An einem Montag im Oktober steht Donald Trump auf der Bühne einer Messehalle in Grand Island im US-Bundesstaat Nebraska. Tausende Anhänger sind zur Wahlkampfveranstaltung der Republikaner kurz vor den Zwischenwahlen zum Kongress gekommen. An der Wand prangt ein blaues Band mit der Aufschrift „Make America Great Again“ – dem Schlachtruf, der Trump 2025 zum zweiten Mal ins Weiße Haus getragen hat. Wenn es nach dem Präsidenten geht, hat er selbst nichts von seiner Strahlkraft eingebüßt. „Tut so, als stünde ich auf dem Stimmzettel“, fordert er seine Fans auf. Und er macht üppige Versprechungen: „Sehr bald wird der Iran-Krieg vorbei sein, dann werden die Ölpreise einbrechen.“

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Die Worte klingen eher nach Selbstbeschwörung. Obwohl Nebraska als verlässliche Hochburg der Republikaner gilt, ist Trumps Politgemälde kein Selbstläufer mehr. Der amtierende republikanische Senator Pete Ricketts liegt in Umfragen nur knapp vor dem Gewerkschaftsführer Dan Osborn, der als Unabhängiger antritt. In dem Bundesstaat, der für Rinderzucht und Maisanbau bekannt ist, macht sich zunehmend Skepsis breit. Wie im ganzen Land. Das „goldene Zeitalter“, das Trump versprochen hatte, ist im Alltagsleben vieler Amerikanerinnen und Amerikaner nicht angekommen.
„Midterms“: Teure Spritpreise bringen Trump im Wahlkampf in Bedrängnis
Vor allem die stark gestiegenen Spritpreise reißen Löcher in die Budgets. Grund ist der von Trump angezettelte Iran-Krieg. Der nationale Durchschnittspreis für eine Gallone (knapp 3,8 Liter) Normalbenzin beträgt derzeit mehr als 4,20 Dollar, Anfang Februar waren es noch 2,89 Dollar. Eine Gallone Diesel kostet rund 6,30 Dollar – knapp 70 Prozent mehr als vor Beginn des Iran-Krieges. Für ein riesiges Land wie die Vereinigten Staaten, in dem die Menschen viele Strecken mit dem Auto zurücklegen, sind die Zahlen ein beträchtlicher Kostenfaktor. Dass der kürzlich zwischen Trump und Kremlchef Wladimir Putin vereinbarte Diesel-Deal zu einem Preissturz führt, glauben nur wenige. Es sieht eher nach einem Verzweiflungsakt des Präsidenten kurz vor der Wahl am 3. November aus.

Nicht nur der Halt an der Zapfsäule, auch der Einkauf im Supermarkt sorgt bei vielen US-Bürgern für Verdruss. „Die Energie- und Lebensmittelkosten treiben die Preise. Und die Reallöhne wachsen weniger, als die Preise steigen“, sagte Jan Logemann von der Universität Bonn unserer Redaktion. Hinzu kommt, dass die Strompreise in etlichen Regionen nach oben geschossen sind. Viele Firmen aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) haben Rechenzentren hochgezogen, die große Mengen an Elektrizität brauchen. „Das hat lokal ebenfalls viel Unruhe ausgelöst“, so Logemann.
Was vielen Amerikanern zudem die Stimmung verhagelt, sind die teuren Kredite für Immobilien, Autos und andere Güter. So kletterten die Hypothekenzinsen mit fester 30-jähriger Laufzeit Mitte Oktober auf rund 7,4 Prozent, der höchste Wert seit fast drei Jahren. Der Kauf einer Eigentumswohnung oder eines Hauses gilt in den Vereinigten Staaten als wichtiges Element der Kapitalanlage. Angetrieben wurden die Bauzinsen von den Renditen für zehnjährige US-Staatsanleihen, die den höchsten Stand seit 24 Jahren erreichten.
„Midterms“ 2026: Hohe Inflation lässt Amerikaner Sorgen um Wirtschaft spüren
Die Inflationsrate stieg im September im Jahresvergleich auf 3,7 Prozent. „Aber es fühlt sich nach viel mehr an: doppelt so hoch, würden wohl die meisten Amerikaner annehmen. Der Iran-Krieg ist sehr unpopulär“, sagte Klaus Larres von der University of North Carolina in Chapel Hill unserer Redaktion. Der viel beachtete Index der University of Michigan zum Verbrauchervertrauen stürzte im Mai auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen 1952. „Die Preise für Artikel des täglichen Lebens sind derzeit die Achillesferse für Trump und die Republikaner“, bilanziert der Amerika-Experte Logemann.
Der Präsident scheint dies auszublenden. Er preist die USA als „das heißeste Land der Welt“, das zum Mekka der Investoren geworden sei. Dabei sind die allgemeinen Daten zur US-Konjunktur durchaus solide. Die Wirtschaft wuchs in den beiden ersten Quartalen 2026 um mehr als zwei Prozent. Für das dritte Quartal sagt die Federal Reserve Bank of Atlanta gar ein Plus von 3,5 Prozent voraus. Die Arbeitslosenquote bewegt sich um historisch niedrige 4,2 Prozent. Anfang Oktober verzeichnete der US-Aktienindex S&P 500 ein Allzeithoch, befeuert durch die exorbitanten Gewinnerwartungen der KI-Unternehmen.
Doch zwischen dem von Trump verbreiteten großen Bild und der individuell wahrgenommenen Lebenswirklichkeit vieler US-Bürger liegen Welten. „Es gibt Wachstum in der amerikanischen Wirtschaft, aber eine ungleiche Verteilung von Kosten und Nutzen. Im Land macht sich das Gefühl breit, dass viele Menschen an dem Aufschwung nicht teilhaben können“, fasst der USA-Analyst Logemann den Widerspruch zusammen. „Hinzu kommt, dass der Nimbus der Wirtschaftsexpertise, die Trump früher zugeschrieben wurde, schwindet. Deshalb sinken die Umfragewerte für den Präsidenten und seine Partei.“
USA: Biden machte es vor – Trump droht derselbe Fehler
Für viele ist das ein Déjà-vu. Im Rennen um das Weiße Haus im Sommer 2024 stellte der demokratische Präsident Joe Biden die florierende US-Konjunktur als Aushängeschild seiner Wirtschaftspolitik heraus. Unter dem Schlagwort „Bidenomics“ verwies er auf robuste Wachstumsraten von um die drei Prozent und die Schaffung von Millionen neuer Arbeitsplätze. Die Inflationsrate, die infolge von Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg im Juni 2022 die Neun-Prozent-Marke übersprungen hatte, sackte im Juni 2024 auf drei Prozent ab.

Doch in der Bevölkerung kam die Botschaft von Biden nicht an. „Die gefühlte Inflation der Amerikaner ist nicht identisch mit den wirtschaftlichen Makro-Daten. Waren, die dauernd gekauft werden (‚high-frequency purchases‘), tragen viel mehr zum subjektiven Inflationseindruck bei als die Einkäufe dauerhafter Güter wie etwa Autos oder Möbel“, sagte Welf Werner, Direktor des Heidelberg Center for American Studies (HCA) der Uni Heidelberg, unserer Redaktion. „Lebensmittel und Energie sind 2024 besonders schnell besonders teuer geworden.“ Trump nutzte dies gnadenlos aus und haute dem damaligen Präsidenten die hohen Preise als „Biden-Inflation“ um die Ohren.
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Trump scheint bei den Zwischenwahlen zum Kongress 2026 ebenfalls in die Falle der „Bezahlbarkeit“ zu tappen. „Er hat mit dem gleichen Dilemma zu kämpfen wie Biden, aber die Inflation ist mit Blick auf den Iran-Krieg und seinen Folgen ganz klar selbst gemacht. Das wissen die Bürger auch“, betont der Amerika-Fachmann Larres. Karine Jean-Pierre, unter Biden Pressesprecherin des Weißen Hauses, zieht heute ein selbstkritisches Fazit. „Die Wahrheit ist: Wir hatten eine abgestandene Botschaft und veraltete Modelle, um sie zu vermitteln. Das kam Biden und letztendlich auch Kamala Harris teuer zu stehen. Präsident Trump begeht nun einen Fehler, der noch verheerendere Folgen hat“, schrieb sie in einem Gastkommentar für die „New York Times“.











