Man kann Katherina Reiche nicht vorwerfen, dass sie schwierige Aufgaben scheut. International wackelt bedrohlich die Handelsordnung, in Deutschland schleppt sich die Wirtschaft von Quartal zu mauem Quartal, und die Energiewende ist auf dem Weg, aber längst nicht vollendet – und richten soll es jetzt Reiche.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Die 51-jährige CDU-Politikerin steht als neue Wirtschaftsministerin also vor genügend Herausforderungen. Doch Reiche, die nach langen Jahren in der Politik zuletzt ein Jahrzehnt in der Wirtschaft tätig war, kommt nicht ohne Rüstzeug – die neue Hausherrin im Wirtschaftsministerium kennt sich mit Netzen ebenso aus wie mit Netzwerken. Wie tickt die Frau, die für Friedrich Merz die Wirtschaftswende schaffen soll?
Die gebürtige Brandenburgerin Reiche kommt früh zur Politik: Als sie 1992 in die Junge Union eintritt, ist sie noch nicht einmal 20. Nach dem Abitur studiert sie Chemie, ist aber gleichzeitig immer politisch aktiv. 1998 zieht sie zum ersten Mal in den Bundestag ein. Die damals 25-Jährige ist zu diesem Zeitpunkt die jüngste Abgeordnete.

Zielstrebig, fleißig, ehrgeizig: Reiche macht im Bundestag schnell Karriere
Die junge Frau aus dem Osten steht bald im Ruf, zielstrebig und fleißig zu sein, arbeitet sich beständig nach oben, wird 2005 stellvertretende Fraktionschefin. Ab 2009 ist sie Parlamentarische Staatssekretärin, erst im Umweltministerium, dann im Verkehrsministerium.
Personen, die ihre Laufbahn aus der Nähe beobachteten, beschreiben Reiche als jemand, der immer gut vorbereitet ist. Sie wisse im Zweifel auch noch, was in der „fünften Fußnote eines Papieres“ stehe, heißt es. Und: Reiche gilt als exzellente Netzwerkerin, weiß, wie man Brücken baut und Kontakte pflegt.
Eine Fähigkeit, die sie attraktiv macht, auch für Arbeitgeber außerhalb der Politik. 2015 legt sie mitten in der Legislatur ihr Bundestagsmandat nieder und wechselt, trotz heftiger Kritik, ohne Zeit im Abklingbecken zum Verband kommunaler Unternehmen (VKU), der mächtigen Lobbygruppe der Stadtwerke in Berlin. Von dort zieht es sie weiter zur Eon-Tochter Westenergie, wo sie 2020 die Leitung übernimmt.
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Eine fordernde Chefin, eine, die auch frühmorgens schon SMS schreibt, so beschreiben sie Leute, die ihren Führungsstil kennen. Aber auch eine, die fördert, vor allem Frauen: Bei Westenergie gründet sie die Frauen-Akademie FEMPower. Deren erklärtes Ziel ist es, mehr zur Gleichberechtigung von Frauen beizutragen, sie „auf ihrem Karriereweg zu begleiten und auf Führungspositionen bei Westenergie vorzubereiten“, wie Westenergie es beschreibt.
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Energiewende: Die neue Wirtschaftsministerin will weg von „starren Zielen“
An der Spitze des Energieversorgers ist sie nicht nur verantwortlich für 11.000 Mitarbeitende, sondern auch für die Versorgung von Millionen Menschen mit Strom, Gas und Wasser. Allein 195.000 Kilometer Stromnetz gehören dem Unternehmen in Nordrhein-Westfalen.
Es ist eine Position, die ihre Sicht auf das Energiesystem prägt. In einem langen LinkedIn-Post aus dem November 2024 skizziert Reiche, was sich aus ihrer Sicht ändern muss. Unter anderem spricht sie sich dafür aus, künftig weniger den Ausbau der Erneuerbaren „in starren Zielsetzungen und Zielerreichungen in den Mittelpunkt zu rücken“ und stattdessen über „alternative Szenarien“ nachzudenken, wie die Klimaziele erreicht werden könnten.
Unter dem grünen Wirtschaftsminister Robert Habeck hatte der bis dahin eher vor sich hin dümpelnde Ausbau von Erneuerbaren Energien einen Boom erlebt, 2024 waren knapp 60 Prozent des erzeugten Stroms erneuerbar. Bis 2030, so das aktuelle Ziel der Bundesregierung, sollen es 80 Prozent sein.
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Reiche bezieht sich dagegen auf eine Rechnung der Unternehmensberatung McKinsey, die bis 2035 zusätzliche 80 Gigawatt Gaskraftwerke vorsieht. Das allerdings würde teuer werden – weiter oben im Text hatte die künftige Ministerin selbst geschrieben, dass Gaskraftwerke viel Geld kosten und ohne Förderung kaum jemand bereit sein dürfte, sie zu bauen. Vorgesehen im Koalitionsvertrag von Union und SPD sind 20 Gigawatt neue Gaskräfte, für die es Anreize geben soll.

Grüne fordern Distanzierung von Aussagen zur gleichgeschlechtlichen Ehe
Weil Reiche Erfahrung aus der Praxis mitbringt, hat ihre Berufung vor allem in der Energiewirtschaft positive Reaktionen ausgelöst. Doch es gibt auch Kritik. Die Nichtregierungsorganisation Lobbycontrol, die sich für Transparenz in der Politik einsetzt, zweifelt an der Distanz der Wirtschaftsministerin Reiche zu den Interessen der Wirtschaftsvertreterin Reiche. „Sie wird sich in ihrer neuen Position kaum aus allen Entscheidungen zurückhalten können, die ihren jetzigen Arbeitgeber betreffen“, sagte Lobbycontrol-Sprecherin Christina Deckwirth nach der Berufung. „Es ist höchst fraglich, ob Reiche die nötige kritische Distanz und Unabhängigkeit zur Energiewirtschaft einhalten kann, um ausgewogen zu entscheiden.“
Reiches Verbindungen zur Wirtschaft sind allerdings nicht der einzige Grund, warum ihre Rückkehr in die Politik bei manchem Stirnrunzeln hervorgerufen hat. Viele erinnern sich auch noch daran, dass die gläubige Christin Reiche – eine Kette mit Kreuz trägt sie stets am Hals – sich jahrelang mit Nachdruck gegen die Ehe für alle eingesetzt hat.
Der „Bild“-Zeitung sagte Reiche etwa 2012, die Zukunft des Landes liege „in der Hand der Familien, nicht in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften“ – ganz so, als ob gleichgeschlechtliche Paare und ihre Kinder keine Familien seien.
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Wie Reiche dazu heute steht, ist nicht bekannt. Das sollte sie aber dringend klarstellen, findet man in der Opposition. Die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe sei ein wichtiger Schritt gesellschaftlicher Gleichstellung und eine Beendigung staatlicher Ungleichbehandlung aufgrund der sexuellen Orientierung gewesen, sagt Grünen-Politikerin Nyke Slawik dieser Redaktion. „Ich erwarte von Frau Reiche, sich als angehende Vertreterin der Bundesregierung von ihren früheren diskriminierenden Äußerungen zu distanzieren.“
Reiche selbst ist inzwischen mit einem Ex-Polit-Promi liiert: Am Montag bestätigten sie und Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, dass sie ein Paar sind. Reiche hatte 2003 den damaligen Brandenburger Landtagsabgeordneten Sven Petke geheiratet. Die beiden haben gemeinsam drei Kinder.










