Keren hat keinen Zweifel daran, dass von nun an alles gut wird. „Gelobt sei Gott!“, ruft sie, als im Zentrum Haifas eine Rauchsäule aufsteigt. Soeben hat die gläubige Jüdin aus der nordisraelischen Küstenstadt von Nachbarn erfahren, dass der Iran-Krieg eine neue Stufe erreicht hat. Wenige Stunden zuvor hatte das US-Militär mehrere Orte des iranischen Atomprogramms angegriffen. „Die Iraner wollen uns eliminieren“, sagt sie und fügt hinzu: „Es ist höchste Zeit, dass man etwas gegen sie unternimmt.“

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Nur einen Kilometer von Kerens Haus entfernt hat vor zwanzig Minuten ein Projektil mitten in ein altes Wohnviertel eingeschlagen und mehrere Häuser zerstört. Sechzehn Menschen wurden danach mit Verletzungen in die Krankenhäuser eingeliefert.

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#17 Omid Nouripour über seine Flucht aus dem Iran – und wie man auf Farsi rappt
Meine schwerste Entscheidung
 

Idan, ein Student, der in dem Viertel wohnt, aber bei dem Unglück keinen Schaden davon getragen hat, findet für die neue Eskalationsstufe im Iran-Krieg nur Worte des Zynismus: „Danke, Bibi und Trump, ich fühle mich jetzt unglaublich sicher“, sagt er. Er sieht nach 600 Tagen Krieg ohne Aussicht auf ein baldiges Ende keinen Grund, Israels Ministerpräsident Benjamin „Bibi“ Netanjahu zu vertrauen – und dem US-Präsidenten schon gar nicht.

Israeli Ilan: „Ein Angriff ohne US-Bomber wäre Suizid gewesen“

In Israel hatten zuvor viele darauf gehofft, dass die USA in die Militäroperation einsteigen – weil Israels Armee das iranische Atomprogramm nicht aus eigener Kraft stoppen kann. „Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Amerikaner den Job erledigen, den wir für sie aufbewahrt haben“, sagt ein älterer Wachmann aus Haifa. Der Gedanke, dass Israels Regierung diese Operation ohne die Aussicht auf eine aktive Unterstützung der USA begonnen haben könnte, war Grund zur Sorge. „Ein Angriff ohne US-Bomber wäre Suizid gewesen“, sagt Ilan, ein Pensionist aus Zentralisrael. Jetzt komme alles darauf an, wie viel bei den US-Angriffen zerstört wurde. Die entscheidende Frage sei, ob es tatsächlich gelungen ist, den Iran bei seinem Atomprogramm aufzuhalten.

Zwei Frauen umarmen sich, nachdem die Nachricht vom Angriff der USA bekannt wurde.
Zwei Frauen umarmen sich, nachdem die Nachricht vom Angriff der USA bekannt wurde. © AFP | JACK GUEZ

Auf die Frage hatte US-Präsident Donald Trump bereits kurz nach dem Angriff eine Antwort parat: „Die wichtigsten Atomanreicherungszentren des Iran wurden komplett und vollständig vernichtet“, behauptete Trump. Und auch in Israels Regierung überwiegt der Optimismus: „Ich danke Präsident Trump von tiefstem Herzen“, sagte Benjamin Netanjahu am Sonntag Morgen. Nie zuvor habe Israel in Washington einen so treuen Freund vorgefunden.

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Israelische Experten sind skeptisch, ob der Schlag ein Erfolg war. „Es ist viel zu früh, um das zu sagen. Eine Analyse von solchen Schäden braucht Zeit“, erklärt Eldad Shavit, langjähriges Mitglied des israelischen Geheimdienstapparats und heute Experte beim Institut für Nationale Sicherheitsstudien (INSS) in Tel Aviv. Zwar sei es gut zu wissen, dass die USA mit schweren bunkerbrechenden Waffen auf die Atomanlage in Fordo gezielt hat. „Wir wissen aber nicht, wie viel Material dabei vernichtet wurde.“ Sarit Zehavi vom israelischen Forschungszentrum Alma meint, es werde Monate dauern, um einschätzen zu können, wie erfolgreich dieser Schlag war.

Geheimdienst-Experte: „Wir befinden uns auf dem Höhepunkt“

Trump gehe es vor allem darum, Druck auf den Iran aufzubauen, damit sich das Ayatollah-Regime auf einen neuen Atomdeal einlässt, sagt Experte Shavit. „Es besteht kein Zweifel: Wir befinden uns jetzt am Höhepunkt dieses Drucks.“ Was aber, wenn der Iran sich darauf nicht einlässt, sondern beharrlich weiter ballistische Raketen auf Israel abfeuert?

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Teheran verfüge immer noch über ausreichend militärische Kapazitäten, um „mindestens einen Monat lang weiterzumachen“, sagt Sarit Zehavi. „Das ist das Worst Case-Szenario: Dass sie nicht aufgeben, sondern weiter versuchen, uns zu erschöpfen, uns daran zu hindern, zum Alltag zurückzukehren.“ Israels Führung brauche jetzt einen Strategiewechsel, meint Zehavi. „Die Frage ist jetzt: Wie beenden wir das?“

Iran Launches A Retaliatory Missile Strike At Tel Aviv
Ein zerstörtes Haus in Haifa. Wie kann der Krieg beendet werden?© Getty Images | Amir Levy

Wurde atomwaffenfähiges Material vorher abtransportiert?

Für vorzeitigen Jubel gebe es keinen Grund, meint Shavit. Der Iran war auf den US-Angriff vorbereitet, eine größere Menge an Material soll bereits im Vorfeld aus der Atomfestung Fordow abtransportiert worden sein. „Wenn sie das nutzen, was sie noch haben, brauchen sie nur eine kleine Anlage, um sich zu organisieren“, meint Eldad – also um eine Atomwaffe zu bauen. „Der beste Weg ist es, sie zu einem neuen Deal zu bringen“, meint der Experte. „Wenn sie stur sind, kann es sehr kompliziert werden.“

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Israels Zivilschutz stellt sich allerdings auf weitere schwere Angriffe ein. In der Armee schließt man auch nicht aus, dass die Hisbollah im Libanon sich am Krieg beteiligt. Die pro-iranische Miliz wurde von Israels Armee zwar erheblich geschwächt. Mehr als achtzig Prozent des Raketenarsenals soll vernichtet worden sein. Mit den übrigen zwanzig Prozent könnten sie aber dazu beitragen, die iranische Luftabwehr in den grenznahen Gebieten zum Libanon zu strapazieren.

Mehr von Israel-Korrespondentin Maria Sterkl

Ein hoher Offizier beruhigt im Gespräch mit der Auslandspresse: „Was den Iran betrifft, sind wir auf alle möglichen Szenarien vorbereitet.“ Das Vertrauen der Menschen in Haifa ist an diesem Sonntag jedoch eher gedämpft. Der massive Einschlag in den Morgenstunden riss die Menschen aus dem Schlaf, denn die Alarmsirenen hatten nicht geheult. Wenig später stellte sich heraus, dass es offenbar keine iranische Rakete war, die das dicht bewohnte Wohnviertel traf – sondern ein Projektil der israelischen Luftabwehr.