
„Haim“ bedeutet auf Hebräisch „Leben“. Als Irit Ben Arye sagt, sie habe sich vor 30 Jahren für das Leben entschieden, meint sie deshalb auch: Sie entschied sich für ihren Mann Haim. In diesem Satz liegt die ganze Schwere ihrer Geschichte – eine große Liebe, ein Terrorangriff, die Verzweiflung eines Mannes, der andere rettete und daran zerbrach, und die Entscheidung einer Frau, trotz Trauma und Verlust weiterzuleben.
Am 7. Oktober begann für viele Menschen in Israel ein Albtraum, der nicht mit den unmittelbaren Schrecken des Terrorangriffs endete. Hinter den sichtbaren Opfern breitet sich eine stille Katastrophe aus: eine „zweite Welle des Todes“. Sie trifft Menschen, die überlebten, deren Seelen der Krieg jedoch schwer verwundet hat.
Haim Ben Arye, Busfahrer und Vater von acht Kindern, war einer von ihnen. Er brachte Überlebende aus dem Kibbuz Be’eri in Sicherheit und kehrte als veränderter Mann zurück. Wenige Wochen später nahm er sich das Leben. Seine Geschichte steht exemplarisch für das häufig übersehene psychische Leid, das Terror und Krieg hinterlassen.
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7. Oktober: Ein Bus und eine Entscheidung für das Leben
Die Geschichte von Irit und Haim beginnt mit einem Klopfen an einer Bustür. Anfang der 1990er-Jahre leistet Irit ihren Nationaldienst in Tel Aviv. Nachts versucht sie, zu ihrem Elternhaus zurückzukehren. Die Straßen sind überfüllt, Busse bleiben aus. Als sie einen Bus davonfahren sieht, rennt sie hinterher und klopft an die Tür. Der Fahrer hält an.
Dieser Fahrer ist Haim. Er hat erst vor Kurzem seine Busfahrerlizenz erworben und fährt für ein privates Unternehmen Schulklassen, Soldaten und Ausflugsgruppen. Statt Irit abzuweisen, lässt er sie auf den Stufen neben seinem Sitz Platz nehmen. Während der Bus durch die Nacht fährt und sich allmählich leert, sprechen sie über ihr Leben, ihre Familien und ihre Zukunft.

Sechs Monate später verloben sie sich. Sie heiraten, bekommen acht Kinder und ziehen schließlich in eine Gemeinde nahe Jerusalem. Haim bleibt Busfahrer, Irit arbeitet als Verwaltungsmanagerin in einer Klinik der Clalit Health Services, der größten Krankenkasse des Landes. Ihr Leben ist nicht einfach, aber geordnet: Schabbat mit Gästen, gemeinsamer Kaffee am Morgen, Kinder, Schule und Synagoge.
Haim fährt besonders gern Schulklassen. Er ist lieber von lachenden Kindern umgeben, als schweigend einen Linienbus zu steuern. Busfahrer zu sein ist nicht nur sein Beruf – es ist ein wesentlicher Teil seiner Identität. Sein Leben ist dem Dienst an anderen gewidmet.

Der 7. Oktober: Raketen, Chatgruppen und eine Busfahrt mit „ohrenbetäubender Stille“
Der Tag, der alles zerreißt, beginnt als Feiertag. Es ist Schabbat und Simchat Tora, ein jüdisches Feiertagsfest, an dem der Abschluss und gleichzeitige Neubeginn des jährlichen Lesezyklus der Tora gefeiert wird. Am Vorabend waren Gäste im Haus, der Morgen beginnt vertraut. Gegen halb sieben erschüttert ein Knall die Ruhe.
Irit tritt vor das Haus und sieht Dutzende Rauchspuren am Himmel. Der Iron Dome, das israelische Luftabwehrsystem, fängt Raketen ab. Doch etwas ist anders. „Normalerweise hört man nach den Raketen die Flugzeuge“, sagt sie. „Dieses Mal war es eine Rakete nach der anderen.“
Nach und nach erreichen die Familie Berichte über bewaffnete Angreifer, Ermordete und nach Gaza verschleppte Menschen. Eine Chatgruppe von Freunden, die zum Nova-Musikfestival fahren wollten, füllt sich mit Fragen: Wer hat sich gemeldet? Wer ist in Sicherheit? Wer nicht?
Die Familie beschließt zunächst, den Fernseher nicht einzuschalten. Ihre Logik ist einfach und radikal: „Wenn etwas wirklich Schlimmes passiert, wird es sowieso irgendwann an die eigene Haustür klopfen.“ Der Bildschirm ist nur ein Verstärker, ein Vervielfacher des Grauens, den sie an diesem Tag nicht noch zusätzlich ins Haus holen wollen. Doch als der Schabbat endet und die Familie schließlich die Nachrichten einschaltet, brechen Bilder und Zahlen über sie herein. „Wie kann so etwas in Israel passieren?“, fragt Irit.

Ein Familienfoto zeigt Haim Ben Arye mit seiner Frau Irit und den gemeinsamen Kindern.
Dann klingelt das Telefon. Haims Vorgesetzter bittet ihn, im Auftrag des Regionalrats Überlebende aus Be’eri zu transportieren – einer der am schwersten getroffenen Gemeinden. Sein Sohn fleht Irit an, den Vater vom Fahren abzuhalten. Die Lage sei zu gefährlich. Aber Haim, erzählt sie, habe „nicht eine Sekunde darüber nachgedacht, nicht zu gehen“.
Was Haim auf dieser Fahrt sieht, erfährt Irit erst nach und nach. Der Ablauf ist zunächst technisch: Er fährt mit seinem Bus zu einem Punkt, an dem die Armee ihn passieren lässt, dort werden Überlebende von einem Militärfahrzeug zu seinem Bus gebracht, und er fährt sie weiter zu Hotels im Toten-Meer-Gebiet, wo Evakuierte untergebracht werden. Aber die Bilder, die sich in Haims Inneres brennen, sind alles andere als technisch. Die Babys sind teilweise nackt, viele Erwachsene sind nur in Decken oder provisorische Tücher gewickelt. Manche sind blutüberströmt, andere haben Rußflecken von Bränden, wieder andere wirken äußerlich unverletzt, aber in einem Zustand, den man nur als Starre bezeichnen kann.

7. Oktober: Die Busfahrt dauert zweieinhalb Stunden. Sie ist fast völlig still.
„Kinder und Babys … nichts, nur Stille“, erzählt Haim später. Kein Weinen, kein Reden, nur der Motor und die Reifen auf der Straße. Selbst die Babys schreien nicht. Es ist eine „ohrenbetäubende Stille“, die für Haim unerträglicher ist als Schreie, weil sie ihm den Eindruck vermittelt, dass etwas in diesen Kindern bereits gestorben ist. „Sie waren am Leben, aber sie waren tot“, sagt er zu Irit.
Als er gegen 5 Uhr morgens nach Hause kommt, duscht er. Er versucht, die Gerüche und Bilder der Nacht abzuwaschen. Danach sagt er zu Irit einen Satz, der zum inneren Mantra seiner Schuld werden wird: „Ich konnte ihnen einfach nicht helfen.“ Dabei hatte er geholfen: Er hatte Menschen aus der Gefahrenzone an einen sicheren Ort gebracht. Doch für ihn fühlte es sich an, als habe er sie nur von einem Ort zum anderen transportiert, ohne ihr eigentliches Leid lindern zu können. Für einen Mann, dessen Selbstverständnis so eng mit dem Helfen verbunden war, wurde dieses Gefühl vernichtend.

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Terrorangriff: Der Bus, in dem die Erinnerungen blieben
Zwei Tage später fährt Haim erneut in das Grenzgebiet, diesmal nach Sderot und in umliegende Orte. Irit erfährt von dieser Fahrt erst nach Haims Tod. Ein Freund, der ihn begleitet, beschreibt die Straßen später als „Szene aus einem Horrorfilm“: ausgebrannte und von Kugeln durchsiebte Autos, Trümmer und noch nicht geborgene Tote. Ein Militärfahrzeug begleitet den Bus.
Was Haim erlebt, lässt sich als sekundäre Traumatisierung verstehen: Helfende werden selbst zu Zeugen eines Grauens, auf das Körper und Psyche nicht vorbereitet sind. Sie sehen Menschen, denen sie nicht mehr helfen können, und Überlebende, deren Leid sie nur begrenzt lindern können. Die Bilder nehmen sie mit nach Hause.

Dort sitzt Haim nun beinahe ununterbrochen vor dem Fernseher. Er will verstehen, was geschehen ist, wissen, ob noch Menschen vermisst werden und ob sich die Lage verändert. Er kann nicht loslassen.
Nach etwa zweieinhalb Wochen soll der Schulbetrieb wieder beginnen. Haim soll wieder mit „seinem“ Bus fahren – demselben Bus, in dem er die Kinder und Babys aus Be’eri in jener Nacht transportiert hat, derselbe Raum, in dem Blut und Rauchgeruch sich mit Stille vermischten. Für ihn ist dieser Bus nicht mehr der „Happy-Bus“, in dem Kinder auf den Sitzen herumturnen, singen und sich streiten. Er ist zu einem „heimgesuchten Bus“ geworden, einem verfluchten Ort, in dem seine Erinnerungen wie Geister sitzen.
Am Morgen seines letzten Arbeitstages steht Haim früh auf, geht in die Synagoge und trinkt mit Irit Kaffee. Bevor er losfährt, küsst er sie zum Abschied. Normalerweise ruft er nach seiner ersten Fahrt an, um ihr einen schönen Tag zu wünschen. Seit zwei Jahrzehnten gehört dieser Anruf zu ihrem gemeinsamen Morgen. Doch an diesem Tag kommt er nicht.

Irit arbeitet in ihrer Klinik. Seit dem 7. Oktober suchen dort immer mehr Menschen wegen Panikattacken, Schlaflosigkeit, Atemnot, Herzrasen und Albträumen Hilfe. Ihr Handy hat sie lautlos gestellt. Dass Haim sich nicht meldet, erklärt sie sich zunächst mit dem ungewohnten ersten Schultag.
Dann erreicht sie eine Warnmeldung des Heimatschutzkommandos. Kurz darauf schickt ihr eine Freundin eine Sprachnachricht: Die Warnung habe nichts mit einem neuen Angriff zu tun, sondern mit einem Menschen, der sich etwas angetan habe. In diesem Moment weiß Irit, dass es Haim ist.
Die Umstände seines Todes werden hier bewusst nicht beschrieben. Entscheidend ist, dass Haim an jenem Tag starb, an dem er in den Bus zurückkehren sollte, der für ihn zum Ort des Traumas geworden war. Warum ein Mensch sich das Leben nimmt, lässt sich nicht auf eine einzige Ursache reduzieren. Doch die Fahrten nach Be’eri und Sderot, die Bilder und das Gefühl, nicht genug geholfen zu haben, hatten Haim tief erschüttert.
Für Irit ist es der zweite Bruch. Am 7. Oktober zerreißt die Welt um sie herum. Mit Haims Tod zerbricht dann ihr inneres Zuhause. Sie verliert ihren Partner, ihre Kinder ihren Vater.
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Israel: Die zweite Welle des Todes
In den ersten Wochen ist Irit im Überlebensmodus. Sie sorgt dafür, dass ihre Kinder essen, schlafen und zur Schule gehen. Sie versucht, selbst jeden Morgen aufzustehen.

Irit Ben Arye und ihr Sohn Eviatar in ihrem Zuhause in Karmei Katif.
Während der Shiva, der siebentägigen jüdischen Trauerzeit, kommen Verwandte und Freunde und erzählen Geschichten über Haim. Für Irit ist dabei etwas besonders wichtig: Ihre Kinder sollen ihren Vater als Menschen in Erinnerung behalten, nicht als übermenschliche Figur.
„Das Wichtigste war, ihn zurück auf die Erde zu holen“, sagt sie. Sie spricht mit den Kindern über sein Lachen, seine Liebe zu ihnen und seinen Einsatz für andere – aber auch darüber, dass er nicht über seine Gefühle und seine Überforderung sprechen konnte.
Einige Monate später beginnt Irit, öffentlich von ihrer Erfahrung zu erzählen. Sie hält Vorträge, nimmt an Panels teil und spricht mit Journalistinnen und Journalisten. Haims Tod soll kein isoliertes Ereignis bleiben.

Leid, das wir nicht gegeneinander aufrechnen dürfen
Die psychische Krise in Israel ist real; sie hat Namen und Geschichten und verdient Aufmerksamkeit. Gleichzeitig vollzieht sich im Gazastreifen eine psychische Katastrophe, deren Ausmaß kaum abzusehen ist.
Es wäre falsch, aus dieser Unsichtbarkeit zu schließen, dass das Leid dort geringer ist. Wenn Irit von einer „zweiten Welle des Todes“ spricht, beschreibt sie eine universelle Dynamik: Krieg tötet nicht nur am Tag eines Angriffs. Er wirkt weiter – durch Trauma, Schlaflosigkeit, Angst und das Gefühl, dass es keinen sicheren Ort mehr gibt.

Irit Ben Arye am Handy in ihrem Zuhause in Karmei Katif.
Irit Ben Arye: „Ich habe mich für das Leben entschieden“
Wenn man Irit heute zuhört, ist man versucht, ihr das Etikett der starken Frau zu geben, die acht Kinder großzieht, arbeitet und ein neues Leben beginnt. Sie wehrt sich gegen solche Zuschreibungen. „Ich bin kein Opfer“, sagt sie, „ich will kein Opfer sein. Ich will nicht, dass meine Kinder als Opfer gesehen werden.“ Das bedeutet nicht, so zu tun, als sei nichts geschehen. Es bedeutet, ihre Geschichte und die ihrer Kinder nicht auf Haims Tod zu reduzieren.
Heute hat Irit einen neuen Partner. Sie arbeitet, kümmert sich um ihre Kinder, tätigt Videoanrufe mit ihrem Enkel und plant mit ihren älteren Kindern deren Zukunft. In ihren Vorträgen erzählt sie von Haim, von der psychischen Krise und der zweiten Welle des Todes. Doch sie endet mit einem Bekenntnis zur Gegenwart.

Irit glaubt, dass es in der Welt mehr Gutes als Schlechtes gibt und dass man manchmal „die Augen öffnen“ müsse, um es zu sehen. „Ich habe mich für das Leben entschieden“, sagt sie.
30 Jahre zuvor klopfte sie an eine Bustür und lernte einen Mann kennen, dessen Name „Leben“ bedeutet. Heute steht sie an der Schwelle zwischen Trauma und Zukunft und entscheidet sich erneut: für das Leben.
Laut einem Bericht, der auf Daten der Clalit Health Services basiert, wurden seit dem 7. Oktober allein bei Clalit etwa 30.000 neue Fälle von PTBS diagnostiziert, hochgerechnet rund 60.000 landesweit. In Gemeinden nahe der Gaza-Grenze stieg die Zahl der Traumadiagnosen und entsprechenden Symptome um bis zu 900 Prozent.
Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Pressereise nach Israel, die im Juni 2026 stattfand.






