Pixar-Trickfilm

"Alles steht Kopf" von Pixar: Was in unserem Hirn so los ist

Der neue Pixar-Animationsfilm "Alles steht Kopf" zeigt auf zauberhafte Art, warum wir manchmal so kopflos sind.

Die Gefühle in der Schaltzentrale sind ratlos: die Damen und Herren Kummer (blau), Wut (rot), Angst (lila), Ekel (grün) und Freude (gelb)

Die Gefühle in der Schaltzentrale sind ratlos: die Damen und Herren Kummer (blau), Wut (rot), Angst (lila), Ekel (grün) und Freude (gelb)

Foto: Disney

Sind wir nicht alle irgendwie multiple Persönlichkeiten? Oder wie sonst kann man sich erklären, dass wir mal himmelhochjauchzend sind und dann wieder zu Tode betrübt? Die Antwort liefert unsAlles steht Kopf“, der neue Pixar-Trickfilm, der am Donnerstag in die Kinos kommt: Es sind kleine Männchen und Weibchen in unserem Kopf, die unseren Gefühlshaushalt regeln. Oder halt auch durcheinander bringen.

Ein wenig erinnert das Ganze an einen alten Sketch von Otto Waalkes („Kleinhirn an Großhirn“). Wie die Nummer des Komikers damals begann, das liest sich wie das Exposé dieses Films: „Ich möchte heute ein wenig dazu beitragen, dass der Menschen seinen Freund, den Körper, besser verstehen lernt. Schauen wir deshalb einmal in einen solchen Körper hinein...“

Ganze Inseln schöner Erinnerungen zerbröseln

Der Animationsfilm handelt von einer Kleinfamilie Vater-Mutter-Kind, die bislang in einem idyllischen Nest in Minnesota gewohnt hat, nun aber nach San Francisco zieht. Da hat die elfjährige Riley plötzlich keine Freunde und keine Freude mehr.

Nur etwa ein Viertel des Films spielt in dieser realen Welt. Der Großteil spielt sich in Rileys Kopf ab. Und da sind es fünf Grundgefühle, die in einer Kommandozentrale schalten und walten. Ein wenig wie auf der Brücke von Raumschiff Enterprise.

Das Sagen hat eindeutig Freude, ein gelbes, leuchtendes, strahlendes Wesen. Flankiert wird sie von Angst, einer ewig zitternden lila Hungerharke, Wut, einem roten gedrungenen Wesen, dem ständig der Kopf entflammt, Ekel, einem grünen, schnippischen Wesen, und Kummer, einer blauen dicken Brillenschlange, deren Gesichtszüge schier am Boden hängen. Mit wenigen Physiognomien und einer Handvoll Farben weiß dieser Trickfilm einen ganzen Gefühlshaushalt zum Leben zu erwecken. Die Farbenlehre nach Pixar.

Die Trick-Regisseure Pete Docter und Ronaldo Del Carmen kreieren hier eine vor Ideen nur so sprudelnde, ja schier überbordende Fantasiewelt, in der emotionale Landschaften versinnbildlicht werden. Schöne Erinnerungen sind hier Kugeln, die per Röhren ins Langzeitgedächtnis rollen und in endlosen Regalreihen, regelrechten Kugel-Lagern abgespeichert werden. Bis die traumatische Erfahrung des Umzugs den Gefühlshaushalt der Elfjährigen durcheinanderwirbelt.

Die eigene Tochter brachte die Idee

Plötzlich kommt Kummer dauernd mit den Kugeln in Berührung und verwandelt die schönen Erinnerungen in traurige. Beim Versuch, das wieder in Ordnung zu bringen, werden Freude und Kummer in die unendlichen Weiten der Psyche katapultiert.

Und während sie den langen, schwierigen Rückweg durch Langzeitgedächtnis, Unterbewusstsein, Träume, selbst Ver­gessen antreten, hockt der Rest des Teams hilflos in der Schaltzentrale und muss mit ansehen, wie nach und nach ganze Kernerinnerungsinseln zerbröseln.

Bei der Berlin-Premiere im Zoo Palast gab Regisseur Pete Docter zu, die Idee zu diesem Film sei ihm durch seine eigene Tochter gekommen, bei der er wie so viele Eltern nicht wusste, was eigentlich mit ihr los sei.

Lang hat Docter daran herumgedoktert, komplizierte Zusammenhänge, wie Gefühle unser Denken und Handeln bestimmen, einfach und kindgerecht zu veranschaulichen. Und auch noch so, dass es Spaß macht. Aber „Alles steht Kopf“ ist bei weitem nicht nur ein Kindervergnügen.

Auch Erwachsene werden angeregt, über den eigenen Gefühlshaushalt nachzudenken. Das wird zuweilen geradezu philosophisch. Wenn man erfährt, dass Freude allein nicht alles ist und manchmal auch Kummer zu neuen Einsichten führt.

Der schönste Pixar-Film seit langer Zeit

Nicht zuletzt bietet der Film aber auch eine knallbunte Metapher auf die eigene Traum-Fabrik. Das zeigt sich nicht nur in der Traumregion, die natürlich wie ein Filmstudio dargestellt ist. Pixar war mal die neue, fantastische Animations-Schmiede, die mit Werken wie „Toy Story“ und „Findet Nemo“ selbst den Branchen-Solitär Disney alt aussehen ließ.

Bis das kleine Studio vom großen geschluckt wurde und zuletzt fast nur noch Fortsetzungen wie „Toy Story 3“, „Cars 2“ oder „Die Monster Uni“ herausbrachte, die lediglich Alt-Erfolge recycelte. „Alles steht Kopf“ ist nun der schönste Pixar-Film seit langem. Seit „Oben“, um genau zu sein.

Und das ist kein Zufall. Denn auch der stammt von Pete Docter, der bei „True Story“ und „Wall-E“ am Drehbuch mitschrieb und „Die Monster AG“ inszeniert hat. Docter scheint noch ein bisschen fantasievoller, verspielter, kühner, vielleicht auch verrückter als seine Pixar-Kollegen.

Während da draußen im Pixar-Land die Erinnerungsinseln, wie avantgardistisch man mal mit Nemo, Ratatouille & Co. gewesen ist, schon zu zerfallen drohten, muss er sich selbst aufgemacht haben ins Langzeitgedächtnis seines Studios.

Das geht vom Hirn direkt ins Herz

Und sich erinnert und rückbesonnen haben, wie man sich einst vor Lachen gekugelt hat bei diesen Highlights der Animationskunst. „Alles steht Kopf“ hat nun wieder alles, was die frühen Pixar-Filme ausgezeichnet hat: Esprit, Witz, Einfallsreichtum, Dingwelten, die ein Eigenleben entwickeln und, dies vor allem, Originalität.

Letztlich gehen wir ja genau deshalb ins Kino. Nicht, um uns überwältigen, zerstreuen, an exotische Orte entführen zu lassen. Das ist nur zweitrangig. Letztlich wollen wir uns auf der großen Leinwand unser selbst versichern. Wollen fühlen, leiden, bangen und hoffen, kurz: emotional berührt werden.

„Alles steht Kopf“ leistet das nicht nur, sondern macht es auch gleich noch zum Thema. Und rührt endlich wieder Groß und Klein auf gleiche Art. Das geht vom Hirn direkt ins Herz.