• Europa diskutiert über Verteidigung – und damit einhergehend über Aufrüstung
  • Dabei im Fokus: Ein „Super-Taurus“, der zur Abschreckung dienen soll
  • Worum geht es bei dem Projekt?

In der deutschen und europäischen Verteidigung klafft eine Lücke bei etwa 2000 Kilometern. Deutschland und seinen Partnern auf dem Kontinent fehlen Waffen mit dieser Reichweite, Militärexperten sehen darin eine Schwäche in der Abschreckung gegenüber Russland. Die Bundesregierung setzt daher auf einen mehrstufigen Plan, der mit der Hilfe der USA beginnt – und mit der Eigenständigkeit enden soll. Das Ziel: ein europäischer „Super-Taurus“.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Unter dieses Ziel setzt Friedrich Merz um 12.13 Uhr Ortszeit seine Unterschrift. Im Victoria & Albert Museum im Londoner Stadtteil Kensington unterschreiben der britische Premier Keir Starmer und der Bundeskanzler einen deutsch-britischen Freundschaftsvertrag. Merz spricht stolz von einem „historischen Tag“. Für den Kanzler ist der Vertrag das gemeinsame Bekenntnis, dass Deutschland und Großbritannien gemeinsam den euro-atlantischen Raum schützen und verteidigen wollen.

Mit dem „Kensington“-Vertrag betonen beide Staaten fünf Jahre nach dem Brexit nicht nur symbolisch ihre Verbundenheit, ein begleitender Aktionsplan listet auch 17 Projekte konkreter Zusammenarbeit auf: Eins davon ist die Entwicklung moderner Abstandswaffen mit einer Reichweite bis tief in russisches Gebiet. Im Fachjargon: „Deep Precision Strike“-Fähigkeiten.

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Das deutsch-britische Abkommen ist unter dem Eindruck des Konfliktes mit Russland geschrieben – aus ihm spricht die Befürchtung, dass die Bedrohung der europäischen Sicherheit durch Moskau noch viele Jahre andauert. Die Regierungen in Berlin und London versprechen daher, „ihre Kräfte zu bündeln“ und sich im Fall eines bewaffneten Angriffs gegenseitig beizustehen, da es „keine strategische Bedrohung für die eine Vertragspartei gibt, die nicht auch eine strategische Bedrohung für die andere wäre“.

Merz und Starmer legen damit einen weiteren Baustein für eine neue europäische Sicherheitsarchitektur. Zwar betonen beide Staaten in dem knapp 30-seitigen Dokument ihr Bekenntnis zur Nato und der in Artikel 5 des Nordatlantikvertrags verankerten Beistandspflicht unter den Mitgliedern im Kriegsfall. Doch in Zeiten schwindenden Interesses der USA am Schicksal Europas schmieden Deutschland und Großbritannien an einer Verteidigungsachse zum Schutz des Kontinents, die maßgeblich von Berlin, London sowie Paris getragen wird.

Atomwaffen: Frankreich und Großbritannien senden Botschaft an Putin

Vor Merz war Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in der vergangenen Woche bei Starmer, auch sie schlossen einen Vertrag für eine enge Kooperation in Sicherheit und Verteidigung. Das „letzte Teil dieses Dreiecks“ werde bei einem deutsch-französischen Ministerrat im Herbst folgen, ist aus deutschen Regierungskreisen zu hören. Den drei großen europäischen Nationen geht es um grundlegende Weichenstellungen.

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Macron und Starmer als Staats- und Regierungschefs der einzigen europäischen Atommächte vereinbarten, ihr nukleares Abschreckungspotenzial zu verbinden. „Von heute an werden unsere Feinde wissen, dass jegliche extreme Bedrohung für diesen Kontinent eine Antwort unserer beider Nationen hervorrufen würde“, sandte Starmer eine deutliche Warnung an Russlands Machthaber Wladimir Putin.

In den europäischen Hauptstädten sind seit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump Zweifel gewachsen, ob der atomare Schutzschirm der USA über Europa gespannt bleibt. Die Europäer wissen zudem, dass sie Trump nur an ihrer Seite behalten werden, wenn sie mehr für ihre eigene Sicherheit tun und die USA entlasten.

Eigenständigkeit statt Abhängigkeit: Das gilt auch für die konventionelle Abschreckung durch Distanzwaffen. Bisher sind die Europäer in diesem Bereich blank. Deutschland verfügt mit dem Taurus über einen Marschflugkörper, der Ziele in einer Entfernung von etwa 500 Kilometern treffen kann.

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#20 Wolfram Weimer über die Brandmauer zur AfD - und Fahrradfahren mit Friedrich Merz
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Abschreckung gegen Russland: Strategen halten Waffen mit 2000 Kilometern Reichweite für unerlässlich

Militärstrategen sehen jedoch Mittelstreckenwaffen mit einer Reichweite von 2000 Kilometern und mehr als unverzichtbaren Teil einer wirksamen konventionellen Abschreckung gegenüber Russland, das seinerseits in den vergangenen Jahren massiv sein Arsenal an Marschflugkörpern und Raketen ausgebaut hat, die gen Westen gerichtet sind und Deutschland sowie weite Teile Europas erreichen können.

„Moskau hofft, in einem Krieg das Gros der Nato-Kräfte vom Kampfgebiet an seiner Grenze fernzuhalten, indem es mit Raketen und Marschflugkörpern deren Aufmarsch und Versorgung unterbindet oder mit Schlägen gegen einzelne Nato-Länder deren Einlenken erzwingt“, analysierten Experten der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) unlängst. Allein mit Luft- und Raketenabwehr könne sich die Allianz davor nicht wirksam schützen, Europa sei zu groß und ein umfassender Schutz gegen das russische Flugkörperarsenal zu teuer.

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Mit eigenen weitreichenden Mittelstreckenwaffen könne die Nato diesen russischen Plan doppelt durchkreuzen. Erstens könnten sie diese russischen „Deep Strike“-Fähigkeiten im Ernstfall zerstören, bevor sie auf Nato-Gebiet feuern. Zweitens könnten die Mittelstreckenwaffen in Russland mobile Kommandozentralen oder Abschussrampen für ballistische Raketen und Marschflugkörper zerstören. „So wird Russland signalisiert, dass die Nato bei einem Angriff gegen sich die Option hat, die russische Fähigkeit zur Fortsetzung der Kampfhandlungen massiv einzuschränken – was abschrecken soll“, analysieren die SWP-Autoren.

Um diese Verteidigungslücke zu schließen, setzen Deutschland und Großbritannien auf einen „Super-Taurus“, also die gemeinsame Entwicklung eigener „Deep Precision Strike“-Fähigkeiten. Zusammenarbeiten wollen sie dabei mit anderen europäischen Partnern wie Frankeich, Italien oder Polen, die sich in der Initiative ELSA („European Long-Range Strike Approach“) zur Entwicklung weitreichender Abstandswaffen zusammengeschlossen haben.

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Trump weiterhin unberechenbar

Bis zur einsatzbereiten Waffe vergeht jedoch vermutlich ein Jahrzehnt. Dies erfordert Zwischenlösungen. Die Ampel-Regierung hatte vergangenes Jahr noch mit dem damaligen US-Präsidenten Joe Biden vereinbart, dass die USA ab 2026 „zeitweilig weitreichende Waffensysteme“ in Deutschland stationieren. Dies hatte hierzulande eine heftige Diskussion und Sorgen vor russischen Reaktionen ausgelöst – und wird in Teilen der regierenden SPD weiterhin abgelehnt. Ob die Trump-Regierung an dieser Abmachung festhält, ist noch nicht klar.

Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) war zu Beginn der Woche in Washington, um dieses Thema mit seinem US-Kollegen Pete Hegseth zu besprechen. Dabei hinterließ Pistorius auch den Wunsch, US-Raketenwerfer vom Typ Typhon zu kaufen, mit denen Ziele in 2.000 Kilometern Entfernung getroffen werden können. Erforderlich sei eine „Brückentechnologie“, bis man eigene Fähigkeiten besitze, erläuterte Pistorius. Diese, betonen Deutschland und Großbritannien nun, sollen „zu den fortschrittlichsten Systemen gehören, die jemals entwickelt wurden“.