Vor ein paar Tagen erst hatte Friedrich Merz sich öffentlich von der Idee verabschiedet, dass seine persönlichen Beliebtheitswerte noch einmal deutlich steigen könnten. Er habe nicht vor, der „Liebling der Nation“ zu werden, sagte er da. Nimmt man nun den Deutschlandtag der Jungen Union als Gradmesser, dann kann man für den Kanzler nur hoffen, dass er sich auch aus innerparteilicher Beliebtheit nicht allzu viel macht.

Deutschlandtag in Bonn: Die große Eskalation vom vergangenen Jahr bleibt aus

Denn eine Wiederholung des großen Streits aus dem letzten Jahr bleibt beim diesjährigen Treffen der Parteijugendorganisation von CDU und CSU zwar aus. Doch bei Merz‘ Rede am Samstag wird auch deutlich, dass der eigene Parteinachwuchs ihm nur unwesentlich mehr Wärme entgegenbringt als der Durchschnitt der Bevölkerung.

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Dabei war Merz erkennbar mit dem Plan nach Bonn gekommen, das strapazierte Verhältnis zur Jungen Union zu verbessern. Angesichts der großen Herausforderungen der Zeit brauche es „uns, die Junge Union und die CDU“, wiederholt er gleich mehrmals. Auch die Arbeit einzelner junger Abgeordneter wie Johannes Volkmann und JU-Chef Johannes Winkel hebt er hervor.

Doch so richtig will die rund 50-minütige Rede im World Conference Center nicht zünden, Merz‘ Zielbild von einem guten Leben in Deutschland im Jahr 2040 bleibt weitgehend unspezifisch. Die größte Zustimmung gibt es für den Kanzler, als Merz SPD und Grüne auffordert, nicht weiter mit der Linkspartei über eine Koalition in Berlin zu verhandeln: „Wer die politische Mitte stärken will, darf mit Linksradikalen keine Gespräche führen“, ruft er. „Das geht nicht! Hört auf damit!“

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Der Applaus für Merz zum Ende seiner Rede fällt eher pflichtschuldig aus als warm. Was in der Halle im Bonner World Conference Center an diesem Tag spürbar wird: Zwischen dem Kanzler und der Jugendorganisation, die lange zu seinen wichtigsten Unterstützergruppen in der Partei gehörte, ist etwas kaputt gegangen, und das schon vor längerer Zeit.

Der Bundeskanzler verspricht einen zügigen Zeitplan für die Rentenreform

Zu besichtigen gewesen war das schon im vergangenen Jahr. In der Auseinandersetzung um das damalige Rentenpaket, dass der Parteinachwuchs als zutiefst ungerecht gegenüber der jungen Generation empfand, hatte die JU damals auf Unterstützung des Kanzlers gehofft – und holte sich stattdessen eine verbale Ohrfeige ein. „Das kann doch nicht euer Ernst sein!“, kanzelte Merz die Delegierten damals zu ihrer Blockade im Rentenstreit ab. Bitter enttäuscht waren viele JUler von dem Mann, in den sie ihre Hoffnungen auf Reformen gesetzt hatten.

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Ein Jahr später hilft es da auch nicht, dass der Kanzler bei seinem diesjährigen Auftritt wiederholt betont, die geplanten Beschlüsse zur Rentenreform sollen noch in diesem Jahr im Kabinett fallen – „so wie wir es besprochen haben“. Eine erste Lesung im Bundestag soll demnach noch vor Jahresende stattfinden. Die Jungen, versichert Merz, hätten ihn in dieser Sache an ihrer Seite. Das Gelingen der Reformen erklärt er sogar zur Schicksalsfrage der Partei: Wenn man bis zur nächsten Wahl nicht bewiesen habe, dass die deutsche Wirtschaft wieder wachsen könne und die sozialen Sicherheitssysteme reformiert seien, „dann haben wir bei der nächsten Bundestagswahl keine Chance“.

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Die Reform der Alterssicherung ist aus Sicht der Nachwuchsorganisation nach wie vor das Drängendste unter den Reformvorhaben der Bundesregierung. Pascal Reddig, Chef der Jungen Gruppe im Bundestag, war einer von drei Bundestagsabgeordneten, der als Teil der Rentenkommission die 33 Vorschläge für eine Reform der Alterssicherung mitverhandelt hat. Und sowohl die Existenz der Kommission selbst als auch die Ergebnisse betrachten sie bei der JU durchaus als ihr Verdienst. JU-Chef Johannes Winkel, am Freitagabend mit fast 95 Prozent im Amt bestätigt, hatte zur Eröffnung des Treffens klargemacht, dass die JU jetzt die zügige Umsetzung der Vorschläge erwartet – einschließlich der Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren, auch bekannt als Rente mit 63.

Das Vertrauen in Merz: Inzwischen auf „Liz-Truss-Level“

Die Versicherung des Bundeskanzlers, sich dafür einzusetzen müsste beim Deutschlandtag also eigentlich für gute Stimmung sorgen. Doch vor allem in Diskussion nach der Kanzlerrede wird klar: Viele in der Halle zweifeln, ob der Kanzler wirklich in Lage sein wird, umzusetzen, was er ihnen verspricht. Gleich mehrere Delegierte appellieren an den Kanzler, seinen Worten tatsächlich auch Taten folgen zu lassen.

Konkret formuliert es zum Ende der Aussprache ein junger Delegierter: „Ich verstehe viele, viele Menschen in unserem Land, die sagen, sie haben kein Vertrauen mehr in Sie“, sagt er Merz. Noch 10 Prozent Zustimmung für Merz in einer Umfrage, das sei „Liz Truss-Level, in den letzten Tagen ihrer Amtszeit“. Truss war im Herbst 2022 für nur rund eineinhalb Monate lang britische Premierministerin. Und er setzt noch einen drauf und fragt Merz: „Wenn Ihnen Ihr Land, Ihre Partei so am Herzen liegt, nehmen Sie dann Ihren Dienstwagen, fahren Sie zum Bundespräsidenten um um Ihre Entlassung zu bitten?“

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Das geht JU-Chef Winkel dann doch zu weit: Man wolle zwar hart in der Sache sein, aber „smart“ in der Sprache, mahnt er. Und verlorenes Vertrauen werde man nicht wiederherstellen, in dem man jetzt „wegläuft“. Merz, der zu diesem Zeitpunkt neben Winkel sitzt, nickt. Inhaltlich geht er auf die Rücktrittsforderung nicht ein.

In Merz‘ Richtung gewandt, ergänzt Winkel noch: „Wenn wir es schaffen, Entscheidungen wirklich umzusetzen, dann hast du uns an deiner Seite.“ Es ist aus Sicht der JU ein großes Wenn.