Benjamin Netanjahu polarisiert Israel wie kaum ein anderer Politiker. Kein Regierungschef stand länger an der Spitze des Landes, und unter keinem wurde so lange Krieg geführt wie unter dem 77‑Jährigen. Für seine Anhänger ist der Rechtskonservative „König Bibi“. Seine Kritiker hingegen werfen ihm vor, aus Eigennutz zu handeln und dafür sogar das Wohl des gesamten Staates aufs Spiel zu setzen.

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Benjamin Netanjahu war der erste israelische Regierungschef, der nicht in Europa, sondern bereits im neuen Staat Israel geboren ist. Er kam im Oktober 1949 in Tel Aviv auf die Welt. Seine politische Ideologie saugte er schon als Kleinkind zu Hause auf: Vater Benzion Netanjahu war ein strammer Konservativer, der zuerst eine politische Laufbahn begann und später als Professor für jüdische Geschichte wirkte. Seine politischen Positionen soll er stets vor sich hergetragen haben: gegen jede Zugeständnisse an die Palästinenser, für ein Groß-Israel, dessen Grenzen vom Mittelmeer bis zum Jordanfluss reichen. Der Einfluss seines Vaters auf seinen Sohn Benjamin könne nicht überschätzt werden, sagen Vertraute Netanjahus.

Auch interessant

Benjamin Netanjahu: Geboren in Israel, aufgewachsen in den USA

Den überwiegenden Teil seiner Kindheit und Jugend verbrachte Benjamin Netanjahu in den USA, wo sein Vater beruflich zu tun hatte. Auch sein Architekturstudium absolvierte der junge Netanjahu in den USA – und brauchte dafür anstatt der üblichen vier nur zweieinhalb Jahre. Zwischendurch absolvierte er in Israel den Militärdienst. Er gehörte der Eliteeinheit Sayeret Matkal an, die für heikle Missionen wie etwa Geiselbefreiungen zuständig war.

Sein Studium unterbrach er für Kriegseinsätze. Im Jahr 1967, als der Sechs-Tage-Krieg ausbrach, flog er nach Hause, um sich bei seiner Eliteeinheit zu melden. Er war Teil jener Operation, die das von Israel kontrollierte Gebiet schlagartig vergrößerte: Nun waren auch das Westjordanland, Gaza, der Sinai und Ostjerusalem unter israelischer Kontrolle.

Auch interessant

Benjamin Netanjahu: Sein Bruder kam bei einer Geiselbefreiungsmission ums Leben

Der Beginn von Netanjahus politischem Engagement fällt mit einem tragischen persönlichen Verlust zusammen: Sein Bruder Yoni kam bei einer heiklen Geiselbefreiungsmission in Uganda ums Leben – palästinensische Terroristen hatten ein Flugzeug der Air France entführt. Yoni wurde wegen seines Mutes als Volksheld gefeiert. Von nun an wirkte Benjamin Netanjahu im Namen seines Bruders weiter: Er gründete das „Yonatan Netanyahu Anti-Terror-Institut“ und tourte als Experte für Terrorbekämpfung durch die Welt.

Schon früh wusste Netanjahu sich in Szene zu setzen und rhetorisch zu brillieren. Er war erst 28 Jahre alt, als er bereits als Experte in US-Talkshows eingeladen wurde, wo er seine Thesen zur Zukunft des Nahen Ostens präsentierte. So fiel er auch dem konservativen Politiker Moshe Ahrens auf – der ihn umgehend zu seinem Stellvertreter als israelischer Botschafter in Washington machte.

Länger als „Mr. Security“ war noch niemand Regierungschef in Israel

Es war der Beginn einer steilen politischen Karriere. Im Jahr 1984 wurde Netanjahu zu Israels Botschafter bei den Vereinten Nationen ernannt. Vier Jahre später wurde er für die konservative Likud-Partei ins Parlament gewählt und erhielt prompt das Amt des stellvertretenden Außenministers.

Als Ministerpräsident Jitzchak Rabin Anfang der 1990er-Jahre den Friedensprozess mit den Palästinensern einleitete, stellte sich Netanjahu an die Spitze der Gegenproteste. Rabin wurde ermordet, sein Nachfolger Shimon Peres wurde dem palästinensischen Terror nicht Herr – und Netanjahu schaffte es als selbsterklärter „Mr. Security“ zum ersten Mal ins Amt des Ministerpräsidenten. Mit insgesamt mehr als 19 Jahren Amtszeit ist er der am längsten dienende Regierungschef. In seiner Ära wurde der umstrittene Siedlungsbau im Westjordanland massiv vorangetrieben.

253358_569_253358_cover.jpg
Gaza-Krieg nach fast drei Jahren: Warum der Friedensplan stockt
Im Krisenmodus
 

Der 7. Oktober 2023 änderte alles

Zu seinen Errungenschaften gehört, dass er Israel in eine Zeit des wirtschaftlichen Booms geführt hat. Auch die Normalisierung der Beziehungen mit mehreren arabischen Staaten fällt unter seine Amtsperiode. Lange Zeit konnte er seinen Titel „Mr. Security“ auch rechtfertigen: Die Israelis erlebten fast zwei Jahrzehnte relativer Sicherheit. Doch mit dem Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023 änderte sich alles. Israel wurde in einen Krieg gestürzt, der phasenweise sieben Fronten umfasste. Netanjahu muss sich vorwerfen lassen, es auch nach 21 Monaten nicht geschafft zu haben, die Geiseln aus Gaza zu befreien.

Auch im Vorfeld des 7. Oktober trifft Netanjahu Verantwortung: Er hatte sich dafür eingesetzt, die Hamas mit Milliarden Dollar aus Katar zu stärken. Bis heute hat der Premier sich nicht dazu bekannt, dass das eine Fehleinschätzung seinerseits war.

Nahostkonflikt - Netanjahu
Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu.© Nathan Howard/Pool The New York Times via AP/dpa | Nathan Howard

Netanjahu: Proteste gegen Justizreform spalten Israel

Schon vor dem 7. Oktober zog Netanjahu in Israel viel Kritik auf sich – auch aus den konservativen Reihen. Hunderttausende Israelis gingen monatelang in wütenden Protesten auf die Straße, um gegen die umstrittene Justizreform Netanjahus zu demonstrieren. Die Reform hätte der Regierung deutlich mehr Macht verliehen – zulasten der Justiz. Bleibt Netanjahu an der Spitze der Regierung, so fürchten Kritiker, werde sich der Abbau rechtsstaatlicher Kontrollmechanismen fortsetzen.