Die polnische Präsidentschaftswahl hat die Spaltung der Gesellschaft in unserem Nachbarland offengelegt. Der geschäftsführende Botschafter in Deutschland, Jan Tombiński, erwartet vom neuen Präsidenten Karol Nawrocki eine Fortsetzung der Politik Andrzej Dudas. Für die Beziehungen mit Deutschland hegt Tombiński jetzt, mit der Regierung unter Friedrich Merz, neue Hoffnung. Allerdings sieht er gerade in der Migrationspolitik noch viele offene Fragen.
Herr Botschafter, Karol Nawrocki hat die Präsidentschaftswahl in Polen knapp gewonnen. Ein gutes Zeichen für Polen?
Jan Tombiński: Knapp oder nicht, gewonnen ist gewonnen. Es ist gut, dass es keine Streitigkeiten über den Wahlausgang gibt – die liberale Seite hat keinen Einspruch erhoben. Die hohe Wahlbeteiligung von rund 70 Prozent ist ein positives Signal. Wie die Präsidentschaft verlaufen wird, sehen wir in einigen Monaten. Die Amtszeit beginnt am 6. August.
Die Wahl zeigt schon jetzt, wie gespalten die Gesellschaft ist…
Das stimmt, aber das ist kein rein polnisches Phänomen. In vielen europäischen Staaten sehen wir, dass sich politische Lager eher um Persönlichkeiten als um Programme gruppieren. Deutschland ist hier vielleicht noch eine Ausnahme. In Frankreich, Italien oder auch Polen sehen wir diese Entwicklung deutlich. Die PiS wurde 2023 erneut stärkste Kraft im Parlament, während die jetzige Regierung aus drei Parteien mit elf Gruppierungen besteht. Die Präsidentschaftswahl war da klarer.

Was bedeutet das Ergebnis für die deutsch-polnischen Beziehungen?
Ich vermute, Präsident Nawrocki wird die Politik seines Vorgängers Duda fortsetzen – aber das bleibt abzuwarten. Wie Sie in Deutschland gesehen haben, gibt es zwischen Wahlkampfrhetorik und realer Politik oftmals Unterschiede. Präsident Duda war vergangene Woche zum Abschiedsbesuch bei Bundespräsident Steinmeier in Berlin – in guter Stimmung. Der polnische Präsident hat in der Außenpolitik begrenzte, in der Sicherheitspolitik aber größere Zuständigkeiten.
Was könnte sich konkret bewegen? Bei den nächsten gemeinsamen Regierungskonsultationen im Herbst?
Der bestehende Arbeitsplan muss nach dem Regierungswechsel in Deutschland angepasst werden. Die neue Bundesregierung will die Beziehungen zu Polen strategisch aufwerten – ähnlich wie zu Frankreich. Das begrüßen wir. Jetzt hoffen wir auf konkrete Projekte, etwa bei Infrastruktur und Sicherheit. Wichtig ist uns auch die Anerkennung der polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs: Das Denkmal an der ehemaligen Kroll-Oper in Berlin ist ein erster Schritt.
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Was wünschen Sie sich darüber hinaus?
Das geplante deutsch-polnische Haus für Erinnerung, Begegnung und Bildung muss realisiert werden. Bei der Entschädigung für die noch lebenden NS-Opfer blieb die vorige Bundesregierung hinter unseren Erwartungen zurück. Von Kanzler Merz erwarten wir mehr Verständnis – aber es braucht konkrete Schritte. Wichtig ist auch die stärkere Einbindung Ostmitteleuropas in die deutsche Sicherheitspolitik. Die Nato-Infrastruktur muss Richtung Osten ausgebaut, die Versorgungslinien durch Polen gesichert werden. An der Ostflanke brauchen wir mehr Präsenz.
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Sie möchten Bundeswehrsoldaten an Polens Ostgrenze?
Unsere Grenze schützen wir selbst. Aber angesichts der russischen Bedrohung wäre eine stärkere Präsenz unserer Verbündeten – nicht nur der Deutschen – hilfreich. Auch bei der Unterstützung der Ukraine ließe sich im Weimarer Dreieck mehr erreichen. Eine Vernetzung der Jugendwerke Deutschlands, Polens und Frankreichs wäre ein starkes Zeichen. Solche trilateralen Initiativen könnten auch auf regionale Zusammenarbeit ausgedehnt werden.

Was kann Polen zur Verbesserung der Beziehungen beitragen?
Weniger Feindbilder in der politischen Kommunikation wären hilfreich. Die Wirkung ist begrenzt, aber symbolisch wichtig. Auch sollte in Polen besser verstanden werden, warum Deutschland Dinge langfristig plant, während wir spontaner handeln. Unsere Bürger erwarten Ergebnisse – etwa beim Denkmal oder grenzüberschreitenden Projekten –, während die deutsche Seite oft auf sorgfältige Vorbereitung besteht.
Wie gut sind die deutsch-polnischen Beziehungen derzeit?
Die Beziehungen zwischen den Regierungen und den Außen- sowie Verteidigungsministern sind gut, es gibt neue Hoffnung. Auch in der Zivilgesellschaft ist viel in Bewegung. Nach sieben Jahren gibt es nun wieder eine Tagung des deutsch-polnischen Forums mit 600 Teilnehmern. Der kulturelle Austausch ist stark, die Zusammenarbeit in den Grenzregionen funktioniert – auch wenn die deutschen Grenzkontrollen stören: Staus schrecken Menschen von grenzüberschreitenden Kontakten ab.
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Die Migrationspolitik ist ein Störfaktor?
Irreguläre Migration ist für jedes Land ein Problem. Polen investiert stark in den Schutz der EU-Außengrenze, etwa gegenüber Belarus. Deutschland hat außer Häfen und Flughäfen keine Außengrenze. Was irritiert: Man will irreguläre Migration stoppen, aber 300.000 Menschen jährlich regulär holen. Wie sollen diese Ansätze miteinander vereinbart werden? Wie sollen Migranten integriert werden? Im Schengenraum hat das auch Auswirkungen auf uns. Darüber müssen wir sprechen.
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Auch Polen hat Fachkräftemangel. Wie geht Ihr Land damit um?
Wir haben viele Zuwanderer aus der Ukraine, Belarus und Zentralasien, die sich schnell integrieren. Wir brauchen gut ausgebildete Arbeitskräfte, aber keine zusätzliche Migration.
Warum gelingt die Integration ukrainischer Flüchtlinge in Polen besser als in Deutschland?
Es gibt bei uns kaum Barrieren. Die Flüchtlinge erhalten nur befristet Unterstützung und müssen dann arbeiten. Das motiviert zur schnellen Jobsuche. Bei uns wird nicht jahrelang auf Ausbildung gewartet. Der Arbeitsmarkt ist flexibler. Deshalb arbeiten 60 Prozent der Ukrainer in Polen und zahlen Steuern.
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Was wäre Ihr Rat an Deutschland?
Mehr Pragmatismus. Es war schmerzhaft, dass das deutsche Bürgergeld bereits integrierte Ukrainer aus dem polnischen Arbeitsmarkt gelockt hat. Deutschland hat dadurch nichts gewonnen – und die Ukraine leidet darunter.
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Tut Deutschland genug, um Russland entgegenzutreten?
Die Zeitenwende brauchte Zeit, um ins Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit zu dringen. In Deutschland gibt es unterschiedliche Wahrnehmungen – Ost- und Westdeutschland reagieren verschieden. Kanzler Merz spricht klarer als sein Vorgänger. Die frühere Regierung schien mehr Angst vor einer russischen Niederlage zu haben als vor einem Sieg. Aber den müssen wir fürchten. Russland muss die Konsequenzen tragen. Es gibt russische Sabotageaktionen in Polen und Deutschland. Russland hat uns den Krieg erklärt. Europa ist längst Kriegspartei. Deutschland muss das erkennen. Berlin zu verteidigen, heißt auch, Vilnius zu verteidigen – das hat Kanzler Merz zu Recht gesagt.
Leitet sich aus diesem gemeinsamen Gefahren-Verständnis für Polen auch ab, dass Deutschland die viel diskutierten Taurus-Marschflugkörper an die Ukraine liefert?
Ich begrüße, dass die Debatte nicht mehr öffentlich geführt wird. Russland diskutiert ja auch nicht vorher, welche Raketen es abschießt. Die Ukraine hat kürzlich gezeigt, dass sie auch ohne Taurus große Schäden anrichten kann.
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Polen investiert fast fünf Prozent seiner Wirtschaftsleistung in Verteidigung. Wie gelingt das? Ist Deutschlands Ambition, die größte Landarmee Europas zu stellen, ein Problem?
Wir brauchen eine andere mentale Einstellung. Polen hat über 200 Kilometer Grenze zu Russland, dazu Belarus und die Ukraine – das ist Nato-Außengrenze. Wir investieren in Ausrüstung, in die Ausbildung vieler Soldaten. Deutschland hat eine starke Rüstungsindustrie – wir brauchen Partner, die liefern können. Weil europäische Waffen oft zu spät kommen, kaufen wir auch in Südkorea.
Polen plant mehrere Atomkraftwerke. Ist Deutschland bei der Energiepolitik falsch abgebogen?
Das war eine deutsche Entscheidung. Wir müssen unsere Wirtschaft zuverlässig versorgen. Wegen der Umweltverschmutzung steigen wir aus der Kohle aus. Atomkraft ist da eine stabile Alternative. Der Bau des ersten AKW hat begonnen. Der zweite Standort wird bald bekanntgegeben. Wir wollen durch kleine modulare Reaktoren auch die Lehre aus dem Ukraine-Krieg umsetzen – Energie dezentralisieren. Wir hoffen, dass die EU Kernenergie als zulässige Quelle anerkennt.
Wissen deutsche Schülerinnen und Schüler genug über NS-Verbrechen in Polen?
Nein. Laut einer Studie des Pilecki-Instituts glauben viele, deutsche Juden seien die Hauptopfer gewesen. Dabei wurden in Polen bereits in den ersten Kriegsmonaten 60.000 Menschen erschossen – Priester, Intellektuelle. Die Sensibilität dafür fehlt. Deshalb brauchen wir das Denkmal. Dass es nach 80 Jahren noch keines gibt, zeigt den Mangel an Wissen.

Sollten deutsche Schüler ehemalige Konzentrationslager in Polen besuchen?
Ja, aber ab einem gewissen Alter. Es geht nicht nur ums Gedenken, sondern darum, die Mechanismen der Vernichtung zu verstehen. In Gedenkstätten wird deutlich, wie normale Menschen zu Tätern wurden. Das kann man nicht allein über Dokus vermitteln.
Ein Drittel der Deutschen war noch nie in Polen. Was sagen Sie diesen Menschen?
Richtet die Augen nach Osten. In Polen bewegt sich viel – wirtschaftlich, kulturell. Statt nach Ibiza zu fliegen, könnten mehr Deutsche Polen entdecken. Fahrradtouren, Alltag erleben – das verändert das Bild. Leider fahren vor allem Westdeutsche nach Polen, Ostdeutsche selten.
Woran liegt das?
In den 1980er Jahren war man im Westen neugierig auf Polen – wegen der Solidarność-Bewegung. In der DDR wurden die Proteste und Demonstrationen negativ dargestellt. Diese Vorbehalte wirken bis heute nach. Lieber fährt man nach Kroatien – aber die 120 Kilometer nach Osten scheinen zu weit.









