Paul Kalkbrenner, der zwölf war, als die Mauer fiel, ist sagenhaft weit oben angekommen. Den Durchbruch schaffte der Musiker 2008 ausgerechnet mit dem Spielfilm „Berlin Calling“, in dem er einen auf Drogen abstürzenden DJ spielt. Über die Jahre jedoch ist der Sound Kalkbrenners weicher geworden. Er selbst auch, nicht nur, weil er vor einigen Monaten Vater wurde. Sein neues, im August bei Sony erscheinendes Album „7“ kommt soulig und sehr nahbar daher. Wir unterhielten uns mit dem 38-Jährigen auf der Terrasse seines Management-Büros in Berlin-Kreuzberg. Kalkbrenner raucht eine Mentholzigarette nach der anderen und hat hervorragende Laune.

Berliner Morgenpost: Paul Kalkbrenner, wie wird „7“, der Titel ihres neuen Albums, überhaupt ausgesprochen: „Seven“, „Sieben“, „Sept“?

Paul Kalkbrenner: Oder auch „Siete“? Ganz egal. Der Albumtitel heißt überall anders und überall gleich. Deshalb auch diese Zahl. Namen sind Schall und Rauch.

„7“ ist für ihre Verhältnisse ein sehr pop-umarmendes Album. Die Songs sind überwiegend flauschig und näher am Soul als am Techno.

Ich bin mit den Jahren immer melodischer geworden, deshalb dürfte das für die meisten, die mich kennen, kein Schock sein. Ich bin mit Techno groß geworden, aber ich wollte irgendwann raus aus dieser Coolnessfalle. Und ich muss es nicht mehr allen Recht machen. Ich sage, was ich mache ist Techno für alle zwischen acht und 88. Niemand soll sich ausgeschlossen fühlen. Ich will auch stilistisch nichts mehr zurückhalten. Ich liebe zum Beispiel klassische Musik, aber früher musste Techno hart und aggressiv sein, da war für Klassik kein Platz. Jetzt spiele ich gern mit diesen Einflüssen.

Sie verwenden auf dem Album zahlreiche Vokal-Samples, etwa auch von Jefferson Airplane. Sind Ihnen die rein instrumentalen Platten langweilig geworden?

Instrumentalalben habe ich schon genug gemacht. Aber es geht auch um den Erfolg, machen wir uns nichts vor. Wenn du in den USA was erreichen willst, musst du im Radio gespielt werden. Und im Radio wirst du nur gespielt, wenn jemand singt. Also mussten Vocals her. Das Schöne an meinem neuen Vertrag mit Sony ist, dass sie mir gesagt haben: „Hier, guck doch mal bei uns ins Tonarchiv“. Man gab mir aber auch zu verstehen, dass ich mich besonders ins Zeug legen müsse.

Und das haben Sie getan?

Total. Ich habe ewig an diesem Album gearbeitet, bestimmt anderthalb Jahre. Kein Vergleich zu früher, wo ich ganze Alben in zwei, drei Monaten aufgenommen habe.

Sie sagen, Sie seien kein DJ. Sondern?

Ich bin Musiker. Auf der Bühne spiele ich live, ich habe Drum Machine, Sampler, Mixer dabei. Ich arrangiere die Songs direkt auf der Bühne, deshalb klingt es jeden Abend anders. Ich finde es daher gerechtfertigt, wenn Leute, die elektronische Musik machen, heute in einer Reihe stehen mit Rockmusikern. Bei Auftritten habe ich auch wahnsinnig viel zu tun. Die meisten DJs stehen ja nur da, machen an ihren Kopfhörern rum und langweilen sich.

Vor drei Monaten sind Sie Vater einer Tochter geworden. Wie verträgt sich das Baby mit ihrem Job?

Bisher sehr gut. Die Kleine wächst und gedeiht. Ich bleibe in diesem Sommer mehr zu Hause als sonst, habe die Festivalauftritte ausgedünnt. Wenn ich daheim bin, gehe ich sowieso nicht weg, in Clubs schon gar nicht. Früher hat man manchmal tagelang nicht geschlafen. Das ist nicht gut, und das geht irgendwann auch nicht mehr. Der Körper streikt einfach. Mit Ende 30 steckst du vieles nicht mehr so gut weg wie mit Mitte 20.

Sie gelten als eine Art Aushängeschild des coolen Berlins. Ist das gut?

Das finde ich super. Ich kokettiere gern damit, aus Berlin zu kommen. Ich bin stolz darauf, die Stadt repräsentieren zu können. Ich denke sogar, Berlin ist die geilste Stadt der Welt. Die Touristen kommen völlig zurecht. Inzwischen ja auch nicht mehr nur wegen der Techno-Szene, sondern weil die Stadt insgesamt wahnsinnig viel zu bieten hat. Ich bin auch keiner von denen, die sagen „Früher war alles geiler“. Im Gegenteil. Früher war alles grau und braun, heute sind ganze Wohngebiete so grün, dass sie bei Google Earth aussehen wie dichter Wald.

Sie waren zwölf, als die Mauer fiel. Wie haben Sie das Berlin Ihrer Kindheit empfunden?

Als sehr ostig. Ich komme aus Lichtenberg, einem Arbeiterviertel. In Berlin ging es uns trotzdem immer besser als den Menschen im Rest der DDR. Alles wurde in die Stadt geschafft, damit es ein bisschen nach was aussah. Wenn wir Verwandte in Schwerin besuchten, mussten wir denen immer Ketchup mitbringen.

Haben Sie damals vom Westen geträumt?

Schon. Ich glaube, das einzige wirklich sozialistische Paradies existierte im West-Berlin der 80er-Jahre. Dort ging alles sehr betulich und langsam zu. Nicht ohne Grund zog die Stadt damals Lebenskünstler in Massen an. Letztlich hat sich auch deshalb in Berlin nie wirklich Industrie angesiedelt, weil es den Leuten zu gut ging, weil sie sich so wohl fühlten in ihrem Biotop. Ich mochte es im Osten, aber das Eingeschlossensein und die ständige Kontrolle durch die Stasi waren schlimm.

Sie haben spannende Dinge zu erzählen. Warum sieht man Sie eigentlich nie im Fernsehen?

Kalkbrenner: Weil ich da nicht hingehe. Ich könnte jede Woche bei Markus Lanz sitzen, aber ich möchte das nicht, das macht den Mythos kaputt. Meine Regel ist „Geh den Leuten nicht außerhalb deines Kerngeschäfts auf den Keks“.

A propos Sportlerkarriere: Stimmt es, dass Per Mertesacker ihr größter Fan ist?

Kalkbrenner: Oh ja. Ich spiele selbst ein bisschen Fußball, in der Ü32-Mannschaft von Sparta Lichtenberg. Ein Superverein. Mittlerweile bin ich mit einigen Spielern befreundet, mit Manuel Neuer, mit Schweini, mit Benedikt Höwedes. Das sind alles nette Leute, aber Per ist echt der Coolste. Seine Frau hatte mich letzten Sommer gefragt, ob er mal mit auf Tour kommen kann, und dann ist er direkt nach der WM bei uns im Bus mitgefahren. Wir waren auf zwei Festivals. Das war für Per ein ganz großes Erlebnis.

Hat er auch getanzt?

Komplett abgeraved ist der Per! Einmal kam er mitten in der Show auf die Bühne und brachte Jägermeister. Die Profifußballer haben so wenig Zeit, mal loszulassen – aber wenn, dann richtig.

Heimspiel: Paul Kalkbrenner bei der DFB-Ehrenrunde, 3. August, bei Sparta Lichtenberg, 18 Uhr.