Theater

Lars Eidinger ist oft genervt vom Zickenkrieg am Theater

Schauspieler Lars Eidinger hat mit Juliette Binoche gedreht. Und ist bezaubert von seiner Kollegin. Während er auf der Bühne von manchen Kollegen eher genervt ist, erzählt er im Morgenpost-Interview.

Foto: David Heerde

Er ist der Star der Berliner Schaubühne. Viele pilgern immer wieder in seine Vorstellungen, weil er sich da dauernd verausgabt. Und immer anders. Er ist aber immer wieder auch in Kinofilmen wie „Die anderen“, „Was bleibt“ oder „Hell“ zu sehen. Sein neuester Film „Die Wolken von Sils Maria“, der am 18. Dezember ins Kino kommt, hat ihn bis nach Cannes gebracht. Wir treffen den 38-Jährigen jedoch nicht im sonnigen Süden, sondern in einem kleinen Büro in der Kantstraße. Eidinger muss gleich arbeiten. Aber nicht etwa ins Theater. Sondern am Mischpult.

Berliner Morgenpost: Herr Eidinger, Sie sind auf dem Sprung. Sie müssen heute Abend noch den DJ spielen? Was gibt es da eigentlich für Musik?

Lars Eidinger: Ich muss vorher noch nach Hause und die Platten holen. Ich spiele eigentlich immer das Gleiche. Ich nenne das eklektische Popmusik. Schon sehr hitorientiert, aber anspruchsvoll. Und da lege ich dann je nach Laune auf. Also nicht meine Laune, sondern wie die Stimmung da ist.

Und kann man Sie auch mieten?

Ja, ich bin käuflich. Wenden Sie sich an meine Agentur. Ich bin gut. Habe jedenfalls noch keine Beschwerden bekommen. Naja, einmal. Da hieß die Veranstaltung „Bum Bum Techno“. Ich dachte, die haben mich als Kontrast gebucht. Aber nach drei Stücken baten sie mich, aufzuhören. War halt kein Techno, spiel ich ja auch nicht. War wohl ein Missverständnis.

In „Die Wolken von Sils Maria“, einer internationalen Produktion, spielen Sie neben Juliette Binoche und Kristen Stewart. Wie sind Sie denn da hineingeraten?

Wie das so geht: Eines Tages rief der Regisseur Olivier Assayas an und wollte mich treffen. Die Casterin Anja Dihrberg hatte mich vorgeschlagen. Und Assayas war wahnsinnig beeindruckend, ich glaube, ich kenne niemanden, der weiser wäre als er.

Mussten Sie dann noch das Drehbuch lesen? Oder hätten Sie für ihn auch einen Hocker gespielt?

Na, einen Hocker nicht. Aber ich hätte schon blind zugesagt. Er hat Filme wie „Carlos – Der Schakal“ oder „Die Wilde Zeit“ gemacht. Ich war mir sicher, dass ich damit keinen Fehler mache.

Und jetzt schwärmen Sie, Juliette Binoche wäre die beste Filmpartnerin, die man sich vorstellen kann. Was hat sie getan, um zu diesen Ehren zu kommen?

Was Partnerspiel angeht, bin ich schon ganz schön enttäuscht worden. Das spielt oft auf so einer komischen Ebene von Konkurrenz, was man nicht vermuten würde, gerade bei Frauen. Wenn die nicht im Bild sind, wenn es nur ums Anspielen geht, dann weigern sich manche, überhaupt richtig zu spielen, die markieren nur noch. Die stehen dann in ihrer Wärmejacke da, lutschen Schokoladen und nerven nur. Da wird man eher aus dem Off gestört. Da spielt man am liebsten gleich ins Leere.

Sie nennen da jetzt natürlich keine Namen.

Natürlich nicht. Aber ich nenne dafür ein paar gute Beispiele. In dieser Skala stand lange Ulrike Folkerts ganz oben. Ich spielte mal in einem ihrer „Tatorte“ mit, da musste sie den ganzen Tag gefesselt bleiben und ich fragte noch, ob ich ihr die Plastiktüte übers Gesicht ziehen könnte. Es macht was mit mir, mit meinem Gesicht, wenn ich das vor mir sehe. Und das hat sie anstandslos mit sich machen lassen. Auch Corinna Harfouch ist in solchen Fällen ganz irre. Aber Juliette Binoche hat sie noch mal getoppt. Vielleicht weil ich es bei jemandem mit so einem Prominentengrad am wenigsten erwartet hätte. So ein Star kann sich natürlich erlauben zu sagen, den Gegenschuss machst du ohne mich, ich geh in meinen Trailer. Nein, die setzt sich brav hin und heult die ganze Nacht. Im Off. Und kein Mensch sieht’s. Nur ich, der darauf reagieren muss und davon profitiert. Das fand ich wirklich beeindruckend. Das war Partnerspiel im besten Sinne. Ich war schon vorher Fan, aber seither knie ich nieder vor dieser Frau.

Sie waren mit dem Film auch in Cannes. Sind Sie jetzt angefixt?

Klar. Das hat schon was. Die Croisette, die Sonne, all die Leute, die da über den Teppich tanzen. Ich war da schon sehr stolz, dass unser Film im Wettbewerb gelaufen ist. Man hat da jetzt ein bisschen hinter die Kulissen geguckt. Das verliert dann zwar ein bisschen an Mythos, es wird entzaubert. Aber man muss sagen: Die Franzosen können wirklich ein Filmfest feiern. Das kriegen wir Deutschen ja leider nicht hin. Ich war selten so entspannt, wir sind da schon in so einer Feierlaune aus der Limousine gestiegen. Auch die Fotografen waren alle sehr nett, als ob die sich wirklich freuen, dass all die Stars da sind. Die schreien einen nicht so an wie hier bei uns. Es passiert wirklich ganz oft hier auf roten Teppichen, dass ich mich frage: Was habe ich denen getan, warum sind die so aggressiv?

Drängt es Sie jetzt auch ins Weltkino? Würden Sie gern mehr internationale Filme drehen?

Ja. Klar. Auch da bin ich zu haben. Das ist ja so eine Standardfrage, von wegen Hollywood. Jeder Schauspieler wächst da mit so einer Sehnsucht auf, da drüben zu spielen. Traumfabrik! Da bin ich nicht anders. Aber das hätte dann auch die Konsequenz, dass man da anwesend sein müsste. Die Frage, die sich dann stellt, ist: ob man dazu auch bereit wäre. Und das weiß ich gar nicht. Wenn ich unbedingt was gewollt habe im Leben, dann hab ich das auch meistens erreicht. Das heißt in der Konsequenz aber, dass ich das vielleicht gar nicht will. Oder dass ich nicht bereit wäre, diese Konsequenzen zu tragen. Christoph Waltz wohnt ja bei mir um die Ecke. Ich müsste den mal fragen, wie das für ihn ist.

„Die Wolken“ ist vor allem ein Film übers Filmen und übers Theater. Über überspannte Schauspieler, Egozentriker, die nicht miteinander können, aber so tun müssen, als ob. Ist das überhöht oder gibt es so etwas auch in Ihrem Alltag?

Klar gibt es auch Kollegen, mit denen ich nicht kann, mit denen ich aber spielen muss. Es gibt auch solche, die ich einfach schlecht finde und mit denen ich trotzdem auf der Bühne stehe. Damit muss man sich halt arrangieren. Es gibt bestimmt auch ganz viele, die mich nicht leiden können. Das ist halt auch eine Frage der Sympathie und Antipathie. Und des Neids. Bestimmt finden mich manche auch unerträglich wegen meines Erfolgs. Ist doch klar. Da muss man sich nichts vormachen.

Gibt es da Tricks, wie man so etwas überspielt?

Der Trick ist schon mal, dass man spielt. Auf der Bühne geht es ja nicht um private Sympathien, ich spiele da was. Man muss mir das glauben, aber das muss nicht echt sein. Wenn ich sterben muss auf der Bühne, ist das nicht anders. Ich hoffe, ich kann das vermitteln, dass ich mich in jemanden unheimlich verliebe. Auch wenn ich die Person privat auf den Tod nicht ausstehen kann. Ich fände es nur schrecklich, wenn jemand dann sagen würde: Fahrt doch mal zusammen in Urlaub.

Oder auf Tournee.

Na, da kann man sich ja aus dem Weg gehen.

Aber nicht, wenn man durch die Provinz tingelt.

Das machen wir ja zum Glück nicht. Aber das ist bei uns auch nicht anders als in anderen Berufen. Jeder hat doch im Büro jemanden sitzen, den er nicht leiden kann. Ich hab auch nicht den Anspruch, Everybody’s Darling zu sein. Ich muss nicht jedem gefallen. Ich will nur was spielen. Und will, dass die anderen mitmachen. Theater läuft immer Gefahr, in immergleiche Verabredungen zu flüchten. Weil man sich da sicher fühlt. Das finde ich langweilig. Dagegen versuche ich immer gegenzusteuern. Da fange ich an zu improvisieren, da kann ich schon mal über die Strenge schlagen. Ich kann schon verstehen, wenn Kollegen da angepisst sind. Aber das ist auch eine Einladung von mir, mitzumachen. Es gibt auch Leute, die mich dafür sehr schätzen. Und das ist ja auch so ein bisschen mein Markenzeichen geworden. Die Leute stehen Schlange bei „Hamlet“, weil man weiß, da ist jeder Abend anders.

Sie sagen schon mal beiläufig, Sie seien der beste Schauspieler der Welt, Sie würden jeden Film adeln. Trägt das auch zu solchen Missstimmungen unter Kollegen bei?

Das habe ich beides so nicht gesagt. Die Fragen wurden so von Journalisten gestellt, und da habe ich frech Ja gesagt. Mich nervt einfach unheimlich, wenn Leute in Interviews so tiefstapeln, dass sie nicht um ihre Wirkung wissen, dass sie nicht wissen, ob sie gut sind oder schlecht. Oder gar nicht erst in diesen Kategorien denken. Das hört man ja auch immer wieder bei gewissen Preisverleihungen. Das finde ich wahnsinnig kokett. Da will ich lieber provozieren. Einfach mal sagen: Ich bin der Beste. Hat ja auch funktioniert. Das hätte mir auch um die Ohren fliegen können. Ich hasse auch so Statements wie: Dabei sein ist alles. Es gibt halt nicht nur Hauptrollen. Aber natürlich will ich die Hauptrolle spielen. Wenn jemand sagt, ich spiel nur vorn an der Rampe und er oder sie fühlt sich hinten weggedrängt, dann kann man darüber reden und eine produktive Lösung finden. Ich bin für produktive Konkurrenz. Mich nervt aber, wenn Leute reingrätschen oder mich schwächen wollen, nur weil sie neidisch sind.

Ich hätte gedacht, solche Neidgedanken, solche Zickenkriege wären beim Film häufiger als beim Theater.

Nö. Ich finde es beim Theater sogar noch schlimmer. Im Film kannst du dich ja arrangieren. Du drehst ein paar Wochen, und dann bist du den los. Beim Theater musst du auch in der x-ten Vorstellung immer noch mit Leuten spielen, die du nicht magst. Manche Stücke laufen ja über Jahre. Das ist nicht einfach.

Sie sind auch gegen Zuschauer unbarmherzig. Etwa wenn jemand vergisst, sein Handy auszustellen.

Ich bin jetzt nicht die Diva, die gekränkt ist, wenn sie in ihrer großen Kunst gestört wird...

(just in diesem Moment klingelt das Telefon des Journalisten) Ich vergehe vor Scham.

Wieso? Ist doch perfektes Timing. Aber man kann auch nicht so tun, als ob nichts passiert. Ich hatte auch gerade eine „Dämonen“-Vorstellung mit lauter Schülern. Da hat ein Mädel lange in ihrer Tasche gekramt, und ganz laut. Ich hab die dann angeschaut, der Typ neben ihr tippt sie so an, sie guckt mich an – und sucht weiter. Das ist aber auch das Tolle am Theater, den Leuten zu vermitteln, dass das ein unmittelbares Erleben ist. Das wird im Theater ganz oft verschenkt. Man muss den Leuten einfach das Bewusstsein geben: Du siehst mich, ich dich aber auch.

Sie haben einen Zuschauer auch mal bis in die Garderobe verfolgt.

Das war in einer „Hamlet“-Vorstellung. Der hat die ganze Zeit nichts gesagt, aber dann, in der letzten Stille vor dem Applaus, nach dem Satz „Der Rest ist Schweigen“ ruft der: „Na endlich.“ Ganz laut, das hat jeder gehört. Damit hat er der ganzen Vorstellung geschadet, mir aber nicht mehr die Möglichkeit gegeben, darauf reagieren zu können. Das ist feige. Das mein Spiel jemandem nicht gefallen kann, ist völlig legitim. Aber diese Art, das zu bekunden, fand ich respektlos. Ich bin dann in voller Montur ihm nach und habe ihn darauf angesprochen. Der hat sich aber einfach nicht geäußert, der hat den Mantel genommen und ist gegangen. Kurioserweise hab ich dafür auch noch Ärger bekommen.

Inwiefern?

Ein anderer Zuschauer hat sich über mich beschwert, dass ich da eine Grenze überschritten hätte. Interessanterweise war der, der mich da angeschwärzt hat, ein prominenter Militär, der kurz zuvor in einer TV-Talkshow Folter als probates Mittel bezeichnet hat. Ist schon komisch. Alle erzählen sich Anekdoten, wie Klaus Kinski früher auf der Bühne ausgerastet ist und dass es solche Künstlerpersönlichkeiten nicht mehr gibt. Dabei traut sich einfach nur keiner mehr, obwohl alle eine Sehnsucht danach haben. Wenn sich dann doch mal einer traut, wird ein Riesenskandal daraus.

Wo Sie von „Hamlet“ sprechen: Sie verausgaben sich da Abend für Abend. Das geht bis an die Grenzen des Physisch Machbaren. Wo nehmen Sie das her?

Vor einem Publikum zu stehen, erzeugt in mir einen Druck. Du willst ja nicht versagen vor so vielen Leuten. Das ist dann eine Form der Kompensation, so hochzufahren. Das ist eine Energie, da wächst du wirklich über dich hinaus. Ich erlebe mich da selber in einem Zustand, der mir fast fremd ist. Von daher kommen ja auch so Sprüche wie „bester Schauspieler der Welt“. Da kriegt man so Allmachtsfantasien. Was du da mit der Stimme und dem Körper machst, das könnte ich gar nicht, wenn ich es versuchen würde. Aber plötzlich in dem Moment geht’s doch. Wie ein Hochleistungssportler, der im Wettkampf plötzlich in der Lage ist, eine Leistung zu erbringen, die er sonst auch nicht schaffen würde.

Lars Eidinger, der Hochleistungssportler des Theaters?

Das ist auch eine Aufregung, die man für sich positiv nutzen kann. Wenn ich dann ausbreche und improvisiere, besteht natürlich die Gefahr, dass ich den ganzen Abend versaue. Das kann ich spüren, diese Stimmung. Vonseiten des Publikums, aber auch der Kollegen. Wenn ich das dann aber schaffe, mich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, dann ist das der ultimative Rausch.

Und wie kommen Sie danach wieder runter?

Dadurch, dass wir sehr körperlich spielen und das immer mit viel Schweiß und Dreck verbunden ist, ist das ein regelrechtes und auch ganz wichtiges Ritual, hinterher duschen zu gehen. Nach der Vorstellung gleich unter Leute zu gehen, da würde ich durchdrehen. Die halbe Stunde mit den Kollegen unter der Dusche ist da ein ganz wichtiger Prozess. Ich bin aber trotzdem für den Rest des Abends irgendwie high, ich habe das Gefühl, ich leuchte dann richtig. Am nächsten Morgen wache ich dann auf und denke, ich habe einen Autonfall gehabt. Da tut mir alles weh.

Klingt beides wie Droge. Rausch und Entzug.

Ja, ein bisschen ist es auch so. Aber wir haben mal für eine Inszenierung mit Heroinsüchtigen gesprochen. Und die haben mir alle versichert, beim ersten Schuss hast du dieses absolute Hochgefühl. Danach nie wieder. Du rennst nur noch dieser Erinnerung hinterher. Beim Spiel ist es nicht anders. Im Bestfall wird das immer noch verrückter, noch extremer. Aber man ist immer auf der Suche nach dem ultimativen Kick.

Muss man sich Sorgen um Sie machen, dass Sie sich einmal zu sehr verausgaben?

Ich glaube, der Körper setzt einem da irgendwann ganz von allein Grenzen. Du musst deinen Körper immer wieder zu diesen Sachen antreiben, musst ihn einladen, das zu tun. Und schauen, was er bereit ist mitzumachen.

Lesen Sie Kritik?

Ja. Nein. Doch. Ich lasse oft erst meine Frau lesen, die bereitet mich dann schon ein bisschen auf den Grundton vor.

Und nehmen Sie sich zu Herzen, was Sie dann lesen?

Manche Sachen haben mich so gekränkt, dass mich das fast behindert. Ich muss die Sachen ja weiter spielen, aber du hast die Sätze dabei dann immer im Kopf. Wenns ins Negative kippt, wird mir manchmal richtig heiß. Das macht mich unglücklich, manchmal fast depressiv. Das Schöne an der Schaubühne ist aber, dass wir relativ unabhängig sind von der Kritik, das Haus ist trotzdem immer voll.

Foto: ** / © Pallas Film / NFP Carole Bethuel