Film

"Berlin Calling" - Mit der Berliner Morgenpost ins Kino

2008 hat Hannes Stöhr mit Paul Kalkbrenner einen Kultfilm über Techno-Berlin gedreht. Am 6. Oktober zeigt er ihn im Zoo Palast.

Der größte Clou des Films: Techno-Star Paulk Kalkbrenner spielt den Film-DJ Ickarus

Der größte Clou des Films: Techno-Star Paulk Kalkbrenner spielt den Film-DJ Ickarus

Foto: Movienet

Wieviel Berlin muss in einem Film stecken, um als Berlin-Film zu gelten? „Berlin Calling“ trägt den Namen schon im Titel, er zeigt wohlbekannte Ansichten vom Alex, der Oberbaumbrücke, der East Side Gallery. Spielt in zwei der zu Dreharbeiten angesagtesten Clubs der Stadt. Aber ein Großteil der Handlung spielt dann buchstäblich in einer geschlossenen Abteilung.

„Berlin Calling“ vermittelt jedoch vor allem ein Zeit- und Lebensgefühl. Er spielt in der Techno-Hauptstadt Berlin, auch wenn die Großzeit dieser Bewegung zurzeit der Dreharbeiten schon fast vorbei war und sich im Nachhinein wie ein Schwanengesang ansieht. Berlin, ein Synonym für eine Jugendkultur, eine ganze Generation.

Soundtrack der Stadt

In der Reihe „Hauptrolle Berlin “, in der der Zoo Palast und die Berliner Morgenpost an jedem ersten Dienstag im Monat einen Berlin-Film zeigen, darf dieses Werk aus dem Jahr 2008 deshalb nicht fehlen. Und mehr als all die Berlin-Bilder prägt sich in diesem Film ein Detail ein. Wie ein DJ in der Berliner S-Bahn das typische Dreiklang-Schließgeräusch aufzeichnet und erst als Klingelton im Handy speichert, vor allem aber in den nächsten Musik-Sample einbaut. Als Soundtrack der Stadt.

Musikerporträts im Kino handeln meist von Amerikanern oder Briten. Und längst vergangenen Zeiten, die die Künstler geprägt haben, bis sie die Zeiten prägten. Also im tiefsten Es war einmal. Von der Rockmusik kennt man das, vom Pop. Selbst HipHop hat es schon zu einigen Filmen gebracht. Hannes Stöhr aber war ein Pionier, als er den Techno auf die Leinwand brachte. Und ihm ging es dezidiert darum, ein Künstlerporträt im Heute spielen zu lassen.

Auch wenn das große Thema dann Genie und Wahnsinn ist, wie man es auch über Hölderlin oder Vincent van Gogh hätte drehen können. Was dann halt auch in eine geschlossene Anstalt führt. Und zu einer Friedrichshain-Version von „Einer flog übers Kuckucksnest“.

Genie und Wahnsinn

Der Künstler hier ist DJ und nennt sich Ickarus, mit „ck“ wie in „Icke“. Aber man muss in der griechischen Sagenwelt nicht sonderlich bewandert sein, um an Ikarus zu denken, den Höhenflieger, der der Sonne zu nah kommt und jäh abstürzt. So ergeht es auch diesem DJ, der durch die Clubs dieser Welt jettet und die Nacht zum Tag macht.

Dabei alle möglichen Drogen einwirft, um das durchzuhalten. Bis er auf einen Höllentrip kommt und in der Psychiatrie landet. Wo er doch gerade an einem neuen Album arbeitet, mit dem er es allen beweisen will.

Eine Berlin-Filmtrilogie

Hannes Stöhr, der Filmemacher aus dem schwäbischen Hechingen-Sickingen, hat gleich zwei genuine Berlin-Filme gedreht. Der erste hieß 2000 „Berlin is in Germany“ und handelte von einem DDR-Bürger, der während der Wende im Knast saß und erst im neuen Jahrtausend entlassen wird, in eine völlig neue, andere Stadt. Vier Jahre später drehte Stöhr den Episodenfilm „One Day in Europe“ in Moskau, Istanbul, Santiago de Compostela und eben Berlin.

Mit „Berlin Calling“ hat er eine Art Trilogie abgeschlossen, in der er die Stadt mal aus dem Blickwinkel eines Alien, dann von Fremden und schließlich von innen zeigte. Die beiden Filme mit der Stadt im Titel sind sich dabei ähnlicher, als man denken könnte, werden doch beide Anti-Helden vom System entmündigt: der DDR-Häftling von einem neuen, ökonomisierten Land und der Künstler von den Zwängen der Musikindustrie.

„Berlin Calling“ wurde in der Bar 25 gedreht und in der Maria am Ostbahnhof, als es die noch gab. Eigens für den Film wurden Techno-Partys veranstaltet, bei denen sich die Kameras durch die tanzenden Massen arbeiteten, um hautnah dabei zu sein. Der Clou des Films ist aber sein Hauptdarsteller. Denn der ist kein Schauspieler, sondern Paul Kalkbrenner, selbst Musiker und DJ. Die Zusammenarbeit begann mit einem Misston. Behauptet zumindest der eine.

Stöhr will Kalkbrenner das erste Mal in der Arena erlebt haben, als der gerade auflegen sollte, etwas falsch stöpselte „und ein Mega-Störton“ einsetzte. Kalkbrenner verneint das leidenschaftlich. Dennoch entstand daraus ein enges Verhältnis. Stöhr war oft in Berliner Techno-Clubs. Und früh war ihm klar, dass er darüber einen Film drehen wollte. Aus der Perspektive eines DJs.

Der Techno-Star als Schauspieler

Kalkbrenner war über Jahre als Berater involviert, hat dann auch schon ein bisschen Musik zum Europa-Film beigesteuert. Bis Stöhr irgendwann meinte: „Du musst diese Rolle spielen.“ Kalkbrenner, der nie zuvor und auch seither keinen Film mehr gedreht hat, hatte seltsamerweise keine Berührungsängste.

„Nur in der letzten Woche vor Drehbeginn hatte ich leichte, sogar relativ starke Zweifel“, gibt er rückblickend zu, „dass ich so eine Anderthalb-Millionen-Euro-Produktion durch reine Selbstüberschätzung in den Sand setze.“

Hat er nicht. Im Gegenteil. Der Film lebt gerade von der Authentizität, die er einbringt. Auch wenn sich natürlich alle fragten, wie sehr der DJ Ickarus dem DJ Kalkbrenner entspricht. „Ich denke, dass die Figur näher an mir ist, als Hannes das glaubt“, räumt Kalkbrenner ein. Er kenne diesen Ickarus sehr gut, „weil er so ist, wie ich nicht hätte werden wollen. Er ist mein eigener Dämon, aber auch einer, der gerne dahin will, wo ein Paul Kalkbrenner vielleicht heute ist.“

Nachdem gerade sein neues Album „7“ heraus kam, hat sich Kalkbrenner erst mal etwas Ruhe verordnet. Regisseur Hannes Stöhr aber wird am Dienstag bei der Filmvorführung dabei sein und mit Rita Lengyel, die die Managerin und Geliebte von Ickarus spielte, von der Entstehung des Kultfilms erzählen.

„Berlin Calling“ Zoo Palast, 6. Oktober, 20 Uhr, in Anwesenheit von Hannes Stöhr und Rita Lengyel

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