Die Pendlerinnen in der Tokioter U-Bahnen ahnen noch nichts, als ein Typ mit riesigem Lautsprecher einsteigt. Zwischen den Sitzbänken macht er sich bereit, noch unbeachtet durch die anderen Fahrgäste. Dann aber kann ihn niemand mehr ignorieren: der Bass, die dröhnenden Autotunes, sein wildes Getanze. Ein Mann hält sich die Ohren zu, ein anderer sieht peinlich berührt weg. Dieser blonde Typ im schwarzen Kapuzenpullover findet das aber nicht peinlich. Er tanzt fröhlich weiter, für die Kamera vor ihm.

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Videos wie dieses kursieren seit einigen Tagen in Japan. Sie stammen vom Influencer Streichbruder, einem wohl 17-Jährigen aus Bayern, der quer über Plattformen wie Instagram, Tiktok und Youtube mehr als eine Million Followerinnen hat. Sein Konzept: In diversen Ecken der Welt filmt er sich, wie er an öffentlichen Orten laut mit seinem Lautsprecher Musik hört, tanzt, Backflips macht und den Leuten um sich herum „auf den Geist geht“.
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Mit solchen Videos, die Streichbruder nun auch in Tokioter U-Bahnwaggons, auf Bahnhofsplattformen und auf der Straße aufgenommen hat, ist der bis dahin in Japan völlig unbekannte junge Mann auch zu einer Berühmtheit geworden. Allerdings nicht nur im positiven Sinn: Einige Videos zeigen ihn zwar umzingelt von einer begeisterten Menge. Aber längst ist auch klar, dass sich viele in Japan über ihn aufregen. Denn gerade in den oft überfüllten U-Bahnen gehört es zum guten Ton, sich ruhig zu verhalten.
„Das störende Verhalten an Bord der Züge der Yamanote-Linie ist zu einem heißen Thema geworden“, berichtet das beliebte Onlineportal Yahoo Japan. Das sich an ausländische Bewohner Japans richtende Medium Tokyo Weekender titelt: „Die Tokioter Zug-Possen von TikToker Streichbruder lösen Empörung aus.“ Im Text wird erwähnt, dass der Influencer seit kurzem einen Eintrag im Guinessbuch der Rekorde für die meisten Backflips binnen 30 Sekunden hat. Aber auch, dass das in Japan nicht alle interessiert.
So schreibt der japanische Journalist Taichi Soga auf X, während er eines der Videos von Streichbruder verlinkt: „Ich frage mich, ob das hier wohl der Grund ist, warum die Deutsche Botschaft die Reisenden aus Deutschland dazu aufruft, sich an Regeln zu halten.“ Ein anderer X-User, dessen Post 3600-mal geteilt wurde, beobachtete: „Noch so ein Ausländer, der in der Bahn laut Musik spielt und tanzend alle nerven muss.“ Die Liste ließe sich noch lange fortführen.
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Das Management von Streichbruder schrieb auf Anfrage dieser Redaktion: „Wir haben die negative Berichterstattung wahrgenommen, allerdings nicht mehr als in anderen Ländern. Im Gegensatz dazu stehen aber die zahlreichen ‚Beifallsbekundungen‘, insbesondere von jungen Japanern, die eine enorme Freude daran haben, Simon persönlich kennenzulernen und mit ihm Content zu erstellen. Seine Werke mit nachweislich hohen Aufrufzahlen sprechen ein breites (insbesondere jüngeres) Publikum an und treffen dabei den Zeitgeist, auch über mögliche kulturelle Grenzen hinweg.“
Touristen sorgen mit ihrem Verhalten immer wieder für Schlagzeilen
Streichbruder ist jedoch bei weitem nicht der einzige Besucher aus dem Ausland, der in Japan für Verstimmungen sorgt. Seit Ende der Pandemie, als sich das Land nach Grenzschließungen wieder für den Tourismus öffnete, machen regelmäßig Urlauber Schlagzeilen, weil sie gegen die Etikette verstoßen. Und dabei geht es nicht um kleine, in Reiseführern erwähnte Fettnäpfchen wie das Besetzen von „Prioritätssitzen“ für Seniorinnen und Schwangere in der Bahn.
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Ein paar wenige Beispiele: Schon im vergangenen Herbst sorgte eine Tanzgruppe aus New York mit Videos aus japanischen Zügen, ähnlich wie jene von Streichbruder, für Ärger. Im Sommer 2024 war ein Österreicher verhaftet worden, nachdem er Sex auf dem Gelände eines Schreins hatte, also einer heiligen Stätte der Urreligion Shinto. Kurze Zeit später machte eine chilenische Touristin und Turnerin Schlagzeilen, weil sie an einem „torii“, also einem der Eingangstore zu Schreinen, Klimmzüge gemacht hatte.
Tourismus notwendig? Japan brauchte neuen Wachstumsmotor
Die Zyniker im Land sagen nun: Das kommt eben davon, wenn man einen Tourismusboom herbeisehnt. Denn Japans Regierung beschloss vor gut zehn Jahren, das Land, in dem die Bevölkerung altert und schrumpft, künftig auf den Fremdenverkehr als ökonomischen Wachstumsmotor setzen müsse. Seitdem wurden weltweit Kampagnen losgetreten. Japan begann, intensiv seine Schönheit in Sachen Kultur und Natur zu bewerben. Mit Erfolg: JTB, die führende Reiseagentur im Land, prognostiziert für 2025 insgesamt 40 Millionen Besucher aus dem Ausland. Gegenüber 2011, als kurz vorm Start der Tourismusstrategie noch 6,2 Millionen ins Land kamen, wäre das deutlich mehr als eine Versechsfachung. Aber was finanziell ein großer Gewinn für Japan ist, wird für viele eben zusehends zum Ärgernis.

Was die Aufregung um Streichbruder angeht, meldete sich auch ein anderer Influencer aus Deutschland zu Wort. Misterkruger1, der auf Instagram Videos über sein Leben in Japan postet, richtete einen Post an ihn: „Sei nicht so ein Negativvorbild!“ In Japan gelte Streichbruder nämlich schon als der neueste „Skandaltourist“. Misterkruger1 mahnt: „Der Ruf von Touristen in Japan geht gerade sowieso immer mehr den Bach runter.“ Er möge doch bitte seine Videos wieder aus dem Netz nehmen. Ansonsten werde nur wieder ein altes japanisches Klischee über Ausländer breitgetreten: dass sich diese Fremden einfach nicht benehmen können.
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Das sieht das Management von Streichbruder jedoch etwas anders: „Simon präsentiert sich mit seinen Videos in einem Alltagsgeschehen im öffentlichen Raum. Die Kunst besteht dabei darin, einen grotesken Gegensatz von Alltagssituation und seinen dort unerwarteten Handlungen herzustellen. Dabei geht es in keinster Weise darum, Menschen zu belästigen. Vielmehr glaubt Simon, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn wir nicht alles so ernst nehmen und uns das Leben dadurch ein bisschen mehr Freude bereiten würde.“ Streichbruder hat Japan mittlerweile schon wieder verlassen und ist weitergezogen.









