Am 11. September wird Donald Trump reden. Nur nicht dort, wo Amerikas traumatischster Jahrestag seinen Glutkern hat. 25 Jahre nach den Terroranschlägen von Osama Bin Ladens Al‑Kaida fährt der Präsident der Vereinigten Staaten nicht nach Ground Zero in Manhattan, sondern zum Verteidigungsministerium in Washington. 

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Ausgerechnet der gebürtige New Yorker Trump bleibt damit dem Ort fern, an dem 2753 Menschen in und an den Türmen des World Trade Centers starben und an dem die Nation ihr öffentliches Gedächtnis an 9/11 konzentriert. Er lässt sich von Vize JD Vance vertreten.

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Die Gründe könnten Trump-typischer, sprich selbstbezogener, nicht sein. Nach Recherchen der „New York Times“ und von CNN wollte Trump ein Vierteljahrhundert danach unbedingt eine Rede halten. Genau das gibt es dort seit 2012 offiziell nicht mehr. 

11. September: Erinnerung soll „niemals eine parteipolitische Angelegenheit sein“

Die Zeremonie gehört den Angehörigen. Sie lesen die Namen der insgesamt 2983 Opfer von 2001 und 1993 vor, als islamistische Terroristen um Ramzi Yousef in der Tiefgarage unter dem Nordturm des World Trade Centers eine Autobombe zündeten. Sieben Schweigeminuten markieren Einschläge, Einstürze, die Attacke aufs Pentagon, Flug 93 in Shanksville/Pennsylvania und erstmals auch Menschen, die später an 9/11-bedingten Krankheiten starben. Politiker dürfen kommen, schweigen, zuhören und trauern. Reden dürfen sie nicht.

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Das „National September 11 Memorial & Museum“ verteidigt diese Regel mit einem Satz, der wie für diesen Fall geschrieben wirkt: Man habe die Gedenkfeier bewusst „frei von Politik“ gehalten, weil die Erinnerung an die Toten „niemals eine parteipolitische Angelegenheit sein sollte“. 

Trump ist also nicht ausgeladen. Im Gegenteil: Der Präsident sei willkommen, betonen die Verantwortlichen. Nur das Mikrofon bleibt aus.

Ehemalige US-Präsidenten nehmen am 9/11-Gedenken teil

Deshalb bekommt seine Absage Fallhöhe. George W. Bush, Präsident zum Zeitpunkt der Katastrophe, wird kommen. Seine einzige Gedenktagsrede hält er zwei Tage zuvor in seinem Presidential Center in Dallas. Am Jahrestag selbst reist er mit Gattin Laura Bush nach Ground Zero, besucht eine Feuerwache und Angehörige gefallener Ersthelfer – und akzeptiert in Manhattan die Rolle des Zuhörers. Bill Clinton und Barack Obama werden ebenfalls erwartet. Keiner der ehemaligen Präsidenten erhält einen Rede-Slot. Sie kommen trotzdem. Ebenso New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani.

Das ist mehr als Etikette. Der Princeton-Historiker Julian Zelizer erinnert mit Blick auf große nationale Jahrestage daran, dass Präsidenten solche Anlässe traditionell genutzt haben, um zur Einheit aufzurufen. 9/11 verlangt noch mehr Zurücknahme. Hier ist nicht der Präsident die Hauptfigur, sondern der Verlust von fast 3000 Menschen.

Trumps Verhältnis zu solchen Ritualen ist ein anderes. Der Historiker Michael D. Hattem stellte erst gerade fest, dass bei Trumps Inszenierungen zum 250. Geburtstag Amerikas in diesem Sommer die Geschichte des Landes erstaunlich wenig Raum einnahm. Präsidentenhistoriker Douglas Brinkley wurde noch deutlicher: Trump habe das Jubiläum nicht zu einem „Ausgangspunkt für Einheit“ gemacht, sondern zur Bühne seiner eigenen Marke.

Das wird Opferfamilien länger beschäftigen als eine Rede

Dass Trump dieser Linie treu bleibt, weil er an Ground Zero nicht genug Aufmerksamkeit bekäme, legt den Verdacht nahe, dass er die Schwere des Anlasses nicht erkennt oder ernst nimmt. Der zentrale amerikanische Erinnerungsort von 9/11, die Bilder der einstürzenden Türme, die Wasserbecken, die riesige Leerstelle an der Südspitze Manhattans – hier und nirgends sonst ist die Hauptbühne des Schweigens. 

Hier gilt, was Giovanni Galante, dessen 29-jährige Frau Grace im Nordturm starb, stellvertretend für Tausende Betroffene sagt: „Keine Reden, keine Politiker am Mikrofon – nur die Namen“. Für einen Morgen im Jahr gehöre dieser Ort „gewöhnlichen trauernden Menschen und niemandem sonst“. 

Videografik: Die Anschläge vom 11. September 2001

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    Dass Donald Trump mit dieser Rollenverteilung hadert, fügt sich in das Bild seiner Präsidentschaft. Schweigend hinter anderen zu stehen, während Angehörige Namen lesen, bedeutet das Gegenteil seines politischen Ich-Ich-Ich-Betriebsmodells: Präsenz ohne Kontrolle über die Botschaft.

    Das Weiße Haus weist diese Deutung umständlich zurück. Sprecherin Anna Kelly sagt, der Präsident werde am 25. Jahrestag „der von bösen Terroristen Ermordeten gedenken, ihre Angehörigen ehren und den mutigen Ersthelfern Tribut zollen“. Am Pentagon in Washington starben 184 Menschen. Dass Trump kurz vorher vom republikanischen „Midterms”-Sonderparteitag in Texas zurückkommt und direkt nach dem 11. September eine Golfreise nach Irland antreten will, was aus logistischen Gründen die Abreise über Washington einfacher macht als aus New York, bleibt unerwähnt. 

    Dass Donald Trump in zehn Tagen nicht in New York sein wird, ist ein Symbol, das Opferfamilien und Historiker länger beschäftigen wird als seine Rede am Pentagon. Never forget.