Von Jan Jessen (Text) und Reto Klar (Bilder)

Auf einem Feld irgendwo in der Region Saporischschja im Süden der Ukraine. Es ist mitten in der Nacht. Eine Gruppe Soldaten trägt Materialkisten aus einem Transporter. Die Männer wirken wie Schatten, nur das rote Licht ihrer Helmlampen erhellt die Dunkelheit. Weißes Licht würde zu viel Aufmerksamkeit erregen, die Soldaten zu Zielen machen. Es wäre lebensgefährlich. Hier bereiten sie einen Schlag tief im feindlichen Hinterland vor. Einen Angriff mit einer Zozulia, einer Mittelstreckendrohne, die eine tödliche Last trägt: 40 Kilogramm Sprengstoff.

Vier Stunden zuvor steht Major Mykola Kolesnyk in einer Baumreihe Dutzende Kilometer entfernt vom nächtlichen Startplatz. Er ist Kommandeur des 422. Drohnenregiments. „Luftwaffe“ haben die Soldaten ihre Eliteeinheit genannt, weil sie dem deutschen Volk, der Bundesregierung und der Bundeswehr dankbar sind, sagt Kolesnyk. „Deutschland hat Patriot- und Gepard-Systeme geliefert, mit denen ukrainische Städte geschützt werden.“ Er grinst: „Außerdem reizt der Name die Russen.“ Der Major kennt Deutschland. Als sowjetischer Soldat war er im Raum Magdeburg stationiert.

Ukraine Krieg / Drohneneinheit Luftwaffe
Ukraine Krieg / Drohneneinheit Luftwaffe 422 Drohnen-Regiment beim Start einer Langstreckendrohne Namens "Zozulya" am 27. September 2026 in der Reigion Saprorischia. Major Mykola Kloesnyk. Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services Bild: © FUNKE Foto Services | Reto Klar

Die Geschichte seines Regiments beginnt mit der russischen Invasion vor viereinhalb Jahren. „Anfangs waren da nur ich und zwei IT-Leute. Richtige Nerds.“ Aus der Gruppe wird ein Zug, dann eine Kompanie, ein Bataillon und schließlich Anfang dieses Jahres ein eigenständiges Regiment. „Unsere Hauptaufgabe ist die Unterstützung unserer Infanterie und Sturmtruppen, das heißt die Jagd und Bekämpfung feindlicher Drohnenpiloten, ihrer taktischen Logistik und ihrer Artillerie.“

Seine Einheit verfügt über eine breite Palette unbemannter Systeme: Landroboter, FPV-Drohnen mit kurzer Reichweite, Bomber- und Aufklärungsdrohnen sowie Mittel- und Langstreckendrohnen mit Reichweiten von Hunderten Kilometern. Zum Arsenal gehören auch Vector-Aufklärungsdrohnen des deutschen Herstellers Quantum Systems.

Ukraine Krieg / Kramatorsk Situation an der Front
Reporter Jessen (rechts) und Fotograf Klar an der Front.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Ukrainische Drohnen stören russischen Nachschub auf der R-280

In den vergangenen Monaten haben die ukrainischen Drohnenstreitkräfte im Süden den russischen Nachschub erheblich gestört. Die Fernstraße R-280, die vom russischen Rostow am Don über die besetzten Küstenstädte am Asowschen Meer in Richtung Krim führt, ist eine der wichtigsten Logistikrouten für die russischen Besatzungstruppen im Süden der Ukraine. Mittlerweile gilt sie als „Straße des Todes“: Ukrainische Drohnen haben dort zahlreiche russische Lastwagen zerstört. Auch das 422. Drohnenregiment operiert laut Kolesnyk entlang der R-280.

Wir treffen Kolesnyk in der letzten Phase der Operation „Schwarzer Vogel“. Auf Videos, die das Regiment veröffentlicht hat, sind zahlreiche Angriffe seiner Drohnenpiloten auf russische Treibstofflager, Energieanlagen und Munitionsdepots dokumentiert. „Was Mittelstreckenangriffe angeht, haben wir eine der höchsten Erfolgsquoten“, berichtet der Major stolz. „Mehr als 75 Prozent enden erfolgreich.“ Unabhängig überprüfen lässt sich diese Angabe nicht.

Ukraine Krieg / Drohneneinheit Luftwaffe
Ukraine Krieg / Drohneneinheit Luftwaffe 422 Drohnen-Regiment beim Start einer Langstreckendrohne Namens "Zozulya" am 27. September 2026 in der Region Saprorischia. Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services Bild: © FUNKE Foto Services | Reto Klar

Drohnenmission in der Steppe: Soldaten bereiten Start im Geheimen vor

Zurück auf dem Feld in den nächtlichen Weiten der Steppe. Die Soldaten arbeiten routiniert und zügig. Alle Männer tragen Masken, ihre Gesichter dürfen auf Fotos nicht zu erkennen sein. Drohneneinheiten sind für den Gegner besonders wertvolle Ziele. Ihr Kommandant hat einen langen Bart, der ihm den Funknamen „Wahhabit“ eingebracht hat. Er erklärt: „Das Gefährliche ist die Aufklärung da oben am Himmel. Wenn sie uns entdecken, werden sie uns angreifen.“

Die Katapultvorrichtung steht bereits. Drei Soldaten öffnen die Ladeklappe eines zweiten Transporters und ziehen die Drohne heraus: den etwa dreieinhalb Meter langen hölzernen Rumpf samt Propeller und die beiden Flügel mit einer Gesamtspannweite von fünfeinhalb Metern. Die Maschine sieht aus wie die Miniaturausgabe eines Jagdflugzeugs aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Crew bereitet sie auf eine Mission ohne Wiederkehr vor. Die Aufgaben sind klar verteilt: ein Kommandant, ein Spezialist für die Katapultvorrichtung, ein Mechaniker, ein Ingenieur und ein IT‑Spezialist. Der Pilot könnte Hunderte Kilometer entfernt sitzen.  

Starlink-Drosselung: Ukrainische Drohnen verlieren Verbindung

Ukrainische Mittel- und Langstreckendrohnen sowie Abfangdrohnen sind häufig auf die Steuerung über Starshield angewiesen, die militärische Komponente des Starlink-Systems. Kurz nach unserem Besuch drosseln die US-Amerikaner die Nutzung der Satellitenverbindung bei Geschwindigkeiten von mehr als 160 Kilometern pro Stunde. Das 422. Regiment wird zu den Folgen schweigen.

Andere Einheiten der ukrainischen Drohnenstreitkräfte melden aber gravierende Konsequenzen: Ihre Abfangdrohnen können schnellen russischen Jet-Drohnen nicht mehr folgen, ohne die Verbindung zu verlieren. Auch etliche Angriffsdrohnen stürzen einfach ab. Nach etwa zehn Tagen wird die Drosselung wieder aufgehoben, angeblich auf einen direkten Befehl des US-Präsidenten an Elon Musk, den Tech-Milliardär und Chef von SpaceX, dem Unternehmen hinter Starlink.

TOPSHOT - People watch the burning oil terminal following an air attack in Saint Petersburg on October 18, 2026, amid the ongoing Russian-Ukrainian conflict. Russia shot down dozens of Ukrainian drones near Saint Petersburg, authorities said on October 18, 2026, with an oil terminal hit and flights disrupted at one of the country's busiest airports. (Photo by AFP)
TOPSHOT - People watch the burning oil terminal following an air attack in Saint Petersburg on October 18, 2026, amid the ongoing Russian-Ukrainian conflict. Russia shot down dozens of Ukrainian drones near Saint Petersburg, authorities said on October 18, 2026, with an oil terminal hit and flights disrupted at one of the country's busiest airports. (Photo by AFP) Bild: © AFP | Stringer

Zozulia-Drohne: Crew rüstet Sprengladung und prüft Sicherheit

Für die Zozulia-Drohne ist eine Drosselung ab 160 Stundenkilometern aber ohnehin kein Problem. Ihre Reisegeschwindigkeit beträgt maximal 130 Kilometer pro Stunde.

Die Männer überprüfen die Sprengladung, füllen Kerosin in die Tanks in den Flügeln und lassen den Propeller probeweise anlaufen. Als der Motor läuft, klingt die Drohne wie ein überlautes Mofa. Kommandant Wahhabit blickt immer wieder auf seinen Monitor. Er prüft, ob feindliche Drohnen im Anflug sind. „Es ist meine Verantwortung, die Sicherheit der Crew zu gewährleisten.“

Sollte sich ein feindliches Geschoss oder eine Drohne nähern, müssten die Männer den Start sofort abbrechen und sich in den Graben retten, den sie neben dem Startplatz ausgehoben haben. „Dann ist es schwierig, uns aus der Luft zu entdecken.“ Ihre Startplätze müssen sie ständig wechseln.

Drohnenangriffe: Soldaten planen nächtliche Einsätze auf Mariupol

Vor jedem Start planen die Drohnensoldaten ihre Missionen bis ins Detail. Sie unterscheiden zwischen zeitkritischen Zielen und solchen, die nicht sofort angegriffen werden müssen. Zu den zeitkritischen Zielen zählen Raketenwerfer oder Radarsysteme – alles, was schnell zerstört werden muss, bevor es den eigenen Truppen Schaden zufügen kann.

Wohin die Zozulia in dieser Nacht fliegen und ihre tödliche Ladung tragen wird, verraten die Soldaten nicht. Nur so viel: Es geht in Richtung Mariupol. Die Stadt wurde 2022 bei heftigen Kämpfen weitgehend zerstört und nach monatelanger Belagerung von russischen Truppen eingenommen.

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Ukraine-Krieg: Zweifel an Russlands Siegesmeldung zu Kostjantyniwka
Im Krisenmodus
 

Ukraine-Krieg: Schlimmstenfalls explodiert die Drohne beim Start

Die Drohne ist startklar. Die Soldaten packen an und schieben sie auf das Katapult. „Geht besser in den Graben“, rät Wahhabit. Im schlimmsten Fall könnte die Maschine beim Start explodieren. Das ist noch nie passiert. Aber wer weiß. Auch diesmal geht alles glatt. Das Katapult löst aus, die Drohne hebt laut brummend in den dunklen Himmel ab. Von jetzt an übernimmt der Pilot.

Regimentskommandeur Kolesnyk hat Stunden zuvor die Ziele für den Winter vorgegeben: weiter die russische Logistik angreifen und Jagd auf feindliche Drohnenpiloten machen. „Wir müssen dem Feind immer einen Schritt voraus sein.“