Er war selber erschrocken, als er mal für sich im Badezimmer vor dem Spiegel den Hitler geprobt hat. Er hat sich den Scheitel gezogen und ein Bärtchen angeklebt. Zufällig war gerade seine Mutter da, und die war fassungslos, als sie ihren Sohn ohne Vorwarnung so antraf. „Wie schnell diese Verwandlung geht, wie stark dieses Bild ist, für uns Deutsche, aber wohl überall auf der Welt“, das erschreckt Oliver Masucci selbst.
Bis vor kurzem, das kann man schon, das muss man vielleicht sogar so sagen, war der Schauspieler noch reichlich unbekannt. Jetzt ist er der Mann, der Hitler spielt. In der Bestsellerverfilmung „Er ist wieder da“, die seit Donnerstag im Kino läuft und bereits von 360.000 Zuschauern gesehen wurde.
Ein Film mit großer Brisanz
Wobei Regisseur David Wnendt das Buch – das Masucci gar nicht gekannt hat – nicht einfach bebildert hat. Er hat Hitler auf die Straßen von Deutschland geschickt, hat ihn mit den einfachen Leuten konfrontiert. „Das gibt“, meint der Darsteller, „dem Film eine ganz andere Note, eine Brisanz, die gar nicht so viel über Hitler, aber sehr viel über unsere heutige Gesellschaft aussagt“, wie er uns kurz vor der Premiere des Films sagte.
Da stand er also, der Masucci, in Uniform, Bärtchen und Scheitel, vor dem Brandenburger Tor, in der Nürnberger Fußgängerzone und anderswo, und wurde sofort umringt. Alle wollten Selfies mit ihm, alle jubelten ihm zu, viele aber haben sich auch, vor laufenden Kameras, erzreaktionäre Kommentare entreißen lassen, die sie vor einem Journalisten nie kundgetan hätten. Sein Hitler-Auftritt war „wie ein Katalysator“. Für Masucci, der dabei in seiner Rolle bleiben musste, eine schlimme Situation.

Dabei sieht der in Stuttgart geborene Schauspieler, Jahrgang 1968, ja gar nicht aus wie Hitler. Eher wie der dänische Schauspieler Mads Mikkelsen (was er nicht ungern hört). Von der Statur, der Physiognomie her war er völlig falsch. Aber ein paar Tests, die der Regisseur mit ihm gemacht hat, überzeugten alle, dass er der Richtige ist.
Es war auch Christoph Maria Herbst für die Rolle im Gespräch, der ja „Er ist wieder da“ als Hörbuch aufgenommen hat, aber der wäre viel zu bekannt gewesen. „Den hätte“, sagt Masucci, „jeder sofort als Christoph Maria Herbst erkannt.“ Masucci weiß, dass das ein nicht unwesentlicher Punkt gewesen ist, warum die Wahl auwf ihn fiel: weil er halt noch ein unbeschriebenes Blatt ist.

Ganz unbeschrieben ist er auch wieder nicht. Er hat am Schauspielhaus Hamburg gearbeitet, an den Münchner Kammerspielen, am Schauspiel Hannover und an den Schauspielhäusern in Bochum und Zürich. Seit 2009 ist er am Burgtheater. Wer da zum festen Ensemble gehört hat es geschafft in der Welt der Bühne.
Im Film hat er dagegen noch nie eine Hauptrolle gespielt. Seine Filmographie listet 20 Titel auf, vom TV-Event „Das Blut der Templer“ bis zum Kino-Drama „Die vierte Macht“, aber halt nur kleine Parts. Als sein Name im Vorfeld zu „Er ist wieder da“ fiel, hieß es: Oliver – wer? Viele meinten gar, es sei eine weise Entscheidung, Hitler von einem Italiener spielen zu lassen. Das zeigt nur, wie wenig man wusste von Masucci, Sohn eines italienischen Vaters und einer deutschen Mutter.
Und noch was Ur-Deutsches: Winnetou
In der Hitler-Maske hat er nun erstmals fühlen dürfen, wie das sein muss: populär zu sein. Man habe ihn, erzählt er, und es graust ihn ein wenig dabei, „wie einen Popstar behandelt“. Der 46-Jährige ist nun an einem Punkt angelangt, wo die Leute nicht nur sein Gesicht, sondern auch seinen Namen kennen. Vielleicht erlebt er jetzt sogar seinen Durchbruch. Dann aber dank eines Monsters.
Dass die Rolle sein Leben verändert hat, kann man noch nicht sagen. Gerade dreht er in Kroatien die neuen „Winnetou“-Filme. Noch so was Ur-Deutsches. Aber eine kleine Rolle, wie früher. Noch ist unklar, ob sich der Hitler wie ein Schatten auf seine Karriere legt. Oder ob jetzt in den nächsten Monaten andere, größere Offerten kommen. Dann muss er sich beweisen. Und muss zeigen, dass er nicht nur der Mann ist, der Hitler war.




