1989, wenige Monate vor dem Fall der Berliner Mauer, ging ein US-Politikwissenschaftler ein Risiko ein und legte sich in einem Aufsatz darauf fest, dass es für die Menschheit keine bessere und erfüllendere Gesellschaftsform geben würde als die liberale Demokratie. Sein Name war Francis Fukuyama, und mit dem Essay unter dem Titel „Das Ende der Geschichte“ wurde er bekannt. Heute sagt er: „Der Aufstieg der Populisten hat mich besonders in den USA überrascht.“
Herr Fukuyama, wenn Sie Ihren Essay „Das Ende der Geschichte“ heute noch einmal lesen: Was davon würden Sie noch unterschreiben?
Francis Fukuyama: Nun, das ist einer der Gründe, warum ich das Buch geschrieben habe. Viele Leute haben den Essay aus dem Sommer 1989 nicht bis zum Ende gelesen, und das Buch von 1991 schon gar nicht. Damals stand die Welt an der Schwelle zu einer großen demokratischen Expansion. Die Berliner Mauer fiel, die Sowjetunion löste sich auf, und die Zahl der Demokratien stieg von etwa 35 auf über 100.
Wie ist die Situation heute?
Es besteht kein Zweifel daran, dass sich die Demokratie seit etwa 2008 auf dem Rückzug befindet. In diesem Sinne ist der Optimismus verschwunden. Aber der Punkt des Buches war nie eine kurzfristige Vorhersage. Es ging vielmehr um die Frage, ob es noch eine weitere Stufe der Geschichte geben würde. Die Marxisten glaubten, dass es ein Ende der Geschichte geben werde, aber dass dieses Ende der Kommunismus sei. Meine Beobachtung war: Wenn es ein Ende der Geschichte geben sollte, dann wäre es nicht der Kommunismus, sondern etwas wie die Demokratie. Und ich denke, das gilt nach wie vor. Ich bin nicht sicher, dass es eine offensichtliche nächste Stufe historischer Entwicklung gibt, auf die wir uns alle zubewegen. Es ist nicht China, ich glaube nicht, dass es Iran ist, und ganz sicher nicht Russland.
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Hat Sie in diesem Zusammenhang der Aufstieg von Donald Trump, der MAGA-Bewegung und rechtspopulistischer Kräfte weltweit überrascht?
Ja. Besonders in den Vereinigten Staaten hat mich das überrascht. Ich dachte, die demokratischen Institutionen Amerikas seien stärker, als sie sich erwiesen haben. Dass Trump 2016 gewählt wurde, war vielleicht nicht so überraschend. Aber dass er versuchen konnte, die Wahl von 2020 zu kippen, und danach noch ein zweites Mal gewählt wurde, das war eine echte Überraschung. Ich hätte die amerikanischen Wähler für klüger gehalten.
Sie haben Trump schon in „Das Ende der Geschichte“ erwähnt, obwohl er damals keinerlei politische Ambitionen hatte. Warum?
Jede Demokratie muss mit sehr ehrgeizigen Menschen umgehen. Ich habe dafür den Begriff Megalothymia verwendet: Menschen, die als überlegen gegenüber anderen anerkannt werden wollen. In einer Demokratie muss man mit einer solchen Art von Ehrgeiz umgehen. Damals schrieb ich, dass man in einer kapitalistischen Gesellschaft Reichtum erwerben könne. Auf diese Weise könne man Anerkennung gewinnen, ohne über die Politik gehen zu müssen. In diesem Zusammenhang erwähnte ich Donald Trump. Und damit lag ich falsch. Es stellte sich heraus, dass es für ihn nicht ausreichte, reich zu sein. Er wollte auch politische Macht. Aber sein Fall illustriert das Problem der Anerkennung in einer Demokratie: Es gibt Menschen, deren Ehrgeiz sich nur sehr schwer begrenzen lässt.

Was ist Trump aus heutiger Sicht eigentlich? Ein Populist? Ein Nationalist? Ein Autoritärer? Oder etwas ganz Neues?
Er ist eindeutig autoritär. Obwohl er über eine Mehrheit im Kongress verfügt, möchte er den Kongress gar nicht nutzen. Er möchte Befehle geben und erwartet, dass sie ausgeführt werden. Er hat keinen wirklichen Respekt vor verfassungsrechtlichen Grenzen. Er glaubt, dass er alles tun können sollte, was er möchte. Der Supreme Court hat ihn leider weitgehend vor Verantwortung geschützt. Ich glaube außerdem nicht, dass man ihn ideologisch verstehen kann. Er ist so stark auf sich selbst bezogen, dass er jede Position übernehmen würde, wenn sie ihm kurzfristig nützt.
Wodurch unterscheidet sich die MAGA-Bewegung vom klassischen amerikanischen Konservatismus?
Fukuyama: Reagan glaubte an die Demokratie als universellen Wert und daran, dass man andere Länder unterstützen sollte, die gegen Autoritarismus kämpften. Reagan war außerdem überzeugt, dass Einwanderung das Land stärkt. Für die MAGA-Bewegung hingegen ist der Wunsch nach geschlossenen Grenzen wahrscheinlich das wichtigste politische Anliegen. Der frühere Konservatismus war nicht anti-intellektuell. Die republikanische Partei war gebildet und kosmopolitisch, ähnlich wie die Mitte-rechts-Parteien in Europa. Das alles ist verschwunden. Wenn man sich heute den Angriff der MAGA-Bewegung auf die Universitäten ansieht, dann steckt dahinter vor allem Ressentiment. Man glaubt, wissenschaftliche Forschung nicht unterstützen zu müssen, weil man weder versteht, worum es dabei geht, noch warum sie wichtig ist.
News aus den USA
Schon 1989 beschrieben Sie ein Problem, das heute sehr aktuell klingt: Ein Mensch kann materiell abgesichert und politisch frei sein und dennoch tief unzufrieden. Warum ist das so?
Um diese Frage zu beantworten, muss man auf die Ebene der menschlichen Psychologie zurückgehen. Es gibt einen Teil der menschlichen Psyche, den Platon Thymos nannte. Es ist ein starker Drang nach Anerkennung. Viele heutige Populisten haben das Gefühl, von den Eliten nicht respektiert zu werden.
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Haben liberale Gesellschaften diesen Wunsch unterschätzt?
Wenn man Bürgerrechte besitzt, bedeutet das, dass der Staat einen als Menschen anerkennt. Man hat das Recht zu sprechen, zu glauben, sich zu organisieren und politische Macht mitzugestalten. Dieses Mindestmaß an Anerkennung fehlt in autoritären Staaten. Das Problem ist jedoch, dass die formale Gewährung von Rechten nicht automatisch bedeutet, dass Menschen sich gesellschaftlich auch anerkannt fühlen.
Das ist auch ein Thema, das immer wieder angesprochen wird, wenn es um die Lebensleistung der Ostdeutschen geht. Sie waren 1989 in Berlin, just eine Woche vor dem Fall der Berliner Mauer. Haben Sie das kommen sehen?
Es war ein wirklich erstaunliches Jahr. 1989 arbeitete ich im State Department im Planungsstab. Im Mai schrieb ich nach den Umstürzen in Polen und Ungarn in einem Bericht für US-Außenminister James Baker, es sei schwer vorstellbar, dass Ostdeutschland als stalinistische Bastion überleben könne, während der Rest Osteuropas demokratisch werde. Daher müssten wir über eine deutsche Wiedervereinigung nachdenken. Alle Deutschland-Experten im State Department erklärten mir, das sei völlig absurd.
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Über die Art, wie die Wiedervereinigung umgesetzt wurde, wird bis heute gestritten. Viele Ostdeutsche verspüren Frust, fühlen sich nicht gesehen und wählen zu bedeutenden Teilen die AfD. Was geschieht mit einer liberalen Demokratie, wenn eine Partei dauerhaft ein Viertel oder mehr der Wähler repräsentiert und trotzdem nicht an der Regierung beteiligt wird?
Viele populistische Parteien sind in der Opposition erfolgreich. Ich halte es für möglich, dass die AfD einen Großteil ihrer Anziehungskraft verlieren würde, sobald sie Verantwortung dafür trägt, dass Straßen asphaltiert werden, Müll abgeholt wird und der Staat funktioniert. Deshalb könnte eine Koalition mit ihr eine weniger gefährliche Entwicklung sein, als viele Menschen annehmen. Eine populäre Partei dauerhaft auszugrenzen, ist jedenfalls keine besonders überzeugende Strategie.
Lassen Sie uns auf Ihre eigene Familiengeschichte schauen. Teile Ihrer japanisch-amerikanischen Familie wurden nach dem Angriff auf Pearl Harbor interniert. Wie beeinflusst diese Erfahrung Ihren Blick auf die heutige amerikanische Politik?
Das hat eine sehr direkte Relevanz. Ich hatte angenommen, dass die Vereinigten Staaten spätestens in der Reagan-Ära eine nationale Identität entwickelt hätten, die nicht auf Religion oder Ethnizität beruht. Ich glaubte, Amerikaner werde man durch den Glauben an die Verfassung, Rechtsstaatlichkeit und demokratische Prinzipien. Heute gibt es jedoch viele Menschen auf der Rechten, die das infrage stellen. JD Vance etwa sagt ausdrücklich, Amerikaner zu sein sei nicht nur eine Frage von Ideen. Es gehe auch um Herkunft, Abstammung und die Zahl der Generationen, die man zurückverfolgen könne. Es ist schrecklich, wie mit Menschen ohne Aufenthaltsstatus umgegangen wird. ICE hat sogar amerikanische Staatsbürger ohne ordentliches Verfahren festgenommen. Wir haben die Lehren aus den Internierungen nicht so gut gelernt, wie ich es lange glaubte. Tatsächlich würde ich nach Trumps Vorstellungen selbst kein Staatsbürger sein, denn meine Mutter befand sich bei meiner Geburt lediglich mit einem Studentenvisum in den Vereinigten Staaten.
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Was ist die wichtigste Lektion, die Sie in den 37 Jahren seit Erscheinen Ihres berühmten Essays gelernt haben?
Wir stehen vor dem Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Es ist durchaus möglich, dass die Demokratie eine solche technologische Welt nicht überlebt. KI könnte vielen gewöhnlichen Bürgern die wirtschaftliche Grundlage entziehen. Schon jetzt trägt sie dazu bei, Vermögen stärker zu konzentrieren. Und eine ganz aktuelle Sorge ist, ob wir die von uns geschaffenen Maschinen überhaupt kontrollieren können. Es ist keineswegs sicher, dass uns das gelingt.
Was bedeutet das für die politische Öffentlichkeit?
Ich bin nicht sicher, ob die Wähler früher wirklich so viel klüger waren. Das größere Problem besteht darin, dass man heute gefälschte Videos, Audios und andere Inhalte erzeugen kann. Die Glaubwürdigkeit dessen, was man online sieht, lässt sich nicht mehr voraussetzen.
Wenn Sie auf die kommenden drei Jahrzehnte schauen: Worauf setzen Sie Ihre Hoffnung?
Es ist möglich, dass dieser populistische Moment nur ein weiterer historischer Rückschlag ist und wir letztlich wieder zu einer vernünftigeren Form liberaler Politik zurückkehren. Aber: Moderne Demokratien haben tatsächlich strukturelle Probleme. Es haben sich im Laufe der Zeit zu viele Regeln angesammelt. Dadurch wird es extrem schwierig, wichtige Projekte umzusetzen, etwa beim Infrastrukturbau. Ich bin überzeugt, dass tiefgreifende Reformen nötig sind. Bislang ist uns das jedoch nicht gelungen.













