Anhänger eines Kinderfestes im Umfeld der Duisburger Synagoge geschmiert. Ein Jude, der in der Öffentlichkeit eine Kippa trägt, erhält regelmäßig Morddrohungen, Beleidigungen und Anfeindungen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Aktuelle Zahlen zeigen: Über 8700 antisemitische Vorfälle wurden 2025 registriert – mehr als dreimal so viele im Vergleich zum Jahr 2022. Der oder die Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus hat also viel zu tun. Aufgabe ist es unter anderem, Maßnahmen von Bund und Ländern gegen Judenhass zu koordinieren sowie jüdisches Leben zu schützen und sichtbar zu machen.

Am Mittwoch wird Katharina von Schnurbein dieses Amt antreten. Sie folgt damit auf Felix Klein, der das Amt vor acht Jahren übernommen hatte und Ende August als Botschafter Deutschlands bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) nach Paris wechselte.

Felix Klein / Antisemitismusbeauftragter
Felix Klein war bis August 2026 Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus.© Funke Foto Services | Reto Klar

Von Bayern über Prag nach Brüssel – die Stationen von Schnurbeins

„Ich habe nicht nach dieser neuen Aufgabe gesucht; sie wurde an mich herangetragen“, sagte von Schnurbein Mitte Oktober der „Jüdischen Allgemeinen“. Wer ist sie also, die neue Frau im Bundesinnenministerium, die so gut auf die Stelle zu passen scheint?

Wie das ihrem Namen zugrunde liegende Adelsgeschlecht stammt auch sie selbst aus einer evangelischen Familie. In Bayern geboren und in einem nach eigenen Angaben pro-jüdischen und pro-israelischen Haushalt aufgewachsen, zog von Schnurbein nach dem Abitur nach Prag. Dort studierte sie Politikwissenschaft und Slawistik, mit späteren Aufenthalten in Bonn und Oxford. Seit 2002 arbeitete sie für die Europäische Kommission. Gestartet als Pressereferentin in Tschechien, ging sie zwei Jahre später als Sprecherin des ersten tschechischen EU-Kommissars Vladimir Špidla nach Brüssel.

In der belgischen Hauptstadt wurde sie 2010 Beraterin des damaligen EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso. Fünf Jahre später übernahm sie schließlich das neu geschaffene Amt der EU-Antisemitismusbeauftragten. In dieser Zeit arbeitete sie maßgeblich an der ersten EU-Strategie gegen Antisemitismus mit, die 2021 verabschiedet wurde. Mit den jüdischen Gemeinden und Organisationen in Europa und Nordamerika soll sie gut vernetzt sein. Verständigen kann sie sich mit ihnen auf fünf Sprachen. Für ihre Arbeit erhielt die vierfache Mutter, die mit einem niederländischen Juristen verheiratet ist, 2024 die Ehrendoktorwürde der israelischen Ben-Gurion-Universität.

„Sie ist eine intelligente Frau mit einer gewinnenden Persönlichkeit“

Ihre Erfahrungen in der EU sieht der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und ehemalige Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck als entscheidenden Vorteil. „Sie hat einiges vorangebracht in der EU, wo sich die Arbeit ja noch mal bürokratischer und schwerfälliger gestaltet als in der Bundespolitik“, fasst er im Gespräch mit der Redaktion zusammen. Er beschreibt sie als intelligente Frau mit einer gewinnenden Persönlichkeit. „Das könnte hilfreich sein.“ Beck wünscht sich, dass sie drei zentrale Baustellen angeht: die strafrechtliche Ahndung von Vernichtungsdrohungen gegen Israel, einen besseren Schutz vor antisemitischer Diskriminierung von Israelis und eine Reform des Haushaltsrechts, damit antisemitische Organisationen keine staatlichen Fördermittel erhalten. Seiner Meinung nach ist von Schnurbein eine gute Wahl für das Amt.

Auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sieht das so. „Es ist kein Staatsgeheimnis, dass es vor ihrer Berufung durch das Bundeskabinett intensive Gespräche zwischen dem Innenministerium und dem Zentralrat, konkret zwischen Herrn Bundesinnenminister Dobrindt und mir, gab. Frau von Schnurbein ist eine absolute Wunschkandidatin“, erzählt er der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Alexander Dobrindt (CSU) selbst hebt die jahrelange Erfahrung der EU-Beamtin hervor: „Mit Katharina von Schnurbein gewinnen wir eine ausgewiesene Expertin im Kampf gegen Antisemitismus. Sie verfügt über beste Kontakte in die jüdische Gemeinschaft und genießt dort hohes Ansehen.“

Einigen Europaabgeordneten und NGOs ist sie ein Dorn im Auge

Doch nicht alle sind so voll des Lobes für die 53-Jährige. Im EU-Parlament sah sich die Deutsche im vergangenen Sommer mitunter wegen ihres Bekenntnisses zum Existenzrecht Israels heftiger Kritik ausgesetzt, linke Abgeordnete forderten ihre Entlassung. Der zuständige EU-Kommissar stellte sich schützend vor von Schnurbein. Doch die Rufe verhallten nicht: Im Februar verliehen mehrere Nichtregierungsorganisationen der Ablösungs-Forderung in einem offenen Brief an Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Nachdruck. Daraufhin stärkten ihr Dutzende jüdische Verbände öffentlich den Rücken.

Spannende Politik-Einblicke aus der EU

Von Schnurbein selbst schaut ihrer neuen Aufgabe „mit großem Respekt, Demut, aber auch dem nötigen Gestaltungswillen entgegen“, wie sie sagt. Viele Jüdinnen und Juden fühlten sich auf der Straße, an Universitäten und in Schulen nicht mehr sicher und würden sich nicht mehr als Jüdinnen und Juden zu erkennen geben. „Antisemitismus, der sich direkt gegen Jüdinnen und Juden richtet, müssen wir jederzeit entschlossen bekämpfen. Aber gerade auch als geschlossenes Weltbild untergräbt Antisemitismus die Grundprinzipien unserer freiheitlichen demokratischen Gesellschaft.“