Auch Mafia-Bosse, die eine lebenslange Haft absitzen, haben ein Recht auf Liebesbeziehungen. So sieht es zumindest Italiens Oberstes Gericht. Die hohen Richter haben jetzt entschieden, dass der wegen Mordes und Drogenhandels zu lebenslänglicher Haft verurteilte Boss der sizilianischen Cosa Nostra, Davide Emanuello, seine langjährige Brieffreundin treffen darf. Zu der Frau habe er in den vergangenen 17 Jahren eine „emotionale Bindung“ aufgebaut. Das Urteil könnte Italiens strengen Umgang mit persönlichen Beziehungen von Häftlingen beeinflussen.
Italienischer Mafia-Boss traf Brieffreundin: „Konnten uns sagen, wie sehr wir uns lieben“
Der 60-jährige Emmanuello sitzt seit 1993 im Hochsicherheitsgefängnis in Sassari im Norden Sardiniens seine Haftstrafe ab. 22 Jahre hat er damit nun schon unter den strengsten Haftbedingungen verbracht, die in Italien den gefährlichsten Mafiosi vorbehalten sind. In Sassari sind viele von ihnen inhaftiert.
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Seit 2008 vertreibt sich Emanuello die Haft mit Briefen an seine heute 55-jährige Brieffreundin, einer in der Stadt Modena lebenden Britin. Die Beziehung hat sich mit der Zeit zu einer Liebesgeschichte entwickelt, wie italienische Medien berichteten. Doch ein persönliches Treffen hatte der Gefängnisdirektor stets untersagt, woraufhin Emanuello beim Überwachungsgericht Einspruch einlegte – mit Erfolg.
Im Mai dieses Jahres durften sich der Häftling und seine Angebetete zum ersten Mal treffen. „Es war eine große Freude“, berichtete die Britin gegenüber italienischen Medien. „Damals konnten wir zwei Stunden miteinander verbringen und konnten uns sagen, wie sehr wir uns lieben.“ Das Justizministerium hatte gegen die Entscheidung des Gerichts Berufung eingelegt, doch diese wies das Oberste Gericht nun zurück.
Gerichtsurteil: Recht auf Nähe gilt, solange Sicherheitsbedenken nicht überwiegen
In seinem Urteil rief das Gericht das Recht auf zwischenmenschliche Zuneigung hervor, auch für Häftlinge in besonders strenger Haft. Laut den Richtern müsse stets eine konkrete Abwägung zwischen dem Bedürfnis nach Beziehungen und den Anforderungen der öffentlichen Sicherheit vorgenommen werden. Nur, wenn Letztere überwiegen, könne das Recht auf Nähe verwehrt werden. Zudem sei die Brieffreundin weder mit der organisierten Kriminalität verbunden, noch gebe es Hinweise auf problematische Aspekte in der Beziehung zu dem Häftling.

Im Gegenteil: Die Italo-Britin engagiert sich seit Jahren für Projekte zur Resozialisierung von Strafgefangenen. Die Brieffreundschaft hat offenkundig beide bereichert. „Niemanden zu treffen bedeutet, mit niemandem zu sprechen. Mit niemandem zu sprechen bedeutet, dass niemand meine Worte hört. Zwanzig Jahre lang mit niemandem zu sprechen, führt zu einem Zustand der schweren Isolation“, schrieb der Mafia-Boss kürzlich. Er darf die Strafanstalt nicht verlassen, weil er laut den Richtern immer noch gefährlich ist.
Briefe des Mafia-Bosses wurden in einem Buch veröffentlicht
„Wir Gefangenen existieren, weil wir als Körper leben, und gerade weil wir auf bloße Materie reduziert wurden, vermitteln wir durch Sprache nicht mehr unser Dasein als denkende Präsenz in der Welt“, heißt es in einem Ausschnitt aus einem der vielen Briefe von Davide Emmanuello, die inzwischen gesammelt und in einem Buch veröffentlicht wurden. Herausgegeben wurde es vom Verlag Libriliberi Editore auf Initiative der Journalistin Francesca de Carolis, die sich seit Jahren für die Rechte von Gefangenen einsetzt.
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Das strenge Haftregime für Mafiosi, die sogenannte 41-bis-Regelung, soll verhindern, dass Mafia-Anführer von der Haft aus weiterhin ihre kriminellen Netzwerke steuern. Es beinhaltet strenge Isolationsmaßnahmen und stark eingeschränkte Besuchsrechte. Emmanuello ist kein Unbekannter in Sachen rechtlicher Auseinandersetzungen mit den Haftbedingungen für Mafiosi. Vor über zehn Jahren sorgte er für Aufsehen, als ihm verboten wurde, den Roman „Der Name der Rose“ von Umberto Eco in der Gefängnisbibliothek zu lesen, da das Buch als „gefährlich“ eingestuft wurde. In einem Brief von 2015 zitierte er Aristoteles, um seine Unschuld zu beteuern.








