Donald Trump will an diesem Dienstag ausgerechnet dort über die Zukunft der Rüstung (und damit der etwaigen Kriegsführung) reden, wo einst Bethlehem Steel Stahl für Schiffe, Brücken und Kriege kochte. Am Nachmittag ist der Präsident in Sparrows Point bei Baltimore angekündigt. Gastgeber ist Anduril Industries. 

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Dessen Gründer, Palmer Luckey, sieht eher wie jemand aus, der auf dem Weg zur nächsten Comic-Con falsch abgebogen und plötzlich im Pentagon gelandet ist: Vokuhila, Ziegenbärtchen, Flip-Flops, Shorts, Hawaiihemd mit Drachen, Monstern und anderem Getier aus dem Reich pubertärer Fantasien. 

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Anduril Technologies: US-Militär setzt verstärkt auf Rüstungs-Start-up

Der 34-Jährige, eine Art Peter Pan mit Milliardenvermögen, ist längst mehr als der bunte Exot zwischen den alten Rüstungsriesen von Lockheed Martin bis General Dynamics.

Er verkörpert die Machtverschiebung im militärisch-industriellen Komplex. Anduril wurde im Mai mit 61 Milliarden Dollar bewertet; der Umsatz verdoppelte sich 2025 auf 2,2 Milliarden. Die US-Armee bündelte mehr als 120 Beschaffungsvorgänge für Anduril-Technik in einem Rahmenvertrag. Volumen: 20 Milliarden Dollar. Die Luftwaffe wählte Andurils FQ-44 als halbautonome Begleitdrohne. Aus dem Start-up wird ein Lieferant, den die Branchen-Oldies ernst nehmen.

Exercise Northern Star
Anduril-Bolt-Drohne – von Branchenriesen ernst genommen. © picture alliance / PA Images | Ben Birchall

Rüstungsfirma Anduril: Krieg als Software – dem Staat zeigen, was geht

Das Geschäftsmodell ist eine Kampfansage an klassische Pentagon-Beschaffung: Luckey verkauft Krieg als Software – schneller, billiger, autonomer, ständig aktualisierbar. Üblicherweise formuliert das Militär eine Forderung, ein Konzern entwickelt jahrelang, Kosten und Zeitplan wachsen. 

Anduril dreht die Reihenfolge um: Mit privatem Risikokapital entwickeln, testen, produzieren – und dem Staat zeigen, was schon geht. Nicht erst Auftrag, dann Erfindung, sondern Erfindung, dann Auftrag. Im Idealfall werden aus Jahren Monate. Zugleich entsteht ein neues Abhängigkeitsproblem: Der Staat kauft nicht nur Waffen, sondern ganze Software-Ökosysteme.

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Beispiel Ukraine: Billige Drohnen bedrohen millionenteure Systeme

Andurils Herzstück ist „Lattice“, ein digitales Nervensystem für das Gefechtsfeld. Die Software führt Daten aus Radaren, Kameras, Drohnen und Sensoren zusammen, erkennt und verfolgt Objekte, verteilt Informationen und koordiniert autonome Systeme. Bei einer Großübung im Pazifik verband Anduril im Sommer Systeme mehrerer Teilstreitkräfte zu einem gemeinsamen Lagebild. Die Software berechnete Empfehlungen, welcher Abfangkörper gegen welches Ziel eingesetzt werden sollte. Der Mensch bleibt Teil der Entscheidungskette. Aber immer mehr von dem, was davor geschieht – sehen, sortieren, priorisieren, koordinieren –, wird Maschinen überlassen. 

News aus den USA

Ukraine und Nahost haben dieser Philosophie Rückenwind gegeben. Billige Drohnen bedrohen millionenteure Systeme; Taktiken verändern sich binnen Tagen; Masse zählt wieder. 

Rüstungs-Start-up Anduril: Für Menschen, die lieber Hoodie als Uniform tragen

Pete Hegseths Pentagon zieht daraus eine organisatorische Konsequenz. Mit dem geplanten „Autonomous Warfare Command“ (AutoWarCom) soll bis Oktober 2027 ein Vier-Sterne-Kommando entstehen, das Robotik, Drohnen, KI und Beschaffung enger zusammenführt. Die Lehre: Wer seine Waffe schneller verändert als der Gegner seine Gegenmaßnahme, besitzt einen Vorteil, der sich nicht nur in Reichweite oder Sprengkraft messen lässt. 

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Und Luckey soll mitbestimmen, wohin diese Reise führt. Dabei ist er nicht einmal CEO von Anduril; das operative Geschäft führt Brian Schimpf. Aber er besitzt etwas, das den Dinosauriern seines Metiers schwerfällt: kulturelle Macht. Er macht Waffenentwicklung für eine Generation attraktiv, die lieber Hoodies als Uniformen trägt. 

25. Jahrestag Terroranschläge vom 11. September 2001
US-Präsident Donald Trump (l.): Machtverschiebung im militärisch-industriellen Komplex. © Mark Schiefelbein/AP/dpa | Mark Schiefelbein

USA: Neues Projekt zum Krieg der Zukunft – mit Elon Musk

Der für Show-Elemente empfängliche Verteidigungsminister hat ihn gemeinsam mit Allzweck-Elon Musk und dem früheren republikanischen Sprecher des Repräsentantenhauses, Newt Gingrich, an die Spitze von „Project Meridian“ gesetzt. Die Gruppe hat 120 Tage Zeit, die Schlachtfelder der Zukunft zu vermessen: KI, Autonomie, Robotik, Energiewaffen, Biotechnologie und neue Operationsräume. Am Ende sollen Vorschläge stehen, was Amerika entwickeln, testen und schnell ins Feld bringen soll – in einem öffentlichen Bericht und einem geheimen Anhang. 

Für Luckey ist das eine bemerkenswerte Aufwertung. Er sitzt nicht mehr nur auf der Verkäuferseite des Pentagon-Tisches, sondern zeitweise dort, wo definiert wird, was künftig gebraucht wird. Dass Anduril genau in den Feldern Geld verdient, über die „Meridian“ urteilen soll, ist der offensichtliche Interessenkonflikt. Kritiker warnen, Auftragnehmer könnten den Bedarf mitformulieren, aus dem später ihre Aufträge entstehen. Hegseth betrachtet diese Nähe als Vorteil: Gesucht sind Unternehmer, die nicht erklären, warum etwas in zehn Jahren möglich sein könnte, sondern es in zwei Jahren bauen wollen. 

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Palmer Luckey: Anduril-Gründer lieh sich Namen bei Tolkien

Bei Luckey ist die Mischung aus Mission, Geschäft und Größenwahn biografisch angelegt. Geboren 1992 in Long Beach, Sohn eines Autoverkäufers, zu Hause unterrichtet, zerlegte er als Teenager Computer und baute Laser. Mit 19 gründete er Oculus, mit 21 verkaufte er die Virtual-Reality-Firma für rund zwei Milliarden Dollar an Facebook. 

Reagan National Defense Forum in Simi Valley
Palmer Luckey: Kostüme, Basteln, Nerd-Kultur. © Reuters | JONATHAN ALCORN

2016 wurde bekannt, dass er eine trumpnahe Meme-Gruppe finanziert hatte; 2017 verließ er Facebook und sagte später, er sei gefeuert worden. Kurz darauf entstand Anduril. Den Namen lieferte der Schriftsteller Tolkien: Andúril ist Aragorns neu geschmiedetes Schwert.

Anduril: Luckey spricht mit der ungebremsten Begeisterung eines Bastlers über Waffen

Die Nerd-Kultur blieb. Luckey sammelt eigenwillige Autos, Motorräder, Hubschrauber und U‑Boote. Auch seine Ehe gehört zu dieser merkwürdig geschlossenen Welt. Nicole Edelmann lernte er mit 15 in einem Debattier-Klub kennen. Beide wurden zu Hause unterrichtet, beide liebten Kostüme, Basteln und Nerd-Kultur. Nicole wurde Cosplayerin, Luckey selbst lief jahrelang verkleidet über Conventions. 

In Interviews springt er mühelos von Anime zur Raketenabwehr, von Computerspielen zu autonomer Kriegsführung. Genau darin liegt der irritierende Kern dieses Mannes. Luckey spricht über Waffen mit der ungebremsten Begeisterung eines Bastlers. Wo andere CEOs ihre Produkte in steril formulierte Unternehmenssprache verpacken, spricht er über Sensoren, Drohnen und KI wie über eine besonders gelungene Spielkonsole. Gleichzeitig behauptet er, Rüstung sei für ihn keine Spielerei. Virtual Reality habe ihm mehr Spaß gemacht, sagt er, Verteidigung sei aber wichtiger. Bescheidenheit gehört nicht zum Konzept. „Ich bin, glaube ich, einer der klügsten Leute in der VR-Industrie“, sagte er einmal.

Es ist leicht, sich darüber lustig zu machen. Es ist schwerer zu übersehen, dass er Waffenentwicklung für Ingenieure attraktiv macht, die früher eher zu Google oder Meta gegangen wären. Wenn Trump am Dienstag auf dem alten Bethlehem-Steel-Gelände auftritt, treffen zwei amerikanische Mythen aufeinander. Die Fabrikmacht des 20. Jahrhunderts. Und die Hoffnung, Krieg im 21. Jahrhundert via Code zu dominieren. Palmer Luckey steht im Hawaiihemd dazwischen – und einer realen Chance, dass seine Spielzeuge zu Standardwerkzeugen amerikanischer Kriegsführung werden.