Hertha

Klinsmann verliert Sitz im Aufsichtsrat

Für Jürgen Klinsmann ist das Kapitel Hertha endgültig beendet. Investor Windhorst watschte den Ex-Bundestrainer mit klaren Worten ab.

Jürgen Klinsmann wird dem Aufsichtsrat von Hertha BSC nicht mehr angehören.

Jürgen Klinsmann wird dem Aufsichtsrat von Hertha BSC nicht mehr angehören.

Foto: Andreas Gora / dpa

  • Jürgen Klinsmann hat nach nur elf Wochen als Cheftrainer von Hertha BSC seinen Rücktritt erklärt - via Facebook.
  • Hertha-Manager Michael Preetz sagte: "Wir sind von der Entwicklung überrascht worden."
  • Klinsmann bezeichnete die Übernahme des Trainerjobs bei Hertha als "Himmelfahrtskommando". Für die Art seines Rücktrittes entschuldigte er sich am Mittwochabend.
  • Klinsmann verliert seinen Sitz im Hertha-Aufsichtsrat. Investor Lars Windhorst sagte zu Klinsmanns Rücktritt: "Kann man als Jugendlicher machen, aber nicht als Erwachsener"

Berlin. Mit einer schallenden verbalen Ohrfeige beendete Investor Lars Windhorst die unrühmliche Kurzzeit-Ära von Jürgen Klinsmann bei Hertha BSC endgültig. Nach dem plötzlichen Rücktritt des früheren Bundestrainers als Chefcoach verweigerte der Geldgeber seinem einstigen Vertrauten deutlich eine Zukunft im Aufsichtsrat und prangerte in seiner Abrechnung den Verlust von dessen Glaubwürdigkeit an. „Es ist nicht akzeptabel“, sagte der Unternehmer messerscharf und eiskalt bei einer Pressekonferenz über den Abgang Klinsmanns nach nur elf Wochen. „Das kann man als Jugendlicher vielleicht machen, aber im Geschäftsleben, wo man unter Erwachsenen ernsthafte Vereinbarungen hat, sollte so etwas nicht passieren.“

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Keine Zukunft für Klinsmann - Windhorst kündigt neue Investitionen an

Schon die Sitzordnung im Blitzlichtgewitter der Fotografen im völlig überfüllten Medienraum der Berliner sprach Bände. In der Mitte des Podiums nahm Windhorst zwischen Clubpräsident Werner Gegenbauer und Manager Michael Preetz vor 17 Fernsehkameras Platz. Und der 43-Jährige lieferte mit einer Hertha-Fahne über dem weißen Einstecktuch seines Anzugs die mit großer Spannung erwartete Antwort: Für Klinsmann gibt es keine Zukunft - sein eigenes Engagement auf dem propagierten und von der Öffentlichkeit oft belächelten Weg in die europäische Spitze steht dadurch aber nicht in Frage. Vielmehr kündigte der Investor weitere Investitionen an.

„Es gibt überhaupt gar keinen Grund und auch keine Ausrede dafür, warum Hertha BSC als Fußballclub der Hauptstadt Deutschlands es nicht schaffen soll, in den nächsten Jahren in führender Position in Deutschland und Europa mitzuspielen“, bekräftigte Windhorst. Seine Investition sei daher „sehr, sehr langfristig“ angelegt. „Ich gehe fest davon aus, dass wir hier in jedem Fall weit über 10 Jahre engagiert bleiben, das kann auch 20 oder 30 Jahre sein.“

Die beiden freien Posten im vergleichsweise einflussarmen Aufsichtsrat der KGaA von Hertha will Windhorst mit einer Person, die „sportliche Fachkompetenz“ sowie „Glaubwürdigkeit und Strahlkraft“ vereint, besetzen. Sportlich bleibt die Personalie des Nachfolgers von Klinsmann auf dem Cheftrainerposten brisant.

Preetz: "Werden mit Nouri und Feldhoff in die nächsten Wochen gehen"

Vorerst bekommen Alexander Nouri und Markus Feldhoff das Vertrauen und betreuen das Team im direkten Duell im Abstiegskampf beim SC Paderborn am Samstag (15.30 Uhr/Sky). „Wir werden mit Nouri und Feldhoff und dem Trainerteam in die nächsten Wochen gehen“, sagte Hertha-Manager Michael Preetz. „Wir wissen alle, dass wir schwere Aufgaben vor der Brust haben und in den nächsten Wochen punkten müssen.“ Auch Arne Friedrich, für den die Stelle des Performance Managers auf Drängen von Klinsmann geschaffen worden, bleibt im Amt.

Als Chefcoach steht nach „Kicker“-Informationen der frühere Hertha-Profi und ehemalige Bayern-Trainer Niko Kovac weiterhin ganz oben auf der Liste. Im Kovac-Umfeld gilt ein Berlin-Engagement des 48-Jährigen aber nicht als wahrscheinliche Variante. „Es ist unsere Aufgabe einen Cheftrainer zu finden, der ambitioniert und ehrgeizig ist“, sagte Preetz mit Blick auf den Sommer.

Auch das Wirken des Geschäftsführers bei der Suche nach einem neuen Chefcoach steht unter genauer Beobachtung. Die Entscheidung für Ante Covic als Nachfolger von Pal Dardai führte maßgeblich zur sportlich prekären Situation. Dazu hatte Klinsmann in einem Videochat am Mittwochabend deutliche Kritik an Preetz sowie der Rollenverteilung innerhalb des Vereins geübt, von „Nebenkriegsschauplätzen“ gesprochen und seinen Wunsch nach mehr Kompetenzen deutlich gemacht.

Laut Preetz habe Klinsmann bestimmte Punkte allerdings ihm gegenüber nie thematisiert. „Dinge, die ich gestern gehört habe, dass ich auf der Bank sitze und engagiert auftauche. Das sind keine Dinge, die wir miteinander besprochen haben“, sagte der langjährige Manager. Er sei es gewohnt, Konflikte zu besprechen. „Das kann man nicht, wenn man sich umdreht und davonläuft“, betonte Preetz in Richtung Klinsmann.

Clubchef Gegenbauer: Trainervertrag lag schon vor Amtsübernahme vor

Auch Clubchef Gegenbauer sah sich zu einer Klarstellung genötigt. So habe Klinsmann schon kurz nach Amtsübernahme Ende November ein Trainervertrag vorgelegen. „Er hat nicht nur Hertha BSC verlassen, sondern auch das gemeinsame Projekt verlassen“, sagte der Präsident, der im Mai für eine weitere Amtszeit kandidieren will.

Windhorst ließ zwar offen, ob man in einigen Monaten in anderer Form noch auf den Rat Klinsmanns zurückgreifen werde. Seine deutliche Wortwahl macht dies aber schwer vorstellbar. Er sei ebenfalls am Dienstagvormittag von Klinsmann über dessen Entschluss informiert worden, habe aber nicht sofort reagieren können, weil er in einer Aufsichtsratssitzung sein Handy nicht direkt greifbar hatte. „Ich habe die Nachricht vielleicht eine Viertelstunde zu spät gesehen“, sagte Windhorst und rang sich ein Lächeln ab.

Nach eigener Aussage war Klinsmann im vergangenen Oktober von Windhorst angesprochen worden, ob er den Unternehmer in Fußballfragen unterstützen könne. Im Folgemonat wurde Klinsmann dann von Windhorst in den Aufsichtsrat berufen. Das einstige Wunderkind der deutschen Wirtschaft hatte nach zwei Insolvenzen 2009 seine Sapinda Holding gegründet, die inzwischen den Namen Tennor trägt. Die Investition von Eigenkapital in Höhe von 224 Millionen Euro für 49,9 Prozent der GmbH & Co. KGaA von Hertha habe er dabei nicht mit der Erwartung auf Rendite getätigt und habe sich auch innerhalb seines Unternehmens kritischen Fragen stellen müssen, erklärte Windhorst.

Einen Gang an die Börse plant der Verein aktuell aber nicht. „Für uns als Investor bei Hertha BSC ist das zunächst ein Thema, was nicht wirklich relevant ist“, sagte Windhorst. Zudem müsse das Thema ohnehin „in den Gremien von Hertha BSC besprochen werden“, sagte Windhorst und machte deutlich: „Für unser weiteres Engagement ist kein Börsengang erforderlich.“ Borussia Dortmund ist seit dem Jahr 2000 der einzige an der Börse notierte Fußball-Bundesligist.

Klinsmann erläutert Gründe für Rücktritt im Livechat

Zuvor hatte Klinsmann am Mittwochabend die Umstände seines plötzlichen Rücktritts als Trainer von Hertha BSC selbst als „fragwürdig“ bezeichnet. Er wolle sich für die Art und Weise seiner überraschenden Demission beim Berliner Fußball-Bundesligisten nach nur elf Wochen im Amt entschuldigen, sagte der 55-Jährige in einem Videochat bei Facebook. Er hätte sich „mehr Zeit lassen sollen, mehr reden sollen mit der Hertha-Führung“, fügte Klinsmann hinzu. Die Entscheidung sei aber bereits seit Wochen in ihm gereift.

Auslöser für seinen Rücktritt seien Meinungsunterschiede über die Aufteilung von Kompetenzen zwischen ihm als Trainer und Sport-Geschäftsführer Michael Preetz gewesen. Dies habe ihm „unglaublich aufgestoßen“. Bis zuletzt habe er sich bei den Berlinern in einem vertragslosen Zustand befunden, sagte Klinsmann.

Jürgen Klinsmann über seinen Rücktritt: "Die Art und Weise - fragwürdig, natürlich kritikfähig"

Etwas unbeholfen startete Klinsmann den Livestream auf seiner Facebook-Seite. „Ja, hallo, liebe Hertha-Fans, ich glaube, wir sind drauf", sagte er. Er wolle "ein paar Infos geben", es liege ihm "am Herzen".

Dann sprach er von "viel Verärgerung, viel Kritik, auch berechtigte." Die Dinge hätten sich überschlagen nach dem Spiel gegen Mainz. Seine Reaktion sei gewesen, zu sagen: "Dann ist gut." Und weiter: "Die Art und Weise - fragwürdig, natürlich kritikfähig."

Ganz offen bekennt Klinsmann: Vielleicht hätte er sich mehr Zeit lassen und mit der Hertha-Führung die Situation aufarbeiten sollen. „Dann wäre es vielleicht nicht gekommen zu dieser Aktion gestern früh."

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Video-Kommentar: Klinsmann hat Hertha geschadet

Kommentar: Klinsmann hat Hertha geschadet
Kommentar: Klinsmann hat Hertha geschadet

Jürgen Klinsmann: "Bin Anderes gewohnt aus meinem Leben"

In ihm sei aber seit Wochen bereits "ein Prozess" gelaufen. Es seien "mehrere Dinge im sehr internen Umfeld" passiert, die „sehr schwer" gewesen seien für ihn. "Gerade, weil ich Anderes gewohnt bin in meinem Leben, in Italien, in Frankreich, in England und in den USA als Nationaltrainer." Da habe „die Zusammenarbeit anders stattgefunden.“ Klinsmann sei nun "rausgefahren aus Berlin, bin in der Nähe nach wie vor“, er habe die Ereignisse „sacken lassen“.

Dann schildert er, wie er Ende November Hertha-Trainer wurde, spricht von "einer Nacht- und Nebelaktion“, einem "Himmelfahrtskommando". Schnell habe er einen Stab zusammengestellt, mit "viel, viel Enthusiasmus losgelegt, auch mit Unterstützung der Stadt". Der 55-Jährige habe Spaß gehabt an der Mannschaft, Freude entwickelt, das Mannschaftsbild Stück für Stück verändert, es habe ein "Verjüngungsprozess" kommen müssen.

Dann geht Klinsmann auf einen offenbar sehr kritischen Punkt ein: seinen Vertrag. Beim Hertha-Trainingslager in Florida habe er der Vereinsspitze gesagt, dass er sich gut vorstellen könne, auch länger zu bleiben. Man habe es nicht geschafft, einen Vertrag mit klaren Kompetenzen zu entwickeln. Das habe „mit Geld überhaupt nichts zu tun, wie viele jetzt spekulieren“. Klinsmann wörtlich: „Das Geld war nie ein Thema, war nie ein Problem. Es ging um klare Kompetenz-Aufteilung, die haben wir nicht hinbekommen." Er sei "bis heute im Prinzip im vertragslosen Zustand".

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Querelen betreffen "in erster Linie mich und Michael Preetz"

Mit Blick auf interne Querelen wird Klinsmann dann konkret: "Das betrifft in erster Linie natürlich mich und Michael Preetz. Weil man es in Deutschland gewohnt ist, dass ein Manager auf der Ersatzbank sitzt, also quasi am Spielfeldrand, und sich dort mit einbringt, dass er nahe dran ist an der Mannschaft, auf Tuchfühlung ist, die Tür immer offen ist für Spieler."

Das sei er nicht mehr gewohnt gewesen: "Ich kenne das englische Modell, wo der Trainer eigentlich nur einen Chef hat, und das ist der Vorsitzende des Klubs. Und dann wird sich abgestimmt.“ Der Manager – ein erneuter Seitenhieb auf Preetz – heiße ja Manager und nicht Trainer. Das sei ihm aufgestoßen, „diese Art der Arbeit, dass der Manager noch da sitzt und Kommentare gibt".

Manager Preetz redete Klinsmann zu viel rein - sagt Klinsmann

"Im internen Bereich, sprich der Kabine, wenn die Mannschaft im Bus fährt, im Hotel" seien die Gepflogenheiten "in Deutschland anders, ist halt 'ne Struktur da, wo alle mitreden, 'ne ganze Führungsriege mitredet, aber letztendlich: Nur einer kann entscheiden. Das muss in meinem Ermessen der Trainer sein. Der entscheidet, was abläuft, der entscheidet, welcher Physiotherapeut, egal welche Person mit der Mannschaft arbeitet. Da haben wir uns aufgerieben, in vielen, vielen Nebenkriegsschauplätzen über die letzten neun Wochen, wo ich halt gemerkt hab: Es wird nie zur Umsetzung von dem Vertrag kommen, weil es auch nie umgesetzt wurde."

Hinzu sei dann die Niederlage gegen Mainz gekommen, da sei Klinsmann "angefressen" gewesen. "Und dann hab' ich so wenig geschlafen die Nacht, und dann bin ich halt morgens reinmarschiert, dann bin ich halt 'n Typ, der halt auch vor sich selber nicht mehr haltmachen kann."

Und nun wird Klinsmann überraschend: "Klar, wenn ich das mit ein paar mehr Leuten noch abgesprochen hätte in aller Ruhe, klar, die hätten mich wahrscheinlich umgestimmt", sagt er.

Der Vorwurf, er hinterlasse bei Hertha ein Chaos, stimme aber "absolut nicht". „Diese Mannschaft hat sich stabilisiert", sagt er, sei körperlich "in einer ganz anderen Verfassung".

Bei teuren Spielertransfers sei "nicht dumm agiert worden"

Auch zur Kritik an seinen teuren Spielerkäufen äußert sich Klinsmann. Man habe Spieler gewonnen, die "enormen Wert entwickeln" würden. Da sei "nicht dumm agiert worden". Es sei nicht Geld verbrannt worden, sondern es handele sich um "Anlagen für die Zukunft, die notwendig waren." An dieser Stelle lobt er auch die "Mithilfe von Lars Windhorst" - und Manager Michael Preetz. Dieser habe die Verträge "super umgesetzt".

Klinsmanns Prognose für Hertha: "Spätestens im April" sei die Mannschaft "gesichert", der Abstieg also abgewendet. "Die Ziele sind klar. Dieses Jahr: Klassenerhalt. Nächstes Jahr: Richtung Europaliga. Und dann eines Tages in die Champions League." Diese Ziele seien "nicht überzogen oder wahnsinnig". "Die sind alle realistisch, die sind Schritt für Schritt vorgenommen von der Hertha.“ Überhaupt müsse jetzt Ziel sein: "Das Ding durchziehen."

Er selbst werde „weiter Hertha-Fan bleiben“, das schulde er schon seinem Vater, der ihn als 8-Jährigen mit zu einem Hertha-Spiel genommen habe.

Wie es für ihn persönlich weitergehe, liege auf Seiten von Hertha, sagte Klinsmann. Da ging er offenbar noch davon aus, er könne dem Verein im Aufsichtsrat erhalten bleiben. Er wünsche jedenfalls "von Herzen nur das Allerbeste". Es seien "zehn unglaubliche intensive Wochen" gewesen.

Geärgert hätten den Ex-Trainer auch Diskussionen um seine Trainerlizenz. Diese sei nie abgelaufen gewesen. "Die ganze Scheiße, die da erfunden wurde, die hätte auch nicht sein müssen", so Klinsmann wörtlich. Auch Kritik daran, dass er das Training abgeschirmt habe, habe ihn aufgebracht. "Ich habe nur nach 20 Minuten gesagt, dass die Kameras eingepackt werden sollen." So habe es "viele, viele Kleinigkeiten gegeben, die sich da entwickelt haben, wo man draufgehauen hat."

Nach der Niederlage gegen Mainz habe er eben gesagt: "Jetzt ist genug. Ich bitte euch da um Verständnis." Klinsmann sei "nun mal so geschnitzt, mit Ecken und Kanten, die wir alle haben. Ich mach' genau so Fehler wie jeder andere auch. Wie das dann rübergekommen ist, da entschuldige ich mich noch mal bei Euch." Klinsmann schließt sein Video mit den Worten: „Ich hoffe auf bald, auf bald in Berlin. Tschüs.“