Der Empfang ist freundlich im Pentagon, aber Boris Pistorius richtet gleich zum Auftakt einen dramatischen Appell an US-Kriegsminister Pete Hegseth: Die USA müssten Deutschland gegen die russische Bedrohung jetzt so beistehen, wie Deutschland die Amerikaner nach dem 9/11-Terroranschlag 2001 unterstützt habe, so lautet zusammengefasst die Botschaft des Verteidigungsministers bei seinem Besuch in Washington. Pistorius und Hegseth sitzen sich Auge in Auge gegenüber im kleinen Besprechungsraum des US-Verteidigungsministeriums, als der deutsche Gast daran erinnert, wie die Nato damals – zum ersten und bislang einzigen Mal – den Bündnisfall ausgerufen hatte, um den USA nach dem Terroranschlag militärisch zu helfen. Was dann zum verlustreichen und am Ende gescheiterten Nato-Einsatz in Afghanistan führte.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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„Heute müssen wir wieder zusammenstehen gegen die Bedrohung, die von Russland ausgeht“, fordert Pistorius und beschwört die „enge strategische Partnerschaft“ der USA und Deutschlands. Es ist ein brisanter Vergleich zwischen dem gemeinsamen „Krieg gegen den Terror“ vor 25 Jahren und der heutigen Sicherheitslage, er stützt sich wohl auf die steigende Zahl hybrider Angriffe in Europa, hinter denen wahrscheinlich Russland steckt – zuletzt beim knapp gescheiterten Terroranschlag am Flughafen Leipzig.

Nicht nur Pistorius treibt eine große Sorge um, deshalb die Mahnung: Während sich die Hinweise auf russische Provokationen gegen die Nato mehren, bereitet die US-Regierung ausgerechnet jetzt einen teilweisen Rückzug der US-Truppen aus Europa vor. Wie viele der rund 80.000 Militärangehörigen abgezogen werden, dürfte spätestens zum Jahresende feststehen; der im Frühjahr verkündete Abzug von 5000 US-Soldaten aus Deutschland war nur ein kleiner Anfang. Im US-Verteidigungsministerium werden gerade die Pläne erarbeitet. Es geht wohl um einen groß angelegten Rückzug in den kommenden Jahren. Mit dem US-Konzept der „Nato 3.0“ sollen die Europäer die Hauptverantwortung für die konventionelle Verteidigung übernehmen. Schon vor einigen Monaten haben die USA ihre Zusagen für den Verteidigungsfall in Europa reduziert: Sie stellen in der Nato weniger Kampfflugzeuge, strategische Bomber, U-Boote und Kriegsschiffe.

US-Truppenabzug: Pistorius warnt vor gefährlichen Fähigkeitslücken

Mittelfristig werden sich die USA in Europa auf Fähigkeiten konzentrieren, die die europäischen Streitkräfte so schnell nicht ersetzen können: etwa nukleare Abschreckung, Aufklärung, Führung und Kontrolle. Aber was wann genau passiert, ist unklar. Die Notwendigkeit einer Lastenverschiebung haben die Europäer längst anerkannt, aber sie fürchten, dass ein schneller Truppenabzug den russischen Präsidenten Wladimir Putin dazu ermutigen könnte, die Nato zu testen. „Wir müssen verhindern, dass gefährliche Fähigkeitslücken entstehen“, warnt Pistorius in Washington. Inzwischen gibt es solche Befürchtungen auch unter US-Sicherheitsexperten und führenden Politikern im US-Senat – erst recht, seit CIA-Chef John Ratcliffe kürzlich in Moskau versucht haben soll, Russland vor neuen Abenteuern gegen die Nato abzuhalten.

Verteidigungsminister Pistorius beginnt US-Reise
Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD, l.) und sein US-Amtskollege Pete Hegseth (r.) beim Treffen im Pentagon.© Kay Nietfeld/dpa | Kay Nietfeld

Pistorius drängt im Pentagon darauf, dass der Rückzug abgestimmt und mit festem Zeitplan verläuft, damit die Fähigkeitslücken geschlossen werden können. Das wird Jahre, in einigen Fällen ein Jahrzehnt, dauern. Hegseth zeigt zwar Verständnis für die Nöte der Europäer. Aber was zählt das? Nicht einmal den Termin, wann der Plan vorgelegt wird, hat Pistorius von Hegseth erfahren. Die Entscheidung fällt am Ende US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus, womöglich noch vor den Zwischenwahlen Anfang November. „Wir wissen nicht, wie es ausgeht. Es ist völlig offen“, heißt es besorgt unter beteiligten Regierungsbeamten in Berlin. „Es darf keine Abschreckungslücken geben.“

Zur Vorbereitung der Truppenpläne hat die US-Regierung allen Nato-Partnern einen Fragebogen übermittelt, um zu hören, wie die Alliierten das neue US-Konzept für die „Nato 3.0“ unterstützen. Darin wird auch die Bereitschaft erfragt, mehr US-Rüstungsgüter zu kaufen. Eigentlich wollen die Europäer ja ausdrücklich ihre eigene Rüstungsindustrie ausbauen und unabhängiger werden – die US-Regierung fürchtet nun, dass ihre Rüstungsfirmen bei den Aufrüstungsprogrammen benachteiligt werden. Die Bundesregierung hat den Fragebogen ausführlich und selbstbewusst beantwortet, wie es in Berlin heißt.

Deutschland hat im Vergleich gute Karten: Bei der geplanten Steigerung der Verteidigungsausgaben steht es mit an der Spitze der Nato-Staaten. „Wir sind treibende Kraft bei der neuen Lastenverteilung“, sagt Pistorius beim Treffen mit Hegseth. Der Kriegsminister ist ungewöhnlich freundlich, lobt die Deutschen als Musterschüler beim Umbau der Nato. Pistorius wiederum kommt dem Wunsch Washingtons, mehr US-Waffen zu kaufen, nur zu gern nach. Das Geld ist da. Rüstungsgüter für 50 Milliarden Dollar hat Deutschland bereits geordert, rechnet Pistorius vor, vom F-35-Kampfflugzeug bis zum Seeaufklärer Poseidon. Doch jetzt geht es um mehr. Die beiden Minister unterzeichnen eine Absichtserklärung über die verstärkte Zusammenarbeit bei Rüstungsprojekten, von der Entwicklung über die Produktion bis hin zur Lizenzfertigung, um die Fertigungskapazitäten schnell zu steigern.

Pistorius will US-Hightech-Waffen auch in Deutschland produzieren lassen

Das US-Militär hat wegen des Iran-Kriegs große Lücken in seinen Beständen, etwa bei Flugabwehrraketen oder Marschflugkörpern. Die Reserven muss jetzt die US-Rüstungsindustrie erst mal auffüllen, Lieferungen an ausländische Kunden werden sich verzögern. Pistorius bietet erneut an, dass die US-Hersteller in Partnerschaft mit deutschen Rüstungsunternehmen auch hierzulande produzieren könnten. Die Bereitschaft der US-Seite zu Rüstungskooperationen im Hightech-Segment ist bislang aber begrenzt, das technologische Know-how soll nicht preisgegeben werden.

Tomahawk-Marschflugkörper fliegt in einem bewölkten Himmel. Konzept für Militärtechnologie, moderne Kriegsführung und Luft- und Raumfahrtabwehr.
Ein Tomahawk-Marschflugkörper.© picture alliance / CHROMORANGE | Ales Utouka

So beginnt jetzt zwar die Lizenzproduktion von amerikanischen Patriot-Flugabwehrraketen im bayerischen Schrobenhausen, doch gefertigt wird nur die ältere Patriot-Serie Pac-2. Der Lizenzproduktion der neuen Variante Pac-3, mit der das ukrainische Militär große Erfolge gefeiert hat, stimmen die USA bislang nicht zu. Über die Lieferung von weitreichenden Tomahawk-Marschflugkörpern haben sich Berlin und Washington zwar grundsätzlich geeinigt, doch die Hoffnung, die ersten Systeme könnten 2029 einsatzbereit sein, hat sich zerschlagen. Auf das Angebot, die Marschflugkörper in Deutschland zu bauen, ist die US-Seite bislang nicht eingegangen. Stattdessen heißt es nun, mit einer ersten Lieferung werde nicht vor 2031 gerechnet.

Solche Zeitlinien „sind für uns zu spät“, stellt Pistorius nach dem Gespräch mit Hegseth klar. Die US-Seite habe zugesagt, sich um Schnelligkeit zu bemühen. Nüchtern erklärt der Verteidigungsminister, man müsse abwarten, was nach der Absichtserklärung zur Rüstungskooperation passiere: „Die Arbeit beginnt jetzt.“