Die Sommerwärme steht in dem Büro von Annette Lehnigk-Emden, als sie unsere Redaktion zum Gespräch empfängt. Die Präsidentin des Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) hat ihren Schreibtisch in einem früheren preußischen Regierungssitz direkt am Rheinufer in Koblenz. Von hier kauft sie von Drohnen über Kampfjets und Stiefel alles, was die Bundeswehr braucht – und gibt dafür Milliarden aus.
Frau Lehnigk-Emden, ist Ihre Arbeit ein Wettlauf gegen die Zeit?
Annette Lehnigk-Emden: Ja. Wir haben vom Generalinspekteur der Bundeswehr die Vorgabe bekommen, dass die Bundeswehr im Jahr 2029 für die Landes- und Bündnisverteidigung vollausgestattet sein muss.
Bundesverteidigungsminister Pistorius warnt, Russlands Aufrüstung sei dann so weit fortgeschritten, dass Putin die Nato angreifen könnte.
Lehnigk-Emden: Aus diesem Grund müssen wir der Bundeswehr bereits bis 2028 alles Gerät zur Verfügung stellen, damit die Truppe ausreichend für den Ernstfall üben kann. Es muss nicht so kommen, dass Russland die Nato angreift, aber wir müssen uns darauf vorbereiten. Deswegen befinden wir uns in einem Wettlauf gegen die Zeit.

Wie groß ist die Aufgabe?
Lehnigk-Emden: Wir haben uns 30 Jahre lang nicht auf die Landes- und Bündnisverteidigung konzentriert, sondern auf den Einsatz kleiner Krisenreaktionskräfte im Ausland. Die waren gut ausgestattet. Darauf hatte sich auch die Rüstungsindustrie eingestellt. Nun rüsten wir unter großem Zeitdruck die gesamte Bundeswehr aus, damit sie im Krisenfall Deutschland und das Nato-Gebiet verteidigt. Die Folge ist ein Beschaffungsstau.
Wo staut es sich?
Lehnigk-Emden: Es gibt ein Lieferproblem. Wir haben seit dem russischen Angriff auf die Ukraine viel bestellt und schon viel davon bekommen. Die Produktionskapazitäten der Industrie sind aber noch nicht so hochgefahren, dass wir alles benötigte Gerät bis zu dem kritischen Datum geliefert bekommen. Die Verträge sind da, aber wir warten zum Beispiel zwei Jahre auf neue Panzer.

Woran liegt das?
Lehnigk-Emden: Bisher haben die Unternehmen Manufaktur gemacht, wir brauchen den raschen Umstieg auf Serienproduktion. Das ist bei den Rüstungsfirmen angekommen. Wir sind in einem engen Austausch und große Produzenten bestellen in Erwartung unserer Aufträge bereits Stahl, Pulver oder andere Materialien vor.
Ihrem Bereich mit fast 12.000 Mitarbeitern wird oft vorgeworfen, selbst mit seinen vielen Vorschriften und überbordender Bürokratie das Nadelöhr zu sein…
Lehnigk-Emden: Bis vor drei Jahren hatten wir kein Geld und viel Zeit. Wir haben vieles nicht gekauft, anderes Gerät haben wir langwierig entwickelt, um jeden Wunsch der Truppe zu erfüllen. Die Beschaffung war langsam – das war damals ausreichend.
Die Beschaffung war langsam – das war damals ausreichend.
Annette Lehnigk-Emden, Präsidentin des Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr
Und jetzt?
Lehnigk-Emden: Jetzt haben wir Geld, aber keine Zeit. Wir kaufen schnell ein, das haben wir gezeigt. Die 100 Milliarden aus dem Sondervermögen für die Bundeswehr haben wir in kurzer Zeit investiert. Im vergangenen Jahr haben wir rund 12.000 Beschaffungsverträge geschlossen. 2021 haben wir knapp 17 Milliarden Euro ausgegeben, 2024 lagen wir bei mehr als 31 Milliarden. Wir werden uns weiter steigern.
Auch interessant
Wie haben Sie Tempo gemacht?
Lehnigk-Emden: Wir kaufen ein, was es auf dem Markt gibt. Dafür muss die Truppe auf Extrawünsche verzichten. Die Zeit der „Goldrandlösungen“ ist vorbei. Intern haben wir außerdem 80 bis 90 Vorschriften für die Beschaffung außer Kraft gesetzt, um den Mitarbeitern mehr Verantwortung zu geben. Durch die Anpassung der rechtlichen Rahmenbedingungen im Gesetz zur Beschleunigung von Beschaffungsmaßnahmen für die Bundeswehr wurde es möglich, das Vergabeverfahren zu vereinfachen, um schneller Verträge mit der Industrie zu schließen. Ein kommendes Gesetz soll weitere Vereinfachungen bringen, indem wir zum Beispiel in vielen Fällen auf Ausschreibungen ganz verzichten können.
Nennen Sie bitte ein Beispiel für das Einkaufen „von der Stange“.
Lehnigk-Emden: Gerade haben wir Lkw mit montierten Kränen gekauft, die andere Nationen schon nutzen. Früher hätten wir einen komplett neuen Lkw entwickelt, damit der Kran beispielsweise auch im Rückwärtsfahren bedient werden kann. Solche Extras werden gestrichen, wenn die Truppe sie nicht zwingend benötigt.
Als Russland die Ukraine überfiel, warnte der damalige Heereschef, die Bundeswehr stehe „blank“ da. Gilt das noch?
Lehnigk-Emden: Das würde ich in dieser Schärfe nicht mehr so sagen. Viel Gerät ist schon geliefert worden, die Depots werden aufgefüllt. Außerdem: Die Bundeswehr muss sich im Fall des Falles nicht allein verteidigen, wir kämpfen immer im Verbund mit unseren Partnern.
Was steht ganz oben auf Ihrer Einkaufsliste?
Lehnigk-Emden: Ohne ins Detail zu gehen: Flugabwehr und Munition.
Es hieß einmal, im Ernstfall reiche die Munition der Bundeswehr nur für wenige Tage. Wie viele Tage sind es jetzt?
Auch interessant
Lehnigk-Emden: Ich kann keine Zahlen nennen. Aber wir haben erheblich aufgerüstet, das betrifft alle Munitionsarten.
Das israelische Abwehrsystem Arrow 3 soll Deutschland vor Raketen schützen. Wann wird es einsatzbereit sein?
Lehnigk-Emden: Teillieferungen werden bis Ende des Jahres an uns übergeben. Mehr kann ich auch dazu nicht sagen.
Mehr rund um die Bundeswehr
Berichten zufolge plant Pistorius, 1000 Leopard-Kampfpanzer anzuschaffen.
Lehnigk-Emden: Wir haben den Bedarf für die NATO Bündnisverteidigung und für die Landesverteidigung, dort wird es eine erhebliche Erhöhung der Zahl der Großwaffensysteme für die Bundeswehr geben müssen. Das wird aktuell ausgeplant. Wir haben Verträge, nach denen wir die Zahl der Panzer, die wir abnehmen, beliebig erhöhen können. Konkrete Zahlen kann ich aber derzeit nicht bestätigen.

Bundeskanzler Merz will, dass die Bundeswehr die konventionell stärkste Armee Europas wird. Dafür stellt die Regierung quasi unbegrenzt Geld zur Verfügung. Können Sie die vielen Milliarden sinnvoll ausgeben?
Lehnigk-Emden: Wir kaufen nicht ein, weil wir viel Geld haben. Sondern weil wir Fähigkeiten aufbauen müssen. Die Truppe definiert auf Grundlage der Nato-Anforderungen, welche Waffen sie braucht. Dann bekommen wir den Auftrag, bestimmtes Gerät einzukaufen. Insofern geben wir das Geld sinnvoll aus.
Treibt die Industrie angesichts der vielen Milliarden die Preise hoch?
Lehnigk-Emden: Wenn ich mehrere Anbieter habe, regelt der Markt den Preis. Gibt es nur einen Anbieter, schreibt das deutsche Preisrecht im Rüstungssektor vor, was die Unternehmen fordern können. Experten hier im Haus überprüfen die Kalkulationen genau. Wenn wir das Gefühl haben, jemand hat Euro-Zeichen in den Augen, schieben wir dem einen Riegel vor.
Das neue Nato-Ziel gibt vor, dass Deutschland künftig jährlich 3,5 Prozent seiner Wirtschaftskraft in Rüstung investiert, das entspricht 150 Milliarden Euro. Ist diese Summe erforderlich?
Lehnigk-Emden: Davon gehe ich aus. Es geht erst einmal darum, die Bestände aufzufüllen. Damit ist es aber nicht getan. Das Gefechtsfeld der Zukunft verändert sich. Wir werden vermutlich auch wieder in die Entwicklung einsteigen. Drohnen spielen eine große Rolle, in ihnen und in vielen anderen Produkten steckt Software, die wir stetig verbessern müssen. Das kostet viel Geld. Es macht keinen Sinn, 100.000 Drohnen zu kaufen und zu lagern, ohne die Software ständig zu aktualisieren.
Ein Problem sind mutmaßlich feindliche Drohnen über Kasernen. Konnten Sie Forderungen der Truppe nach Gegenwehr erfüllen?
Lehnigk-Emden: Ja. Wir haben ausreichend Gerätschaft zur Gegenwehr, das auch schon mit Erfolg eingesetzt worden ist.
Die Bundesregierung führt einen neuen Wehrdienst ein. Suchen Sie bereits nach Socken, Stiefeln und Rucksäcken?
Lehnigk-Emden: Aktuell wird keine neue Dienstpflicht eingeführt. Der Minister hat aber einen Bedarf von künftig 460.000 Soldaten und Reservisten genannt. Wir benötigen also erheblich mehr Kleidung, Schutzausrüstung und Sturmgewehre. Das müssen wir auf Lager haben, wenn die Soldaten kommen und daran arbeiten wir. Wir reden schon mit den Herstellern und signalisieren: Da kommt was auf euch zu.
Auch interessant
Mit US-Präsident Trump sind Sorgen um die Verlässlichkeit der USA aufgekommen. Zweifeln Sie an den USA als Rüstungslieferant?
Lehnigk-Emden: Es gibt keine Liefereinbrüche oder andere Probleme. Wir haben keine Anhaltspunkte, dass die USA die geschlossenen Verträge nicht erfüllt.
Deutschland kauft den US-Kampfjet F35. Es gab Befürchtungen, die Flugzeuge könnten aus der Ferne abgeschaltet werden.
Lehnigk-Emden: Es gibt keinen „Kill-Switch“, mit dem die Jets lahmgelegt werden können.

Exklusive Politik-Hintergründe – für Sie recherchiert
Müssen die Europäer dennoch mehr Waffensysteme selbst entwickeln?
Lehnigk-Emden: Wir müssen in Europa unabhängiger von den USA werden. Zunächst sollten wir festlegen, welche Fähigkeiten wir gemeinsam brauchen. Dann müssen sich die Europäer einigen, welche Nation was abdeckt. Es brauchen sich nicht alle um das Gleiche zu kümmern.
Die vielen Milliarden, die Warnung vor dem Jahr 2029: Wie gut schlafen Sie eigentlich?
Lehnigk-Emden: Das raubt mir nicht den Schlaf. Wenn Russland uns 2029 angreift, werden wir vorbereitet sein. Davon bin ich fest überzeugt. Die Bundeswehr wird vielleicht nicht alles Gerät haben. Aber wenn wir kämpfen müssen, werden wir im Verbund mit unseren Partnern ausreichend ausgerüstet sein.












