Die bunten Tafeln mit Strafzöllen von zehn bis 50 Prozent für Gott und die Welt, die Donald Trump neulich im Rosengarten des Weißen Hauses präsentierte, um Amerikas „Tag der Befreiung“ zu feiern (vom Joch der handelspolitischen Ausbeutung durch andere Nationen, so der US-Präsident), hinterlassen einen immer bitteren Beigeschmack. Und das losgelöst von der Tatsache, dass Trump das Bestrafungs-Regime aufgrund schwerer Markt-Turbulenzen und massiver Kritik von US-Konzernlenkern für 90 Tage auf Eis gelegt hat. Offen reden Ökonomen in US-Medien von „haarsträubenden Rechenfehlern“, die große Zweifel am Sachverstand der Regierung ausgelöst haben. 

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Hintergrund: Trumps „Buchhalter” bezogen sich nach eigenen Angaben auf eine vier Jahre alte Studie, die der an der Harvard-Universität tätige Ökonom Alberto Cavallo erstellt hat. Zu den Co-Autorinnen gehören Gita Gopinath, stellvertretende Direktorin des Internationalen Währungsfonds, und Brent Neiman, Wirtschaftsprofessor aus Chicago.

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Wirtschaftsprofessor über US-Zölle: „Sie haben es falsch gemacht, sehr falsch“

In dieser Studie wird gezeigt, wie Importpreise auf Zollerhöhungen reagieren. Die von Trumps Leuten um den hochumstrittenen Handelsberater Peter Navarro benutzten Werte für die Formel, die das Weiße Haus für die Berechnung individueller Zölle zu Rat zog, kommen darin nicht vor. 

Neiman beschwerte sich im Sender CNN lautstark darüber, instrumentalisiert worden zu sein. „Sie haben es falsch gemacht, sehr falsch”. Nicht nur das. Die Annahme, man könne oder solle Handels-Defizite mit einzelnen Ländern via Zölle ausgleichen, sei „völlig fehlgeleitet“. Am meisten regt Neiman auf, dass die von Trump vorgestellte Zölle „viel zu hoch” seien. Wie das?

Wie Kevin Corinth und Stan Veuger, Experten der konservativen Denkfabrik „American Enterprise Institut“, nachweisen, sind die vom Präsidenten präsentierten Zölle  „um das Vierfache zu hoch“ – schlicht, weil falsche Zahlen eingesetzt worden seien. 

Würde man den Fehler bereinigen, würde der Zoll, den die USA auf Importe erheben, bei keinem Land über 14 Prozent betragen. Das Gros der Weltgemeinschaft würde nicht mehr als zehn Prozent mehr bezahlen müssen. 

Zum Vergleich: Arme Länder wie Lesotho (50 Prozent), Kambodscha (49 Prozent) oder Madagaskar (47 Prozent) werden anhand der Trump-Tabelle über alle Maßen geschröpft, während Industrie-Regionen wie die Schweiz (31 Prozent), Südkorea (25 Prozent) und die Europäische Union (20 Prozent) glimpflicher aber immer noch weit über Gebühr belastet würden.

Finanzminister Scott Bessent (2.v.li.) und Wirtschaftsminister Howard Lutnick tragen Mitverantwortung für die obskuren Berechnungsmethoden, mit denen Donald Trump die Welt in einen Handelskrieg zieht.
Finanzminister Scott Bessent (2.v.li.) und Wirtschaftsminister Howard Lutnick tragen Mitverantwortung für die obskuren Berechnungsmethoden, mit denen Donald Trump die Welt in einen Handelskrieg zieht.© AFP | SAUL LOEB

Fachleute in Wirtschafts-Instuten weltweit halten bereits die Formel an sich für „puren Nonsens”, weil Handelsdefizite nicht nur durch Zölle und nichttarifäre Handelshemmnisse bestimmt würden. Sondern auch durch internationale Kapitalflüsse, Lieferketten oder geografische Gegebenheiten. 

Dass die Formel, „die weder in der Wirtschaftstheorie noch im Handelsrecht begründet ist“, dann auch noch mit falschen Zahlen gefüttert worden sei, was die verhängten Zölle „aufbläht“, sei mehr als kritikwürdig. Corinth und Veuger konstatieren vernichtend, dass „wir zumindest erwarten dürfen, dass die zuständigen Beamten des Weißen Hauses ihre Berechnungen sorgfältig durchführen“.

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Wie US-Wirtschaftsmedien erläutern, basieren Trumps Strafzölle nicht auf realen Zollsätzen, sondern auf einer einfachen Gleichung: Die Größe des Ungleichgewichts eines Landes im Warenhandel mit den Vereinigten Staaten wurde geteilt durch die Menge, die die USA aus diesem Land importieren. Der daraus berechnete Satz wird, angeblich als Zeichen der Kulanz (Trump: „Wir sind gute Menschen“), um die Hälfte gekürzt – fertig ist der neue Zoll.

US-Zölle - Wirtschaftsberater Navarro
Peter Navarro, führender Wirtschaftsberater von US-Präsident Trump, steht im Mittelpunkt der Vorwürfe. Er soll die als falsch bezeichneten Berechnungen der Zoll-Formel autorisiert haben.© Alex Brandon/AP/dpa | Alex Brandon

Für den Rivalen China hieß das (vor der Zoll-Erhöhung durch Trump auf 145 Prozent am Donnerstag) nach Berechnungen des „Peterson Institute for International Economics“ in Washington folgendes: Trumps Leute errechneten freihändig, dass die chinesischen Handelsbarrieren einem Zollsatz von 67 Prozent entsprachen. Die USA hatten 2024 ein Defizit im Warenhandel mit China von 295 Milliarden Dollar. Teilt man diesen Betrag durch die 438 Milliarden Dollar, die die USA im vergangenen Jahr aus China importiert haben, ergibt sich ein Wert von 0,67.

Daraus leitete das Weiße Haus einen Zollsatz von 67 Prozent ab. Geteilt durch zwei – macht rund 34 Prozent.

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Im Fall der Europäischen Union geht die Trump-Mathematik so: Amerika importierte 2024 Waren im Wert von 605 Milliarden Dollar aus Europa, die US-Exporte in die „Alte Welt” beliefen sich auf 370 Milliarden Dollar. Handelsdefizit: 235 Milliarden Dollar. Wenn man diesen Wert nun wie in der Formel angegeben durch die Importe von 605 Milliarden Dollar teilt, kommt 0,39 heraus. So kamen die ursprünglich 39 Prozent Strafzoll zustande, die Trump „gnädigerweise” auf 20 Prozent halbierte. 

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    Zieht man die oben erwähnte Cavallo-Studie hinzu, läge der tatsächlich berechtigte Zollwert, den die USA erheben könnten, bei rund fünf Prozent. Was nur geringfügig über der Ziffer liegt, die die Welthandelsorganisation für den durchschnittlichen Außenzoll der USA ermittelt hat: 4,4 Prozent. Allgemeinverständlicher: „Trump dürfte den Europäern eigentlich gar keinen Extra-Zoll aufbrummen“, sagt ein Wirtschafts-Dozent der George Mason-Universität in Washington.

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    In akademischen Kreisen wird gemunkelt, dass sich Trumps Leute die Formel von Künstlicher Intelligenz berechnen ließen. In der Tat: Gibt man bei ChatGPT oder Grok, dem KI-Produkt von Elon Musk, die entsprechenden Fragen ein, kommen fast genau jene Berechnungs-Vorschläge heraus, mit denen sich Trump im Rosengarten des Weißen Hauses feiern ließ.