Familienfeste sind was Schönes. Man kommt mal wieder zusammen, reist von überall her an und betreibt einigen Aufwand, um es sich besonders schön zu machen. Familienfeste sind was Grausliges. Denn immer wenn es besonders schön werden soll, brechen alte Wunden auf. Weil immer irgendwas nicht verarbeitet, nicht ausdiskutiert oder unter den Teppich gekehrt ist.

Dass wir Familienfeste in der Realität eher ungern, im Kino aber ganz gern besuchen, ist kein Widerspruch. Eher Bestätigung. Vielleicht auch Trost: Da sind es eben andere, die auf heile Welt machen, dann in alte Verhaltensweisen rutschen und sich bald heillos in den Haaren liegen. Man selber ist ausnahmsweise nicht involviert und kann das Ganze auf eine merkwürdige Art genießen.

Mit ihr lernen wir die Familie kennen: Sohn Max (Lars Eidinger) bringt eine Krankenschwester (Jördis Triebel) mit
Mit ihr lernen wir die Familie kennen: Sohn Max (Lars Eidinger) bringt eine Krankenschwester (Jördis Triebel) mit © NFP Filmverleih | NFP Filmverleih

In diesem Film „Familienfest“, der ein ganzes Subgenre des Familiendramas im Titel trägt, kommt die liebe Familie zusammen, um den 70. Geburtstag des berühmten Pianisten Westhoff (Günther Maria Halmer) zu begehen.

Aber nicht nur die alkoholsüchtige Exfrau und verstoßene Mutter der drei Söhne (Hannelore Elsner), auch jeder Sohn bringt Unruhe in die Grunewalder Luxusidylle: Der jüngste (Barnaby Metschurat) ist schwul und stellt erstmals seinen Freund vor.

Die Misstöne werden nur kurz über die Musik gekittet.
Die Misstöne werden nur kurz über die Musik gekittet.© NFP Filmverleih | NFP Filmverleih

Der mittlere (Marc Hosemann) ist ständig verschuldet und will jeden anpumpen. Und an dem Ältesten (Lars Eidinger) haben die Kindheitstraumata unter dem herrischen Papa so gezehrt, dass ihn, was zunächst keiner weiß, eine fatale Krankheit auffrisst.

Der Zuschauer identifiziert sich erst mal mit der Krankenschwester (Jördis Triebel), die spontan mitgebracht wird und schon bald entsetzte Zeugin der lustvollen Zerfleischungszeremonie wird, aber als Außenstehende auch etwas wagt, was sich keiner der Söhne und weder die ehemalige noch die derzeitige Gattin traut: Paroli zu geben.

Es ist angerichtet. Gleich fliegen die Fetzen
Es ist angerichtet. Gleich fliegen die Fetzen © NFP Filmverleih | NFP Filmverleih

Missklänge beim Musik-Maestro: Schon am Vorabend des Festtags wird beim Diner das Tischtuch fast buchstäblich zerschnitten. Im wahren Leben würde man spätestens jetzt aufspringen und abreisen. Da wir aber im Kino sitzen, fliegen die Fetzen erst so richtig am nächsten Tag, wenn noch mehr Publikum im Haus ist.

Da wird einer der drei Buchsbäume, für jeden Sohn im Garten gepflanzt, geköpft. Da geht Papas kostbare Partiturensammlung in Flammen auf. Der Patriarch entlarvt sich immer klarer mit jenem Gedankentum, das er seinem eigenem Vater, einem Nazitäter, vorwirft. Und auf dem Höhepunkt des familiären Fegefeuers kollabiert der kranke Sohn.

Papas Partituren werden mit Lust verbrannt.
Papas Partituren werden mit Lust verbrannt.© NFP Filmverleih | NFP Filmverleih

Lars Kraume ist einer der interessantesten und mutigsten Regisseure der Republik. In „Die kommenden Tage“ hat er vor fünf Jahren eine düstere Zukunft gemalt, die in der jetzigen Flüchtlingskrise gespenstisch aktuell ist.

Und mit „Der Staat gegen Fritz Bauer“ läuft derzeit der beste deutsche Film des Jahres im Kino. Ein merkwürdiger Zufall will es, dass nur zwei Wochen danach schon sein nächstes Werk anläuft, das dagegen fast zwingend abfallen muss.

„Familienfest“ kommt nicht ohne Stereotypen daher. Man kennt das aus Klassikern wie „Die Katze auf dem heißen Blechdach“, dem Dogma-Film „Das Fest“ oder jüngst „Im August in Osage County“. Man kennt das aber auch aus zahllosen Fernsehserien.

Auch wenn „Familienfest“ auf edelste Weise inszeniert und mit Dialogen glänzt, von denen andere Filme nur träumen, haftet auch diesem Kraume ein bissel Soap an.

Grandios wie immer: Hannelore Elsner als verstoßene Mutter, die an der Flasche hängt
Grandios wie immer: Hannelore Elsner als verstoßene Mutter, die an der Flasche hängt © NFP Filmverleih | NFP Filmverleih

Was „Familienfest“ dennoch mehr als sehenswert macht, ist die grandiose Riege an Schauspielstars, die sich hier gegenseitig zu Höchstleistungen und Ausbrüchen anstachelt. Von Hannelore Elsner und Lars Eidinger, von denen man nichts anderes gewohnt ist, über Jördis Triebel, die mit jedem Film noch besser wird, bis zu Günther Maria Halmer und Michaela May, die man gern als Fernsehdarsteller unterschätzt. Das Familien-: ein Darstellerfest.

Die Aussage bleibt dahinter zurück. Unter dem Mantel der Hochkultur gären uralte Ressentiments, selbst Gewalt, von der großbürgerlichen Fassade nur schlecht verschleiert. Die 68-er-Generation, die einst gegen ihre Eltern aufbegehrt hat, ist nun selbst nicht besser. Das wäre immerhin eine bittere Erkenntnis. Doch am Ende gibt es, auch wenn sie mit einem Blutzoll erkauft ist, so etwas wie eine Annäherung. Da war Kraume schon radikaler.

Drama D 2015 110 min., von Lars Kraume, mit Günther Maria Halmer, Hannelore Elsner, Lars Eidinger, Jördis Triebel, Barnaby Metschurat