Die „Pizza Zur Sonne“ hat geschlossen. Das Lokal nebenan auch. An den Wohnblocks in der Nachbarschaft hängen aus mehreren Fenstern Plakate: „Zu vermieten“. „Zu verkaufen“. Ab wann ist eine Stadt keine Stadt mehr? Hier, in Kirjat Schmona, an Israels Grenze mit dem Libanon, stellt man sich diese Frage. Vor dem Krieg lebten hier 24.000 Menschen. Jetzt sind es rund 12.000.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Während des Kriegs gegen die Hisbollah wurden die Bewohner der Stadt evakuiert. Zu gefährlich war es hier, im Raketenhagel aus dem Libanon, der direkt vor der Stadt beginnt. Die Hälfte der Evakuierten ist nach dem Ende des Krieges einfach nicht mehr zurückgekehrt. Sie leben jetzt auch dort, wo eh schon halb Israel lebt: im Zentrum des Landes, rund um Tel Aviv.
Hier, im obersten Norden Israels, lächelt ein mit bester Photoshop-Kunst stark verjüngter Benjamin Netanjahu vom Plakat auf die schwach befahrene Durchgangsstraße. Er mahnt die Menschen, bei den israelischen Parlamentswahlen am 27. Oktober nur ja das Richtige zu wählen: „Rechts – oder Palästina“, warnt er. Auf Hebräisch reimt sich das.
Premierminister Netanjahu hat gute Gründe, um hier sein Gesicht zu zeigen. Er hat in Kirjat Schmona viel zu verlieren. Die Stadt war immer eine Hochburg des rechtskonservativen Regierungschefs. Vor sechs Jahren gaben hier 59 Prozent der Bewohner seiner Partei die Stimme. Vor vier Jahren waren es auch noch starke 49 Prozent. Die zweitstärkste Partei kam weit abgeschlagen auf 13 Prozent.
Schicksalswahl in Israel: Endet die Ära Netanjahu?
Die Wahl am 27. Oktober ist eine Schicksalswahl: Setzen die Israelis der Ära Netanjahu ein Ende – oder schafft er es noch einmal, die Macht zu erlangen? Alle Umfragen sagen: Seine Chancen stehen schlecht. Hier, in Kirjat Schmona und in den anderen Hochburgen von Netanjahus Likud-Partei muss er also um alle Stimmen kämpfen. Kein einziger seiner treuen Wähler darf am Wahltag zu Hause bleiben.
Itzik Biton ist ein solcher treuer Wähler. Netanjahus Warnung vor einem Palästinenserstaat spricht ihm aus der Seele. „Meine Mutter hat mich immer gewarnt: Traue den Arabern nicht. Nicht einmal dann, wenn sie schon im Grab liegen“, sagt Itzik und lacht. Er war sechs Jahre alt, als seine Eltern mit ihm von Marokko nach Israel einwanderten. Sie gingen nach Kirjat Schmona und verließen die Stadt nie wieder. So wie viele andere Immigranten aus Nordafrika auch.

Der Antisemitismus, den die nordafrikanischen Juden in ihrer alten, mehrheitlich muslimischen Heimat spürten, wirkt in ihren Kindern und Enkeln bis heute nach. Sie misstrauen den Muslimen. Sie misstrauen aber auch denen, die Israel regierten, als sie als Einwanderer in ihrer neuen Heimat ankamen – und dort in Flüchtlingslagern ausharren mussten. Damals wurde Israel sozialdemokratisch regiert. Die Rechtskonservativen wussten die Frustration der aus arabischen Ländern immigrierten Juden geschickt aufzufangen. Und davon profitiert Netanjahus Partei Likud bis heute. Aber etwas beginnt zu bröckeln.
Rechter Newcomer lockt enttäuschte Likud-Wähler
Itzik Biton, der 75 Jahre alt ist und nie etwas anderes gewählt hat als den Likud, will bei der Wahl am 27. Oktober zum ersten Mal fremdgehen. Mit wem er liebäugelt, sagt er unter vorgehaltener Hand: „Ofir Winter“. Der Newcomer überholt Netanjahu von rechts. Damit betritt er ein schon bestens bestelltes Feld: Rechts von Netanjahu steht schon Itamar Ben-Gvir, derzeit Minister für Nationale Sicherheit. Und dann ist da Bezalel Smotrich, der rechtsextreme Finanzminister.
Da die beiden in den letzten vier Jahren mitregiert haben, kommen sie für Biton jedoch nicht infrage. Die Regierung hat den Bewohnern von Kirjat Schmona versprochen, dass es hier wieder aufwärtsgehen wird. Sie haben 60 Millionen Schekel zugesagt, um der Stadt und anderen grenznahen Gemeinden wieder Leben einzuhauchen – doch angekommen ist davon noch nur wenig.
Junge Familien verlassen Kirjat Schmona wegen fehlender Perspektiven
Viele in Kirjat Schmona sind frustriert. „Die Betriebe haben zugemacht, die Jungen finden keine Jobs. Und wenn sie Arbeit haben, gibt es nach Feierabend nichts, was sie unternehmen können“, sagt Itzik. Er versteht gut, dass viele junge Familien lieber anderswo leben als hier, an der Grenze zum Libanon. Er bedauert es aber auch. Die Lebensqualität sei hier viel höher. „Wenn ich einen Tag in Tel Aviv bin, klebt meine Kleidung an mir, es ist so stickig dort und feucht. Hier ist die Luft klar.“
Tatsächlich zieht sich hier so viel Grün durch die weitläufigen Straßen, wie man es im Großraum Tel Aviv nur von den teureren Villenvierteln kennt. Hier kosten die Wohnungen aber einen Bruchteil davon. Trotzdem wollen hier nur wenige leben.
Zukunftsängste: Junge Bewohner kämpfen mit Unsicherheit
Sharon, die aus Zentralisrael wegen des Studiums hergekommen und wegen der Liebe auch danach noch geblieben ist, ist seit sieben Jahren Bürgerin von Kirjat Schmona. Sie arbeitet in einem Baristacafe, das so auch in Tel Aviv stehen könnte. Hier genießt sie „die Stille, die Natur, die Flüsse“, sagt die 30‑Jährige. Ob sie hier eine Familie gründen würde, weiß sie aber nicht. „Realistischerweise ist es hier sehr schwer, Arbeit zu finden. Die Sicherheitslage ist ungewiss. Und vom Zentrum sind wir richtig abgehängt.“

Tatsächlich gibt es in Kirjat Schmona, der einzigen größeren Stadt in der Gegend, nicht einmal einen Bahnhof. Die Verkehrsplanung hat dieses Eck von Israel jahrzehntelang vergessen. Vor jeder Wahl gibt es große Versprechen, die danach nicht eingelöst werden. „Wir in der Peripherie werden verarscht“, sagt Ohad, der seit seiner Geburt hier zu Hause ist. „Statistisch gesehen gibt es hier die sauberste Luft im ganzen Land. In Tel Aviv stinkt es, überall sind Straßen, Flugzeuge, Dreck. Wie erklärt man, dass sie dort trotzdem bis 80 leben, und hier nur bis 70?“
Wählerwanderung nach rechts: Extreme Politiker könnten profitieren
Was der 55-jährige Arbeiter eines Tischlerbetriebs anspricht, sind die extremen sozioökonomischen Klüfte innerhalb Israels. Solange er nur in Kirjat Schmona wohnte, waren sie ihm weniger stark bewusst. Im letzten Krieg wurden die Bewohner von Kirjat Schmona aber in den Großraum Tel Aviv evakuiert. Eineinhalb Jahre lebte er dort. Warum er zurückkam? „Hilf mir finanziell – und morgen bin ich schon nicht mehr hier“, sagt er. Auch Ohad hat sein Leben lang nur Netanjahu gewählt. Jetzt ist er sich da nicht mehr so sicher. Er wird es erst am Wahltag entscheiden, meint er. „Vielleicht Ben-Gvir oder Smotrich.“
Lesen Sie auch
Aktuelle News aus dem Nahen Osten
Die beiden rechtsextremen Politiker könnten viele jener Stimmen auffangen, die Netanjahus Partei diesmal abhandenkommen. Damit bleibt die Stimme im rechten Block – und stärkt indirekt Netanjahu. Ohad weiß das. Daher ist er auch nicht sicher, ob er nicht auch dieses Mal wieder Netanjahu wählen wird. „Am Wahltag tun wir immer das Richtige“, sagt er mit einem breiten Grinsen. „Es gibt nur einen Politiker, der weiß, wie man redet. Der nicht flucht. Der nicht schimpft. Der sauberer spricht als alle anderen zusammen. Und das ist Netanjahu.“










