Wer – im Kontext des Vergewaltigungskandals an der noblen Cornell-Universität – verstehen will, warum Amerikas „Fraternities” jeden neuen Skandal überleben, muss zunächst eine deutsche Assoziation abhaken. Mit schlagenden Burschenschaften, Mensurnarbe und Kaiserreichsfolklore haben diese männlichen Studentenverbindungen so viel gemein wie ein Country-Club mit einem Schützenverein. Fraternities sind soziale Verbünde, die Wohnhäuser, Ehemaligennetzwerke, Karrierebörsen und manchmal abgeschottete Männerwelten mit eigenen Loyalitäten und einem erstaunlich zähen Schweigekodex bieten. Man erkennt sie an den griechischen Buchstaben über der Tür: Sigma Chi, Beta Theta Pi, Delta Kappa Epsilon, Chi Phi.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Wer aufgenommen wird, ist „Brother“, oft ein Leben lang. Im Haus wird gewohnt, gegessen, gefeiert; Alumni empfehlen Praktika und Jobs. Cornell, eine der Elite-Hochschulen der Ivy League, wirbt selbst mit Alumni-Datenbanken und Treffen zum Networking. An der Universität gehören heute mehr als 3000 Studenten, etwa ein Drittel der Undergraduates, zu über 50 Fraternities und Sororities (weibliche Clubs). Die Häuser gehören teils Alumni-Gesellschaften oder nationalen Verbänden; Ehemalige beraten und spenden. Das erklärt einen Teil ihrer Haltbarkeit. Eine Fraternity ist nicht bloß eine Partygruppe aus 20-Jährigen, die man nach einem schlimmen Wochenende auflösen kann. Hinter einem lokalen Chapter stehen häufig nationale Organisationen, Alumni-Apparate, Immobilien, Stiftungen und viel, viel Geld. Die „North American Interfraternity Conference“ vertritt 58 Organisationen mit mehr als 6000 Chapters an über 550 Hochschulen, rund 250.000 Studenten und fast 4,2 Millionen Alumni.
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Cornell-Skandal: Fraternities prägen Karrieren und grenzen zugleich Außenseiter aus
Das ist gesellschaftliche Infrastruktur. Ihre Reichweite zeigen die Namen. Delta Kappa Epsilon zählt fünf US-Präsidenten zu seinen Mitgliedern: Rutherford B. Hayes, Theodore Roosevelt, Gerald Ford sowie George H. W. und George W. Bush; außerdem FedEx-Gründer Fred Smith. Beta Theta Pi führt Walmart-Gründer Sam Walton, Nike-Mitgründer Bill Bowerman und mehrere Senatoren. Sigma Chi verwies zuletzt stolz darauf, gleichzeitig zehn Mitglieder im Kongress zu haben. Eine seriöse Rangliste, welche Verbindung die meisten Minister oder CEOs hervorgebracht hat, gibt es nicht.
Die Botschaft ist klar: Wer mit 19 einen Bruder gewinnt, kann Jahrzehnte später einen Senator oder Vorstandschef anrufen. Gerade deshalb ist die andere Geschichte der Fraternities so verstörend. Dieselbe Loyalität, die Freundschaft und Halt schafft, kann Abschottung erzeugen. „Pledges“, Anwärter auf die Mitgliedschaft, werden traditionell in Ritualen auf Belastbarkeit und Unterordnung geprüft. Vieles ist harmlos, „Hazing” nicht. Darunter sind ritualisierte Aufnahmeprüfungen zu verstehen, bei denen Anwärter durch Demütigungen, körperliche Belastungen, Trinkzwang oder andere Mutproben ihre „Zugehörigkeit“ beweisen sollen. 44 Bundesstaaten und der Hauptstadtbezirk District of Columbia haben Anti-Hazing-Gesetze; wie streng sie sind und wen sie erfassen, unterscheidet sich erheblich. Die Bundesregierung zog erst Ende 2024 nach.
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Alkohol, Gruppendruck, Statusrituale und vor allem Loyalität
Der vom damaligen Präsidenten Joe Biden unterzeichnete „Stop Campus Hazing Act“ zwingt Hochschulen inzwischen, Hazing-Fälle statistisch zu erfassen, Präventionsprogramme anzubieten und zweimal jährlich öffentlich zu machen, welche anerkannten studentischen Organisationen wegen Hazing belangt wurden und welche Sanktionen folgten.

Fraternities in den USA: Alkohol, Gruppenzwang und sexuelle Gewalt im Fokus
Noch heikler ist die Verbindung von Gruppenloyalität, Alkohol und Sexualität. Eine Studie mit rund 800 jungen Männern an einer amerikanischen Universität kam zu dem Ergebnis, dass Fraternity-Mitglieder über die ersten beiden College-Jahre hinweg 62 Prozent häufiger selbst sexuelle Aggression angaben als Nichtmitglieder. Zugleich traten Männer mit stärkerem Bingedrinking (Komasaufen) und freizügigeren sexuellen Einstellungen eher einer Fraternity bei. Die Häuser ziehen Risiken also teilweise an – und können sie zugleich verstärken. Das sagt nichts über den einzelnen „Brother“. Es ist eine Warnung vor einer sozialen Versuchsanordnung: viel Alkohol, Gruppendruck, Statusrituale und eine Kultur, in der Loyalität schnell höher bewertet wird als Widerspruch.
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Cornell liefert gerade das bedrückende Anschauungsmaterial. Eine ehemalige Studentin, in den Akten „Jane Doe“, wirft sieben früheren Studenten vor, sie 2024 im Chi-Phi-Haus nach Alkohol- und Drogenkonsum vergewaltigt zu haben. Die Männer bestreiten die Vorwürfe. Strafrechtlich wurde zunächst niemand angeklagt; nach massiver Kritik entzog Gouverneurin Kathy Hochul dem örtlichen Staatsanwalt den Fall und übergab ihn Generalstaatsanwältin Letitia James. Cornell suspendierte Chi Phi und verhängte interne Sanktionen. Mehr als 1000 Menschen demonstrierten. Der Fall ist offen – und gerade deshalb taugt er nicht für Vorverurteilungen, wohl aber als Brennglas. Cornell kennt dieses Brennglas seit Jahren. 2011 starb der Student George Desdunes nach alkoholbezogenem Hazing bei Sigma Alpha Epsilon. 2019 wurde Antonio Tsialas tot in einer Schlucht gefunden, nachdem er zuletzt auf einer nicht angemeldeten Party von Phi Kappa Psi gesehen worden war. Cornell verschärfte Regeln, verpflichtete Wohnhäuser zu Lebensberatern und entzog Phi Kappa Psi 2020 dauerhaft die Anerkennung. Trotzdem erklärte Cornell noch im Mai 2026, Fraternities und Sororities seien wichtige Orte für Zugehörigkeit, Führung und bürgerschaftliches Engagement.
Nicht nur Cornell: Schreckliche Vorfälle in anderen Fraternities
Andere Hochschulen haben härter durchgegriffen. Penn State etwa verbannte Beta Theta Pi nach dem Hazing-Tod des Studenten Timothy Piazza dauerhaft. Am Elite-College Swarthmore lösten sich 2019 beide Fraternities auf, nachdem interne Dokumente mit rassistischen, homophoben und frauenverachtenden Einträgen sowie Anspielungen auf einen „Vergewaltigungsdachboden“ öffentlich geworden waren. Williams College hatte Fraternities bereits 1962 abgeschafft; Amherst verbot 2014 auch die bis dahin im Untergrund weiterexistierenden Verbindungen.
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Warum machen Cornell und Hunderte anderer Universitäten nicht dasselbe? Weil sie damit nicht nur gefährliche Partys beseitigen würden. Sie würden Wohnraum, Alumni-Strukturen, Spendenkreise, Traditionspflege und einen beträchtlichen Teil des sozialen Campuslebens zerschlagen. Und sie würden etwas bekämpfen, das viele Mitglieder als Heimat, Freundeskreis fürs Leben und Trainingsplatz für Führung erleben. Der amerikanische Hochschulbetrieb hat Fraternities nicht versehentlich geduldet, er hat sie über Generationen mitgebaut. Darin liegt das Paradox. Die USA lieben Netzwerke und misstrauen geschlossenen Eliten; Fraternities sind beides zugleich. Sie können einen schüchternen Erstsemester auffangen – und einen übergriffigen Studenten vor Widerspruch abschirmen. Sie können Geld für Wohltätigkeit sammeln – und nachts Partys feiern, deren Regeln draußen niemand kennt. Der Fall „Jane Doe” in Cornell markiert die Extreme.











