Kommentar

Klinsmann hat Hertha geschadet - Sein Handeln ist dreist

Klinsmanns überraschender Rückzug als Trainer ist im Stil dreist und gegenüber Hertha verantwortungslos, meint Sebastian Geisler.

Kommentar: Klinsmann hat Hertha geschadet

Klinsmanns überraschender Rückzug als Trainer ist im Stil dreist und gegenüber Hertha verantwortungslos, meint Sebastian Geisler.

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Berlin. Das ist dann doch schon sehr bemerkenswert: Jürgen Klinsmann kam als großer Heilsbringer nach Berlin, die Erwartungen, die er als Trainer für Hertha selbst schürte, waren riesig. Perspektivisch wollte er den Berliner Verein nach Europa führen, mit Investor Lars Windhorst den Hauptstadtklub zur Weltmarke formen.

Und nun kündigt er völlig überraschend seinen Rücktritt an. Nach nur elf Wochen. Und das dann auch noch bei Facebook, wo er sich über mangelndes „Vertrauen der handelnden Personen“ beklagt. Das ist nicht nur überraschend, das ist auch noch schlechter Stil. Auf eine gemeinsame Presseerklärung mit dem Verein hat man sich offenbar nicht mehr verständigen können. Es wirkt wie Schlussmachen per SMS. Konkret schrieb er: „Gerade im Abstiegskampf sind Einheit, Zusammenhalt und Konzentration auf das Wesentliche die wichtigsten Elemente. Sind die nicht garantiert, kann ich mein Potenzial als Trainer nicht ausschöpfen und kann meiner Verantwortung somit auch nicht gerecht werden.“

Nicht nur für die Berliner Öffentlichkeit, auch für den Verein kam der Rückzug unerwartet. Manager Michael Preetz spricht davon, er sei „am Morgen überrascht worden“, „insbesondere nach der vertrauensvollen Zusammenarbeit“. Es habe „keinerlei Anzeichen“ gegeben.

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Klinsmann will im Aufsichtsrat bleiben - wie kann das sein?

Das klingt nach Zerwürfnis. Umso bizarrer, dass Klinsmann im Hertha-Aufsichtsrat bleiben will. Das ist inkonsequent. Entweder, er genießt hinreichendes Vertrauen - oder eben nicht. Einen Projektarbeiter ohne Rückhalt, der nun seinen Verein düpiert hat, kann Hertha nicht brauchen.

Auch fragt man sich, wie lange Klinsmanns angeblich „lange Überlegung“ denn gedauert hat. Er war ja nur 76 Tage als Trainer im Amt.

Selbstverständlich braucht man Rückhalt, wenn man als Trainer gestalten will. Klinsmann aber ist, statt Unwägbarkeiten zu lösen, überstürzt und trotzig abgetreten, und hat damit Herthas Ansehen schwer beschädigt, den Verein mitten in der Saison - und im Abstiegskampf! - in eine unmögliche Lage gebracht. Der 55-Jährige muss sich fragen lassen, ob die „Verantwortung“, die er bei seinem Abtritt noch einmal beschwört, auf ihn vielleicht von vornherein nicht passte.