Vielleicht ist es ja Altersmilde. Früher war Ridley Scott als eher bärbeißiger, bisweilen grantiger Interview-Partner gefürchtet. Wehe, wenn ihm eine Frage nicht passte. Jetzt aber zeigte sich der Altmeister, der im November 78 Jahre alt wird, bei einem Interview im Berliner SoHo House völlig entspannt und in bester Plauderstimmung. Vielleicht liegt es an den vielen Vorab-Lorbeeren, die sein jüngster Science-Fiction-Film, der jetzt in den Kinos läuft, eingeheimst hat. In „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“ muss Matt Damon ganz allein auf dem Mars schmoren.
Berliner Morgenpost: Herr Scott, wenn Sie allein auf einer Insel säßen – von einem fernen Planeten wollen wir gar nicht reden – könnten Sie überleben? Steckt genug McGiver in Ihnen?
Ridley Scott: Oh... Ich würde sagen, ja. Ich würde mich mal umgucken, was da so herumliegt und was man davon gebrauchen könnte. Bei Defoes „Robinson Crusoe“ gab es Wasser, Pflanzen und Luft zum Atmen. In Goldings „Pincher Martin“ gab’s nur Steine und Schalentiere, das wäre schon schwieriger. Hängt also von der Landschaft ab, in der Sie mich aussetzen wollen. Aber wenn ich Reisig und Holz finden würde, könnte ich mir schon Feuer und Waffen machen.
„Alien“, „Prometheus“, „Der Marsianer“ sind Survival-Stories, wie auch „I Am Legend“, wo Sie auch mal für die Regie im Gespräch waren. Was reizt Sie an solchen Stoffen?
Ich weiß es nicht. Ich suche nicht die Stoffe, die Stoffe finden mich. Aber eine gute Survival-Geschichte ist immer interessant. Es führt uns zu unserem Ur-Eigenen. Und es erlaubt dem Zuschauer – zumindest wenn es gut gemacht ist – an Punkte zu kommen, wo er selber nie hinkäme. Das ist einer der wirklich großen Vorzüge des Kinos. Einer der besten Filme dieser Art ist „Scotts letzte Fahrt“, über diesen anderen Scott, der gegen Amundsen verlor. Den schaue ich mir noch immer gern an, nach all den Jahrzehnten.

Sie haben einst mit Science Fiction begonnen, jetzt, im hohen Alter, kommen Sie wieder darauf zurück. Schließt sich da ein Kreis?
Na ja, ich habe damals gerade mal zwei Filme gemacht!
Die aber beide Klassiker wurden!
Ich verfolge keinen Karriereplan. Nur gute Geschichten. Aber ich gebe zu, ich habe es vermisst. Ich liebe alle Arten von Genres, und ich habe sie wohl irgendwie auch alle ausprobiert. Aber Science Fiction bietet einfach ein ganzes Theater an Möglichkeiten, wo man sich austoben kann, wie man will. Du kannst den größten Schrott produzieren oder auch was Interessantes, gar Philosophisches. Ich würde jetzt nicht sagen wollen, „Alien“ sei etwas Philosophisches gewesen, das war ein B-Movie als A-Movie produziert. Aber „Blade Runner“ schon, sehr sogar.
Heute gibt es dank der digitalen Effekte viel mehr Möglichkeiten als damals. Das macht Science-Fiction einfacher. Aber macht es das vielleicht auch ein bisschen beliebiger?
Unbedingt. Und das gilt nicht nur für Science Fiction. Steven Spielberg konnte im „Weißen Hai“ sein Monster nicht öfter zeigen, weil die Hai-Attrappe nicht funktioniert hat. Das meiste muss man sich deshalb im Kopf ausmalen, und das ist viel schlimmer. Seither kann ich nicht mehr im Meer schwimmen, weil ich denke, da ist ein Biest und lauert auf mich. Ich musste bei „Alien“ das Monster ganz ähnlich reduzieren. Damals hat man mit Matte Painting gearbeitet, das sind halt gemalte Kulissen. Und das Monster war ein Riese im Gummianzug. Aber es hat prima funktioniert. Und tut es auch heute noch.

Bevor Ihnen mit „Alien“ der Durchbruch gelang, haben Sie mit dem Historienfilm „Die Duellisten“ debütiert. Einen größeren Kontrast kann man sich eigentlich nicht vorstellen.
Allerdings. Ich hatte dafür auch Geld von einem US-Studio bekommen. Gott sei Dank haben die den Film nie gesehen. Oder vergessen, wer ihn gemacht hat. Wir haben dafür in Cannes einen Debüt-Preis bekommen, aber für einen Film dieser Größenordnung gab es damals einfach keinen Markt. Ich kam deshalb mit meinem Produzenten David Putnam nach Los Angels, um „Die Duellisten“ zu promoten. Und wollte als Nächstes eigentlich „Tristan und Isolde“ drehen. David meinte, da läuft so ein Film namens „Star Wars“, soll ich uns zwei Karten besorgen?
Und das war dann das Ende für Isoldes Liebestod?
Ja. Ich hatte noch nie erlebt, dass ein Publikum so an einem Film Anteil nahm. Das Kino schien regelrecht zu brodeln. Als der Film aus war, fühlte ich mich richtig mies. Ich wusste danach nicht, was ich tun sollte. Aber es war klar, ich konnte unmöglich „Tristan und Isolde“ machen. Bis mir jemand ein Drehbuch namens „Alien“ anbot. Ich war die vierte, nein, ich glaube sogar, die fünfte Wahl. Aber ich las es und sagte sofort Ja.
Also haben wir Ihren „Alien“ dem „Krieg der Sterne“ zu verdanken?
„Krieg der Sterne“. Und „2001“. Weil Stanley Kubrick George (George Lucas, die Red.) beeinflusst hat. Und definitiv auch mich beeinflusst hat. Stanley war unser aller Pate, er hat wahrscheinlich jeden beeinflusst. Selbst bei „Prometheus“ hat er mich noch beeinflusst.

Sie haben den Großteil des „Marsianers“ im Studio in Ungarn gedreht. Stand je zur Debatte, dass es auch in Babelsberg hätte sein können?
Babelsberg war durchaus im Gespräch. Und es ist ein gutes Studio. Kann gut sein, dass ich hier auch mal arbeite. Aber wir haben einfach einen größeren Steuernachlass in Ungarn bekommen. Und die Studiohallen dort sind einfach größer, größer sogar als die Bond-Halle. Die größte Halle von Budapest misst 67 Fuß bis zum Gerüst, 15 Fuß höher als bei Bond. Und 100 Fuß breiter. Ich könnte selbst nicht sagen, wo das Studio aufhört und die Green-Screen-Projektion begann. Das ist ein gutes Zeichen.
Die Stiftung Mars One will in zehn Jahren die ersten Reisen zum Mars organisieren. Würden Sie ins All reisen wollen?
Aber wieso? Ich war doch schon dort. Mit meinen Filmen. Ein echter Trip ins All würde mich nicht reizen.
Reden wir von Ihrer eigenen Zukunft. Sie drehen mehr denn je. In einem Alter, in dem andere längst kürzer treten. Der Ruhestand ist keine Option für Sie?
Ich bin einfach froh, dass ich das immer noch alles machen kann. Und dass man mich noch lässt! Ich arbeite nicht, um zu leben, ich lebe, um zu arbeiten. Das hält mich fit. Was sollte ich denn sonst den ganzen Tag tun? Mit dem Hund Gassi gehen? Den Hund kann ich auch zu den Dreharbeiten mitnehmen. Arbeit ist belebend. Das nenn ich Working Class!




