Gemessen an seinem rhetorischen Säbelrasseln und den tatsächlichen massiven Vorbereitungen auf einen militärischen Einsatz der USA gegen den Iran in der Golf-Region, wäre es keine Überraschung gewesen, wenn Donald Trump heute Nacht seinen Generälen grünes Licht gegeben hätte. 

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Doch wie so oft bei Trump kam am Mittag die große Überraschung. Um etwaigen „substanziellen Fortschritten” bei diplomatischen Gesprächen nicht ins Gehege zu kommen, ließ der Präsident seine Regierungssprecherin vom Blatt ablesen, fällt der weltweit befürchtete ad-hoc-Beschluss für den Einsatz Bunker brechender Bomben aus. 

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#17 Omid Nouripour über seine Flucht aus dem Iran – und wie man auf Farsi rappt
Meine schwerste Entscheidung
 

Erst binnen der nächsten zwei Wochen werde er die Entscheidung treffen, ließ Trump wissen. Das heißt: Maximal, wenn man Trump beim Wort nimmt, bis zum 3. Juli hat das Regime in Teheran nun Zeit zur Neuorientierung. Die Konditionen bleiben unverändert: vollständige Aufgabe des Atomprogramms. Heißt: keine Uran-Anreicherung mehr. Totalverzicht auf den Erwerb und Besitz einer Atomwaffe.

Das heißt aber auch: Bleiben die Mullahs weiter stolztrotzig und spielen machtpolitisch mit Muskeln, die sie nicht besitzen, könnte der US-Präsident bereit Anfang nächster Woche versucht sein, auf den Knopf drücken zu lassen. Wie immer bei Trump – alles ist offen, nichts hat Bestand. 

Und doch kommt man um ein paar Feststellungen nicht herum. Der massive Druck einflussreicher Multiplikatoren der Maga-Bewegung, die Trump den politischen Untergang prophezeien, falls er die USA nach Afghanistan und Irak in ein drittes unüberschaubares Abenteuer im Nahen Osten schickt, obsiegte am Ende über die Bettelei Benjamin Netanjahus, Trump möge an der Seite Israels den Mullahs den Garaus machen. 

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Netanjahu plötzlich der große Verlierer

Israels Premierminister ist bis auf weiteres der große Verlierer des Rückziehers, der auch andere Gründe hat. Trump hat bis zuletzt Garantien von seinen Militärs verlangt, dass die Mega-Bombe, die die unterirdische Atomanlage in Fordo irreparabel zerstören soll, genau das tut. Diese Garantie kann niemand ehrlichen Gewissens geben. Das Gerät war noch nie in einem Kriegseinsatz.

Trump wägt seit Tagen die Risiken ab, die auftauchen, wenn der Spezialeinsatz schiefgehen sollte. Die Risiken sind beträchtlich. Sie reichen bis zu einem kriegerischen Flächenbrand im gesamten Nahen Osten. Trumps politischer Überlebensinstinkt hat dem Präsidenten geflüstert: Besser noch mal drüber schlafen.

Nahostkonflikt - Netanjahu
Vorläufig der große Verliererer: Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu wollte Trump militärisch an seine Seite zwingen – misslungen. © Ronen Zvulun/Pool Reuters/dpa | Ronen Zvulun

Sein Motiv ist klar: Trump will sehen, ob der iranische Stolz immer noch groß ist, jetzt, wo das Land historisch große Verluste bei seiner Raketen- und Abschussflotte, seinen Atomanlagen und bei seinem reihenweise dezimierten Spitzenpersonal in Militär, Geheimdiensten und Atomwissenschaft erlitten hat.

Kehrseite der Medaille: Israel, das bisher von Trump nicht zum Stillhalten aufgefordert wurde, hat nun Zeit, um Fordo eventuell durch verdeckte Spezial-Operationen eigenständig auszuschalten. Außerdem könnte Trump testen, ob Moskau und Peking in der Causa Iran als Verhandler vielleicht doch zu gebrauchen sind.

Für Tiktok lässt Trump sich drei Monate Zeit

Trumps Friststetzung von 14 Tagen ist bei Licht betrachtet natürlich grotesk. Zum Vergleich: Die Verhandlungen über eine „Ent-China-isierung” der Kommunikations-App TikTok sind am Donnerstag erneut von ihm verlängert worden; diesmal für drei Monate. 

Das seit der Entdeckung von Fordo im Jahr 2009 virulente Atom-Thema mit dem Iran in wenigen Tagen umfassend zu lösen, kommt darum einer Herkules-Aufgabe gleich. 

Weil Trump mit seiner ebenso überflüssigen wie unverhohlenen Quasi-Fatwa gegen Ajatollah Ali Khamenei vorläufig politisch radioaktiv ist, kommt es jetzt auf Europas Verhandlungsgeschick an. Die Vertreter von England, Frankreich und Deutschland, die an diesem Freitag in Genf mit Irans Außenminister zusammenkommen, müssen ihr „A-Game” mitbringen, um substanzielle Fortschritte zu erzielen.

Gleiches gilt für Abbas Araghchi. Signalisiert der Chef-Diplomat Teherans nicht, dass die Mullahs endlich verstanden haben und zu echten Konzessionen bereit sind, wäre die Tagesordnung schnell abgearbeitet und man wäre wieder bei Null. Das gilt auch für den Fall, dass Israel die Atempause stören sollte, indem es Ali Khamenei auf eigene Rechnung töten lässt. 

Fazit: Donald Trump wurde zu Recht vorgeworfen, regelmäßig mit maximalen Forderungen ins Rennen zu gehen (siehe Strafzölle) und dann doch den Schwanz einzuziehen. Das brachte ihm den Spitznamen „taco” ein: „Trump always chickens out” – Trump macht immer einen Rückzieher. Im Fall Israel-Iran ist der vorläufige Verzicht auf einen Militärschlag mit kaum übersehbaren Folgen ein Rückzieher, mit dem die Welt sehr gut leben kann.