Circa 30.000 Chinesen leben in der toskanischen Stadt Prato und sind zum Großteil in der Textil- und Modebranche aktiv. Hunderte chinesische Handelsunternehmen haben sich hier niedergelassen: Die 195.000 Einwohner-Stadt ist inzwischen eine China-Town mitten in Europa. Die ersten Chinesen zogen Mitte der 1980er Jahre hierher. Inzwischen hat Prato die zweitgrößte chinesische Gemeinschaft in Italien nach Mailand.

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Die meisten der in Prato lebenden Chinesen stammen aus Zhejiang, einer Region im Süden Chinas. Von Italien aus produzieren chinesische Firmen Billigmode für die ganze Welt. Näherinnen arbeiten in verschlossenen Fabrikhallen rund um die Uhr, um billige Kleidungsstücke herzustellen. Die chinesischen Einwanderer belegen die Hallen, die nach dem Untergang der italienischen Textilindustrie leer standen. Sie richten dort chinesische „sweatshops“ ein, mit chinesischen Stoffen, chinesischen Techniken und Löhnen, die näher an den Verhältnissen daheim als am italienischen Niveau liegen.

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Lange galt die chinesische Gemeinschaft in Prato als still und unglaublich fleißig. Doch zuletzt ist sie zum Problem für Italiens öffentliche Sicherheit geworden. Ein Doppelmord in Rom und mehrere Gewalttätigkeiten sorgen dafür, dass sich italienische Ermittler jetzt mit einer Fehde unter rivalisierenden Chinesen-Clans beschäftigen müssen, die die Kontrolle der Modeindustrie erlangen wollen.

Doppelmord in Italien: Gewalt im chinesischen Modenetzwerk

Zhang Dayong (53) und seine Frau Gong Xiaoqing (38) wurden vor einigen Tagen in Rom durch Pistolenschüsse getötet, nachdem Unbekannte auf einem Motorrad im römischen Stadtteil Pigneto, wo sie sich aufhielten, das Feuer eröffnet hatten. Die Polizei geht davon aus, dass es sich um einen Rachemord handelt. Nach den Tätern wird noch gesucht.

Ein großes altes Gebäude steht auf einem offenen Platz mit einer Statue in der Mitte
Ein Doppelmord in Rom löste Ermittlungen seitens der Polizei aus.© picture alliance / Bildagentur-online/Villa-AGF | dpa Picture-Alliance

Die Polizei vermutet, dass der Doppelmord mit dem sogenannten „Krieg der Kleiderbügel“ zwischen chinesischen kriminellen Banden zusammenhängt, die sich auf den Textilsektor und insbesondere auf Fast-Fashion-Fabriken in Italien spezialisiert haben. Der ermordete Zhang stand zusammen mit 78 anderen Personen in Florenz vor Gericht. Ihnen wird vorgeworfen, illegale kriminelle Aktivitäten in Italien, Frankreich, Deutschland und Spanien koordiniert zu haben.

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Der Mann hätte in den kommenden Wochen als Zeuge vor Gericht in Florenz aussagen müssen. Er galt als Nummer zwei einer der mächtigsten Clans, die in Europa operieren, wie aus den Gerichtsunterlagen hervorgeht.

Italiens „Krieg der Kleiderbügel“: Chinesische Clans im Visier

Der Prozess gegen Zhang und andere Chinesen ist das Ergebnis einer Untersuchung aus dem Jahr 2018 namens „China Truck“, bei der es um Menschen- und Textilhandel ging, der mit chinesischen mafiösen Banden in ganz Europa in Verbindung gebracht wird, so die italienische Antimafia-Direktion, die die ursprüngliche Untersuchung durchgeführt hat.

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Seit Monaten eskalieren laut den Ermittlern die Auseinandersetzungen zwischen kriminellen Gruppen, die die Produktion von Kleiderbügeln und die Bekleidungslogistik in Italien und in Europa kontrollieren wollen. Im vergangenen Juli wurde in Prato ein chinesischer Geschäftsmann von einer Gruppe von Landsleuten angegriffen, die ihn in einem Club mit einer Glasflasche schlugen, verprügelten und ihm dann in den Bauch stachen. Trotz schwerster Verletzungen überlebte der Mann.

In einer kürzlich veröffentlichten Erklärung betonte der Generalstaatsanwalt von Prato Luca Tescaroli, dass sich die Gewalttätigkeiten in dem von Chinesen kontrollierten Modesektor seit dem vergangenen Juni verstärkt hätten. Im Gegensatz zu anderen Vorfällen lieferte der Angriff auf den chinesischen Geschäftsmann neue und relevante Informationen über den Kontext, in dem diese Gewalt stattfindet, wer dafür verantwortlich ist und wie.

Ein Bild einer italienischen Stadt
Die Gewalttaten in Verbindung mit den Kartellen wie hier in der Toskana häufen sich laut Polizeiangaben. © picture alliance / Bildagentur-online/Rossi | dpa Picture-Alliance

Prato am Scheideweg: Zwischen wirtschaftlicher Hoffnung und Kriminaltiät

Die Polizei geht davon aus, dass die jüngsten Kriminalfälle ein Zeichen dafür sein könnten, dass die „Kartelle“, die den Bekleidungssektor kontrollieren, ihren Pakt der Loyalität gebrochen haben. Es gab einen Anstieg der Gewalt, einschließlich einer Reihe von Mordversuchen, Brandstiftungen und Überfällen in der Toskana, Madrid und Paris, die mit den Banden in Verbindung gebracht werden.

Meng Chang Zhang (43) ist einer der wenigen Chinesen in Italien, die das Gesetz des Schweigens gebrochen hat. „Im Bereich der Modelogistik gibt es Gruppen, die den Markt kontrollieren. Wenn man die Preise drückt, wird man dafür bestraft“, erklärte er den Ermittlern, wie die römische Tageszeitung „La Repubblica“ berichtete. Er selber sei in Prato mit Messerstichen angegriffen worden. Staatsanwalt Tescaroli rief zuletzt die chinesische Gemeinschaft auf, mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Für die Kooperation mit den Ermittlern erhalten die Ausländer eine Aufenthaltsgenehmigung, was ihnen auch einen besonderen Schutz gewährt.

Prato befindet sich heute am Scheideweg. Einerseits spürt man hier die unternehmerische Energie der chinesischen Gemeinschaft, die die Textilproduktion der Region wiederbelebt hat. Auf der anderen Seite droht jedoch ein stilles kriminelles System die Marktwirtschaft zu erdrosseln. „Der Krieg um die Kleiderbügel ist das Emblem eines größeren Kampfes, in dem es um die Herrschaft im Modebereich und um viel Geld geht. Die ersten Chinesen, die mit der italienischen Justiz zusammenarbeiten, brechen das Gesetz des Schweigens, das bisher in Prato geherrscht hat“, sagte ein Ermittler, der anonym bleiben will.