Die Nato-Staaten haben eines der größten militärischen Investitionsprojekte seit Jahrzehnten besiegelt: Nato-Generalsekretär Mark Rutte kündigte beim Gipfel in Ankara an, künftig sollten Flugzeuge des kanadischen Herstellers Bombardier genutzt werden, die mit dem Aufklärungs- und Frühwarnsystem GlobalEye des schwedischen Rüstungskonzerns Saab ausgerüstet sind. Die Bestellung werde bis zu zehn Flugzeuge umfassen, sagte er.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Das Bündnis muss mit Milliardengeldern eine neue Flotte von Überwachungsflugzeugen beschaffen, die in Deutschland stationiert werden. Der Auftrag: den Luftraum überwachen, als Frühwarnsystem Nato-Einsätze begleiten – und verdächtige russische Bewegungen an der Nato-Ostgrenze rechtzeitig entdecken. Die bisherigen Awacs-Flugzeuge, berühmt durch den Radar-„Pilz“ am Rumpf, müssen ab 2030 ersetzt werden. Der neue Deal hat eine heikle politische Komponente – US-Präsident Donald Trump könnte verärgert sein.

Anders als bisher die Awacs (steht für Airborne Warning and Control System) wird das neue „fliegende Auge der Nato“ nicht mehr vom US-Hersteller Boeing geliefert, sondern vom kanadischen Hersteller Bombardier. Bombardier bekommt den Auftrag für zehn Langstreckenflugzeuge vom Typ Global 6000 oder 6500. Das Aufklärungs- und Frühwarnsystem GlobalEye stammt indes vom schwedischen Rüstungskonzern Saab: Es übernimmt gleichzeitig Luft-, See- und Bodenüberwachungsaufgaben und stellt die Daten in Echtzeit auf einer Plattform bereit. GlobalEye kann sogar ohne Bordbediener arbeiten und streamt seine Überwachungsdaten dann an Bodenstationen.

Hauptsensor ist das luftgestützte Frühwarnradar Erieye ER, das wie eine zehn Meter lange Skibox auf den Rumpf des Flugzeugs montiert wird und eine Reichweite von bis zu 600 Kilometern haben soll. Ein Seeradar kann selbst auf langen Distanzen noch einen Jetski erkennen, versichert Hersteller Saab. Sämtliche Daten von Radar und Sensoren fließen in ein Kommando- und Kontrollzentrum an Bord, was GlobalEye zu einer fliegenden Gefechtszentrale machen soll – und frühzeitige Reaktionen auf Bewegungen eines potenziellen Gegners ermöglicht. Weiterer Pluspunkt: Die neuen Maschinen haben eine Reichweite von 11.000 Kilometern, können aber auch auf kleinen Flugplätzen landen.

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Geilenkirchen bleibt Standort für die Überwachungsflotte

Auch die neuen Flugzeuge werden im nordrhein-westfälischen Geilenkirchen stationiert. Dort sind bisher die aktuell 14 Awacs-Flugzeuge vom Typ Boeing E-3 Sentry zuhause. Sie basieren auf der Boeing 707 und sind zum Teil schon 40 Jahre in Betrieb. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs sind die Maschinen regelmäßig an der Nato-Ostgrenze unterwegs, um russische Verletzungen des Nato-Luftraums zu erkennen. Die Awacs wie die neuen GlobalEyes beschafft direkt die Nato, was die große Ausnahme ist, denn in der Regel sind die Nato-Mitgliedstaaten für die militärische Ausrüstung zuständig; bei ihren großen Überwachungsdrohnen greift die Allianz ebenfalls auf eigene Bestände zurück. Allerdings wird der Kaufpreis der neuen Flugzeuge – jede Maschine dürfte zwischen 400 und 500 Millionen Euro kosten – von einzelnen Mitgliedstaaten finanziert. Auch Deutschland beteiligt sich an den Kosten.

Blick ins Cockpit eines Awac-Flugzeugs
Die Awacs sind bislang das fliegende Auge der Nato: Awacs steht für Airborne Warning and Control System und ist ein fliegendes Frühwarnsystem der NATO, das zur Luftraumüberwachung, Aufklärung und Führung eigener Verbände dient.© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Für Deutschland ist der Deal hochwillkommen, nicht nur wegen der Stationierung in Geilenkirchen. Die Bundesregierung hat ein Interesse daran, dass Kanada bei Rüstungsgeschäften mit Europäern zum Zuge kommt – denn umgekehrt plant Kanada den Kauf von deutsch-norwegischen U-Booten der Klasse 212 CD.  Zudem greift die Bundeswehr bei einer wichtigen Rüstungsinvestition ebenfalls auf Flugzeuge vom Typ Bombardier 6000 zurück: für drei neue Spionageflugzeuge, die als deutscher Beitrag zu den Nato-Fähigkeiten eigentlich schon für 2025 zugesagt waren.

Pegasus-System: Bundeswehr erhält neue Fähigkeit zur Luftüberwachung

In die schon ausgelieferten Maschinen wird das neue luftgestützte Aufklärungssystem Pegasus integriert. Pegasus steht für „Persistent German Airborne Surveillance System“, übersetzt etwa „deutsches System zur dauerhaften luftgestützten Überwachung“, und soll ab 2027 die Bundeswehr in die Lage versetzen, militärische Funkverkehre und Radaremissionen aus großer Entfernung zu erfassen – zur Krisenfrüherkennung, Lage- und Bedrohungsanalyse. Das Kernstück kommt vom deutschen Rüstungskonzern Hensoldt.

Dass die Nato den GlobalEye-Deal nun ausgerechnet beim Nato-Gipfel in Ankara verkündet, geht auf Nato-Generalsekretär Mark Rutte zurück: Er sieht das Milliardenprojekt als Beleg für die Stärkung des europäischen Pfeilers der Nato. Ein „stärkeres Europa für eine stärkere Nato“ ist das Leitmotiv des Gipfeltreffens, bei dem nicht ausgeschlossen wird, dass US-Präsident Trump wieder einen Eklat provozieren könnte. Durchaus möglich, dass Trump die Entscheidung gegen Boeing als Affront wertet. Allerdings war es die US-Regierung selbst, die den Europäern den entscheidenden Impuls gegeben hatte.

Die USA sollen bei anderen Rüstungsverträgen zum Zuge kommen

Denn vor drei Jahren hatten die Nato-Staaten bereits beschlossen, für die Awacs-Nachfolge Flugzeuge von Boeing (E-7A Wedgetail) zu bestellen. Im Juli vorigen Jahres kam die Kehrtwende: Das US-Verteidigungsministerium stoppte seinen Auftrag an Boeing, auch für die nationale Ebene E-7 Maschinen zu liefern. Begründet wurde das damit, dass viele Aufklärungsaufgaben künftig von Satelliten übernommen werden könnten. Zugleich gab Washington bekannt, es werde sich in der Nato aus der Finanzierung der Awacs-Nachfolge zurückziehen. Für die 31 anderen Nato-Staaten war das Anlass genug, das gesamte Projekt neu auszuschreiben – mitten in der von Trump ausgelösten Grönland-Krise. Diesmal machte Bombardier das Rennen.

Mark Rutte hält eine Rede
Nato-Generalsekretär Mark Rutte.© AFP | John Thys

Ironie der Geschichte: Mittlerweile hat das Pentagon seine Position geändert und nun doch einen Vertrag in Milliardenhöhe zur Beschaffung von Boeings E-7A-Wedgetail geschlossen. Wenn der GlobalEye-Deal nächste Woche in Ankara bei einem Industrieforum zum Auftakt des Nato-Gipfels bekanntgegeben wird, sollen die USA an anderer Stelle zum Zuge kommen. Die europäischen Nato-Staaten wollen Trump demonstrieren, dass die Aufstockung ihrer Verteidigungshaushalte zügig zur Aufrüstung führt, auch mit amerikanischen Waffen. Es werde, heißt es, viele Verträge mit den USA geben.“