Keine Fans, keine Massen vor dem Regent’s Hotel am Gendarmenmarkt. Dabei ist Tom Hiddleston in der Stadt, der, seit er in den „Thor“-Filmen den bösen Loki gespielt hat, kultisch verehrt wird von Fans, die sich sogar selbst als „Hiddlestoners“ bezeichnen. Das ist für den 34-jährigen Briten wohl eher befremdlich, der eine Ausbildung an Londons berühmter Shakespeare-Schmiede hinter sich hat und nicht nur im Popcorn-Kino, sondern auch in Shakespeare-Inszenierungen der BBC zu überzeugen weiß. Seit „Thor“ und „The Avengers“ reißen sich auch Autorenfilmer wie Steven Spielberg, Woody Allen und Jim Jarmusch um Hiddleston. Jetzt hat ihn Guillermo del Toro für seinen Spukfilm „Crimson Peak“ gewonnen. Wir trafen einen sehr entspannten Schauspieler, der das Stargewese um sich herum gekonnt zu ignorieren weiß.
Berliner Illustrirte: Mr. Hiddleston, kommen Sie eigentlich oft nach Berlin?
Tom Hiddleston: Ich wünschte, ich wäre öfter hier. Ich habe einen Cousin, der in Berlin lebt und es hier sehr liebt. Es ist nur so: Ich bin, auch wenn’s schrecklich klingt, ein Sklave meiner Terminpläne. Deshalb komme ich einfach nicht oft dazu. Ich arbeite einfach ständig. Und wenn ich nicht arbeite, will ich auch mal zuhause sein.
Und wenn Sie hier in Berlin Zeit hätten, könnten Sie da einfach so hinaus? Oder wären dann nicht überall sofort Fans zur Stelle, die Sie ansprechen und Autogramme und Selfies haben wollen?
O nein. Als ich mal länger hier war, bin ich schon durch die Stadt gezogen. Sehen Sie, ich finde Wege, um unerkannt zu bleiben. Das muss man lernen. Ich möchte niemals in der Situation sein, zu denken, ich dürfte nicht die Welt hinaus. Das wäre fürchterlich. Nein, du musst Wege finden.

Ihr neuer Film ist eine Spukgeschichte. Die Frage werden Sie jetzt ständig hören: Glauben Sie an Geister?
Das werde ich in der Tat gerade öfter gefragt. Ich versuche das dann immer so zu beantworten. Nicht dass ich behaupten könnte, Stephen Fry ein besonders enger Freund, aber ich saß mal bei einem Dinner neben ihm. Und er erklärte mir bis ins kleinste Detail die wissenschaftlichen Beweise, warum es nichts Übernatürliches geben kann. Er war sehr überzeugend. Aber, nun ja, es macht irgendwie mehr Spaß, sich vorzustellen, dass es da doch noch etwas gibt. Ich kann die Tatsache nicht ignorieren, dass kontinuierlich Geistergeschichten gesponnen werden. In der Literatur, in der Malerei, im Kino. Ich glaube, wir brauchen sie, um uns selbst zu erklären.
Inwiefern?
Geister sind Sinnbilder für unverarbeitete Schmerzen. Oder für Handlungen, für die wir keine Verantwortung übernommen haben, denen aber Schuld und Scham anhaften. Und Geistergeschichten regen unsere Fantasie an! Sie können uns Angst einjagen und unterhalten, und das zur gleichen Zeit. Deshalb muss es Geister geben. Ich kann’s kaum erwarten, den neuen „Ghostbusters“-Film zu sehen. (lacht)
Ist Gothic, sind Geistergeschichten etwas typisch Britisches? Gehören Sie zum Kulturgut der Insel?

Sie stammen jedenfalls aus einer sehr repressiven Zeit. Und waren in der Literatur eine Art, dagegen aufzubegehren, zu rebellieren. Vor allem, was Gewalt und Sexualität anbelangt. Denn um beides geht es ja bei guter „Gothic Romance“. Sehr oft ist da eine junge, unschuldige Heldin, die sich von einem großen, dunklen Fremden angezogen fühlt. Und die Untertöne sind ganz klar sexuell, das Geheimnis um diesen Fremden hat immer mit ihrem unterdrückten sexuellen Verlangen zu tun. Er verkörpert Gefahr, die Bedrohung, aber auch die Lust am Unbekannten.
Und dieses sexuelle Verlangen sind dann Sie in „Crimson Peak“.
(lächelt vielsagend) Ich weiß aber nicht, ob das etwas typisch Britisches ist. Es gibt den Totenkult in Mexiko, in der hispanischen Kultur. Auch in Asien. Das gehört überall zur kulturellen Identität. Gothic ist aber mit Sicherheit etwas typisch Europäisches, das in die Welt getragen wurde. Nicht zuletzt durch das Kino, der Heimat alles Geisterhaften.
„Crimson Peak“ ist Gothic pur. Dafür hat Guillermo del Toro eigens unheimliche Kulissen konstruiert, ein echtes Spukschloss mit kahlen Mauern in blubberndem Matsch. Ist das angenehmer, in echten Kulissen zu stehen als vor einer leeren Green Screen und immer so zu tun, als sei da was?
Aber unbedingt! Als Schauspieler musst du wahrhaftig sein, das ist der Job, das ist die sportliche Disziplin. Wahrhaftig in frei erfundenen, irrealen Umständen. Manchmal sind die Umstände irrealer als sonst. Wenn du da in einer echten Kulisse stehst, hilft das schon sehr. Nehmen wir unsere Situation: Zwei Menschen sitzen sich in einem Hotel gegenüber. Es ist natürlich viel einfacher, ein Hotel zu organisieren als ein Spukschloss. Aber unsere Sessel hier, der Tisch, diese Tapeten, das macht die Situation doch viel natürlicher. Stellen Sie sich vor, wir säßen hier in einem leeren Raum. Das wäre sofort ein wenig gezwungener.

Dann müssen die „Thor“-Filme ja eine bizarre Erfahrung sein, wo all die visuellen Effekten erst später im Computer entstanden sind.
Es gab beim ersten „Thor“ eine Szene, da kam ich mit Chris Hemsworth an ein leeres Set. Anthony Hopkins stand schon da, in seinem ganzen Odin-Panzer, guckte uns durch seine Augenklappe an und meinte: „Na, da gibt’s wohl nicht mehr viel zu tun für uns.“
Nun haben Sie ja gerade mit diesen Marvel-Filmen als Loki eine Popularität gewonnen, die selbst die von Thor übersteigt. Wie geht man mit solch einem Hype um die eigene Person um?
Hm... Ich versuche, es einfach als Kompliment zu nehmen. Und es so stehen zu lassen. Letztendlich ist es eine große Anerkennung, eine Wertschätzung meiner Arbeit. Auch wenn das nichts mit meiner Person zu tun hat. Die kennen mich ja gar nicht. Das ist nur eine andere Art von Publikum, als ich es vorher gewohnt war.

Ist es nicht manchmal auch ein bisschen zuviel Rummel um die eigene Person?
Ich bilde mir ein, dass ich das kontrollieren kann.Ich versuche, auf dem Boden zu bleiben. Weiter meinen Job zu machen. Und das andere auszublenden. Das ist aber wirklich ein Luxusproblem. Und, das muss jetzt auch mal gesagt werden: Ich bin der millionste Schauspieler, dem das so ergeht. Da ist nichts Einzigartiges, nichts Besonderes. Also versuche ich meine Energie und Aufmerksamkeit nach außen zu fokussieren und nicht nach innen. Ich glaube, das wäre sonst wirklich gefährlich, wenn man zu sehr in sich selbst hineinsieht.
Hätten Sie je so viel Hype um sich erwartet? Und wenn ja, hätten Sie das Angebot, ins Marvel-Universum aufgenommen zu werden, womöglich abgesagt?
Interessante Frage. Es ist ganz klar, so etwas hätte ich nie erwartet. Hätten Sie mir, als ich die Schauspiele verließ, gesagt, was passieren würde, hätte ich das nie geglaubt. Und keiner in meinem Freundes- oder Familienkreis. Meine erste Anstellung danach war ein Stück in einem Pub in London. Ich fand das Stück wunderbar, mein Publikum auch. Aber es bestand aus einem Mann und seinem Hund. Du kannst dich nicht Schauspieler nennen, bevor du ein Publikum hast. Jetzt solche Massen anzusprechen, da muss man auch demütig sein.

Und was liegt Ihnen näher: Shakespeare auf der Bühne zu spielen oder Popcorn-Kino zu machen? Oder ist es vielleicht gerade der Mix von beidem?
Ich war nie ein Snob, der die Nase rümpft über Popcornkino. Ich denke immer, es ist doch alles irgendwie das Gleiche. Es gibt ja viele Leute, die E und U scharf voneinander abgrenzen, die das eine für echte Arbeit halten und das andere nicht...
Das ist, fürchte ich, eine ziemlich deutsche Eigenschaft.
Nein, ich darf Sie trösten. Ich höre das auch in Großbritannien ständig. Aber ich habe nie verstanden, warum man das so trennt. Ich bin mit beidem aufgewachsen. Ich liebe das Kino über alles. Ich wurde als kleiner Bub inspiriert, befeuert und unterhalten von Indiana Jones und Superman. Aber ich wurde glücklicherweise von meinen Eltern auch mit ins Theater genommen, um große Schauspieler in großen Shakespeare-Inszenierungen zu sehen. Ich habe die Wucht von beidem gespürt. Und ich bewundere Schauspieler, die beides können.
Wie zum Beispiel?
Das erste Mal, dass ich Jack Nicholson sah, war als Joker in „Batman“. Aber das hat mich dann auch dazu gebracht, „Einer flog über das Kuckucksnest“ zu schauen. Auch Daniel Day-Lewis habe ich zuerst in „Der letzte Mohikaner“ gesehen, sicherlich seine populärste, nicht unbedingt die beste Rolle, aber ich wurde dann ein Fan all seiner Sachen. Ich hab auch „Viel Lärm um nichts“ von Kenneth Branagh damals nicht geguckt, weil es Shakespeare war, sondern weil Denzel Washington mitgespielt hat. Und ich glaube, es gibt viele wie mich, die beides genießen. Und ich bin sehr dankbar, dass es mir erlaubt ist, beides tun zu dürfen.
Da Sie schon von Kenneth Branagh ansprechen: Wie nah sind Sie sich? Sie haben mit ihm die britische „Wallander“-Serie gedreht, er hat Regie geführt beim ersten „Thor“-Film. Und Sie haben, wie er, „Henry V“ vor der Kamera gespielt. Ist er ein Vorbild für Sie?

Wir sind sehr eng miteinander. Und wollen unbedingt wieder miteinander arbeiten. Bei „Wallander“ konnte ich ja leider nicht mehr mitmachen, weil wir zur selben Zeit „The Avengers“ gedreht haben. Ich werde natürlich nie seine Karriere haben...
Abwarten!
… aber er inspiriert mich sehr. In der Art, wie er zwischen diesen Polen agiert und zeigt, dass es eben keine eigenen Welten sind, die einander ausschließen. Auch was sein Arbeitsethos und seine Disziplin angeht.
Sie haben bei ihm als heldenhafter Hammerwerfer Thor vorgesprochen, am Ende hat er sie dann aber als Loki besetzt. Waren Sie enttäuscht?
Na hören Sie. Ich durfte trotzdem mitspielen. Und wie sich zeigte, musste ich mich nicht monatelang mit einer speziellen Diät und stundenlangem Hanteltraining quälen. Ich sollte ihm wohl eher dankbar sein. Und was sich dadurch verändert hat, war, dass dieser Film Türen für andere Filme geöffnet hat.

Einen davon haben Sie gerade in Toronto vorgestellt: „I Saw the Light“. Da spielen Sie die Rocklegende Hank Williams. Singen Sie auch?
Oja. Ich singe alle Songs. Und spiele sie auch. Das war nicht einfach, ich bin ja kein Musiker. Aber das war eine Herausforderung, der ich mich einfach stellen musste. Und die Musik ist so gut. So ausgelassen, so einfach und doch so brillant. Jemand hat mal gesagt, Hanks Williams habe fröhliche Melodien zu traurigen Worten gemacht. Ich glaube, genau das hat ihn zu solch einem Star gemacht.
Hat man eine andere Verantwortung, wenn man eine reale Person verkörpert?
Unbedingt. Jede Figur, die ich spiele, hat ja eigenartiger Weise immer eine ganz eigene, enthusiastische Fan-Gemeinde. Ob bei Shakespeare oder Marvel... Aber wenn man eine reale Person spielt, fühlt man noch mal eine ganz andere Verantwortung und Pflicht, das auch genau hinzubekommen. Erst jetzt, wo ich sein Leben gespielt habe, habe ich richtig verstanden, was seine Größe als Musiker ausmacht, seine Freude als Künstler, sein rebellischer Geist, aber auch sein Alkoholismus und seine Einsamkeit. Da sind wir dann wieder bei Geistern, bei Ungeistern diesmal.




