„Sieh nur, wie riesig dieser Junge ist“, rief Edan Alexander, bis vor kurzem Geisel der Hamas, bevor er seinen kleinen Bruder an sich drückte. Nach 584 Tagen in der Gewalt der Terroristen in Gaza konnte der 21-Jährige zu seiner Familie zurückkehren. Bis zuletzt hatten die Eltern und die zwei Geschwister um ihn gezittert: Jeder Tag in Gaza, in dem Krieg und Hungersnot toben, konnte sein letzter sein. Jetzt ist Alexander wieder in Freiheit: blass, abgemagert und erschöpft. Laut israelischen Medienberichten erzählte er nach seiner Freilassung von schwerer, andauernder Folter. Die Terroristen sollen ihn mit Handschellen gefesselt in einen Käfig gesperrt haben.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Alexander war als junger Soldat am 7. Oktober von Hamas-Terroristen nach Gaza verschleppt worden. Er ist der erste männliche Soldat, der von der Hamas übergeben wurde – und der erste, für den im Austausch keine palästinensischen Gefangenen freigelassen wurden. Anders als die zuvor befreiten Geiseln musste Alexander auch keine der öffentlichen Zeremonien der Hamas über sich ergehen lassen. Er wurde ans Rote Kreuz in Gaza übergeben und von dort zur Grenze gebracht.

Edan Alexander umarmt seine Familie. Der junge Soldat ist nun freigekommen. Er berichtet von Folter in den Fängen der Hamas.
Edan Alexander umarmt seine Familie. Der junge Soldat ist nun freigekommen. Er berichtet von Folter in den Fängen der Hamas.© AFP | -

Donald Trump bemühte sich seit Monaten um die Freilassung von Edan Alexander

Schon bald danach nahm Israels Militär die Luftschläge in Gaza wieder auf. Die Kampfpause hatte nur kurz angedauert, und sie diente nur einem Zweck: die Übergabe der jungen Geisel nicht zu gefährden.

Dass es möglich war, den 21-Jährigen ohne Waffenruhe-Abkommen und sonstige Zugeständnisse seitens Israels zurückzubringen, liegt vor allem daran, dass Alexander US-Staatsbürger ist – und dass sich US-Präsident Donald Trump und sein Team seit Monaten um seine Freilassung bemüht hatten.

Der 21-Jährige wuchs als Sohn israelischer Eltern in den USA auf, ging nach dem Schulabschluss jedoch ohne seine Familie nach Israel, um dort seinen Militärdienst abzuleisten. Er hielt sich auf der Basis im Süden Israels auf, als die Terroristen ihn nach Gaza verschleppten.

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Hamas bezeichnet Übergabe als „Geschenk an Trump“ – und hofft auf Deal

Warum war die Hamas nun plötzlich bereit, den letzten lebenden US-Bürger in seiner Gewalt ohne Gegenforderungen zu übergeben? Es handle sich um „ Geschenk an Trump“, sagt ein Sprecher der Hamas gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Geleistet wurde es in Erwartung eines ungleich wertvolleren Gegengeschenks: einem neuen Waffenruhe-Deal – und zu guter Letzt dem Ende des Kriegs in Gaza.

Trump hatte zum Amtsantritt erklärt, er wolle die Kriege in der Ukraine und im Gazastreifen beenden. Der Beginn seiner zweiten Amtszeit fiel mit dem zweiten Waffenruhe-Abkommen zwischen Israel und der Hamas zusammen. Die Kampfpause hätte eigentlich in einen dauerhaften Waffenstillstand münden sollen. Doch dazu kam es nicht: Vor zwei Monaten brach Israel das Abkommen, der Krieg in Gaza ist in vollem Gange.

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23 Geiseln könnten noch am Leben sein – ihr Schicksal hängt wohl auch an einer Waffenruhe

Nun will Trumps Team es erneut versuchen. Auch Israels Regierung schickte am Dienstag eine Delegation nach Doha, um über die Bedingungen zu verhandeln. Leicht wird das nicht: Israels Unterverhandler haben kein Mandat, einer dauerhaften Kampfpause zuzustimmen. Die Hamas macht aber genau das zur Bedingung, um sämtliche Geiseln zu übergeben. Steve Witkoff, der Sonderbeauftragte Trumps, setzt sich für eine befristete Waffenruhe ein, in der im ersten Schritt eine begrenzte Zahl von lebenden Geiseln übergeben wird. Israel hat dem Entwurf bereits zugestimmt.

Im Gazastreifen herrscht Zerstörung: Auch die Überlebenschancen der Geiseln sinkt damit.
Im Gazastreifen herrscht Zerstörung: Auch die Überlebenschancen der Geiseln sinkt damit.© AFP | EYAD BABA

Indes warnen Mediziner, dass es für die noch lebenden Geiseln – die Zahl wird auf 23 geschätzt – bald zu spät sein könnte. „Als Ärztin und als Mensch mache ich mir große Sorgen um die, die noch immer von den Terrorgruppen gefangen gehalten werden“, sagt Hagar Misrachi, Leiterin der medizinischen Abteilung im israelischen Gesundheitsministerium.

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„Unser Leben ist weniger wert“, klagen die Bewohner des Kibbutz Nir Oz

Trotz aller Erleichterung über die Rückkehr Edan Alexanders gab es in Israel auch einige Kritik. „Man kann kaum übersehen, was die Botschaft ist, die den Bürgern von Israel heute übermittelt wurde: Unser Leben ist weniger Wert“, heißt es in einer Stellungnahme des Kibbutz Nir Oz, der vom Massaker am 7. Oktober schwer getroffen wurde. „Eine Geisel mit US-Pass hat Vorrang, während die anderen 58 Geiseln zurückgelassen werden, darunter 14 unserer Kibbutzmitglieder. Unsere Angst um sie ist größer denn je.“

Auch in Netanjahus Regierung wird Trumps Vorgehen mit Zähneknirschen beobachtet: Dass Washington direkt mit der Hamas verhandelt, ohne sich dabei mit Israel abzustimmen, sorgt für Nervosität. Es ist schwer, kein Muster zu erkennen: Trumps einseitiger Deal mit den Huthis, Gespräche mit dem Iran, die Gerüchte über eine mögliche Anerkennung eines Staates Palästina – „das ist nicht so, wie es sein sollte“, sagt ein hochrangiger Parteikollege Netanjahus.

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Steinmeier zu Gast in Israel

Die Familien der nach Gaza verschleppten Israelis nutzen dies, um noch mehr Druck zu machen. „Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der Ball liegt jetzt bei Ihnen“, erklärte das Forum der Geisel-Angehörigen.

Vom Schicksal der Geiseln und der Überlebenden des Massakers war auch der Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Israel überserschattet. Steinmeier besuchte den Kibbutz Beeri im Süden Israels, in dem die Terroristen am 7. Oktober ein wahres Blutbad anrichteten, bei dem 130 Israelis ums Leben kamen.

Begleitet wurde Steinmeier vom israelischen Präsidenten Izchak Herzog, der aus Anlass des 60. Jahrestags der Aufnahme diplomatischer Beziehungen der beiden Staaten zuvor Deutschland besucht hatte.

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Steinmeier appellierte an Israel und seine regionalen Nachbarn, an einer Lösung für einen dauerhaften Frieden zu arbeiten. Er sehe dafür zum jetzigen Zeitpunkt „ein Fenster der Möglichkeit“, so der Bundespräsident. Diese Chance gelte es zu ergreifen – bevor sich das Fenster wieder schließt.