Wenn man ein Interview mit Burghart Klaußner führt, sitzt man nicht einfach einem Schauspieler gegenüber. Man genießt eine Art One-Man-Performance, ein Bühnen-Solo ohne Bühne. Er steht auf, er läuft mit großen durchs Zimmer, er sinniert. So auch im Cosmo Hotel am Spittelmarkt. Hier spricht der 66-Jährige über seine Hauptrolle in dem Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“, wo er die Titelrolle des Staatsanwaltes spielt, der die Frankfurter Auschwitz-Prozesse in Gang setzte und durch den es dem Mossad gelang, Adolf Eichmann aufzuspüren. Der Film feiert am heutigen Montag Berlin-Premiere im International-Kino.
Berliner Morgenpost: Herr Klaußner, in kurzer Zeit gibt es gleich drei Filme hintereinander über Fritz Bauer. Erst „Im Labyrinth des Schweigens“, jetzt Ihr Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“ und demnächst noch der Fernsehfilm „Der General“. Was ist so interessant an der Figur?
Burghart Klaußner: Die Antwort ist ganz einfach: Er ist ein Held. Ein strahlender, aber gebrochener und damit ganz typischer Filmheld, nur eben aus der Realität. Einer aus Nachkriegsdeutschland, wie es nur ganz wenige gab. Ein Einzelkämpfer. Wir haben ja sowas wie einen Cowboyfilm gemacht. Einer gegen alle. Aber das entsprach leider ziemlich seiner Lebenswirklichkeit. Er war allein auf weiter Flur. „Wenn ich mein Büro verlasse, betrete ich Feindesland.“
Wenn er so ein Held war, muss ich die Frage vielleicht anders stellen: Warum hat es dann solange gedauert, bis Filme über ihn entstanden sind?
Das hat wohl damit zu tun, dass nach all der eher allgemeinen Beschäftigung mit unserer deutschen Geschichte sich der Fokus immer mehr auf Einzelne richtet. Man fragt sich ja zu Recht, wer waren denn die, die Licht ins Dunkel brachten, wer arbeitete sich dafür ab, dass Deutschland heute anders dasteht? Und da wir schon so viele Bösewichter behandelt haben – auch meine Wenigkeit hat da schon einige gespielt –, ist es wohltuend, sich mit dem Leben eines Guten wie Fritz Bauer zu beschäftigen.
Gert Voss hat ihn gespielt, Ulrich Noethen wird es noch tun – steht man da in einer merkwürdigen Konkurrenz mit anderen Schauspielern? Oder hat das womöglich noch mal einen ganz eigenen Reiz?
Also, ich empfinde das nicht als Konkurrenz. Gert Voss, den ich geliebt und bewundert habe und mit dem ich lange befreundet war, ging mit seiner so ganz eigenen Autorität an die Rolle ran, die ja Nebenrolle blieb. Ohne in irgendeiner Weise auf die historische Figur Bezug zu nehmen. Ich wiederum tue das. Lassen wir uns also überraschen, wie Ulrich Noethen es angeht. Sagen wir: Jeder ist seines Glückes Schmied. Wir können nur alle unsere Arbeit machen, so gut wir es können. Deshalb ist das Wort Konkurrenz überhaupt nicht aufgekommen.
War Fritz Bauer für Sie noch ein Begriff?
Er war ein Begriff, das ist das richtige Wort. Aber ich hatte keine Vorstellung von ihm, keinen Menschen vor Augen. Er gehört nun mal zu diesen wenigen Großen, die in den sechziger Jahren gegen das vorherrschende Schweigen viel bewegt haben. Zurückgekehrt aus der Emigration, wollten sie sich nichts mehr gefallen lassen. Die zornigen alten Männer, wie Bloch, Adorno und Horkheimer, die die Jungen beeindruckten.
Und wie haben Sie sich den Mann angeeignet?
Ich sah zunächst keinen Weg. Eine so eigenwillige Persönlichkeit hatte ich nicht erwartet. Sein ganzer Habitus, die Art sich zu geben, sprach Bände über die Schwierigkeiten seiner Arbeit und seines Lebens. Und seines Willens, sich nicht unterkriegen zu lassen. Dann aber war ich entschlossen, so viel wie nötig davon in meine Darstellung einfließen zu lassen. Es gibt nicht viel Filmmaterial über Fritz Bauer. Bei Alexander Kluges „Abschied von gestern“ hat er einen Auftritt und es gibt die Fernsehsendung „Heute Abend Kellerclub“ vom Hessischen Rundfunk, die wir auch im Film nachstellen. Und es gibt natürlich einige, auch neuere, Biografien.

Wie ähnlich muss man einer historischen Figur werden?
Eine Figur der Zeitgeschichte zu spielen, ist nie ein einfacher Auftrag. Wenn man ihn hat, bewegt man sich auf einem schmalen Grat. Auf der einen Seite gibt es dieses Bild, das jeder nachprüfen kann, und das wir in unserem Fall ganz bewusst und offensiv an den Anfang stellen. Damit jeder sehen kann: So war er wirklich, schaut mal, ob ihr das aushaltet, Klaußner und Bauer. Auf der anderen Seite sollte man mit einem solchen Porträt freilich immer auch ein Stück Zeitgeschichte zu erzählen versuchen.
Es wird auch deutlich die Homosexualität von Fritz Bauer thematisiert. Obwohl es heute immer noch Leute gibt, die meinen, das gehört da nicht mit rein, als ob es ihn diskreditieren würde.
Diese nach der Emigration wohl nicht mehr gelebte Homosexualität hat ihn, als von den Nazis verfolgten Juden, gleich noch einmal stigmatisiert. Er hat sich das versagen müssen, um seinem Ziel näher zu kommen, um sich nicht angreifbar zu machen. Der Preis, den er bezahlte war hoch. Daneben ist das Thema Homosexualität natürlich auch ein Topos, das repressive Klima der fünfziger Jahre zu erzählen. Das lässt sich trefflich über diesen Aspekt bewerkstelligen.
Was können wir heute lernen von Fritz Bauer?
Ich will Ihnen sagen, was ich gern von ihm lernen wollen würde: Mut. Ich bin nicht so mutig wie er. Ein Held muss mutig sein, und der Mann war außerordentlich mutig. Rache hat ihn am wenigsten interessiert. Er wollte Aufklärung. Die Fälle waren angerissen, es gab die Nürnberger Prozesse, aber das war damals noch nicht gelebtes Wissen. Bauer wollte vor allem eine seelische Reinigung in Gang setzen. Mut und Mitgefühl, das sind Dinge, die man von ihm lernen kann. Die man gerade heute brauchen kann. Mitgefühl – mit den Tausenden Flüchtlingen, die sich jetzt täglich bei uns einfinden.
Sie helfen auch?
Ich helfe mit Geld. Ich helfe mit Kleiderspenden. Ich kann nicht persönlich hin, dafür habe ich leider keine Zeit. Aber ich helfe unbedingt. Und das muss man den Menschen klar machen, die da am Verrohen sind mit ihren Hasstiraden: Wenn es uns gelingt, das Problem in den Griff zu kriegen, wird es uns stark machen. Wir stehen schon gar nicht schlecht da in der Welt mit der Aufarbeitung unserer verbrecherischen Vergangenheit, aber jetzt besteht die Chance, vielleicht aus der gedanklichen auch eine tätige Arbeit zu machen. Ich glaube, viele Jüngere haben auf die Chance gewartet, was Gutes zu tun.
Sie haben in letzter Zeit in „Diplomatie“ gespielt, in „Elser“, bei Spielbergs „Bridge of Spies“, jetzt bei „Fritz Bauer“ – sind Sie der Mann fürs Historische?
Es interessiert mich stark, das ist richtig. Ich finde das Historische oft erzählerischer. Gegenwart gibt‘s ohnehin nur im Theater. Und wollen wir Schauspieler uns nicht gern verkleiden? In eine Zeitmaschine zu steigen ist dann nur noch ein kleiner Schritt.
Drängt es Sie in den internationalen Film?
Kommt darauf an. Ich würde mich nicht zerreißen dafür. National, international – wenn es ein guter Stoff ist, interessiert es mich immer. Ich gebe zu, ich habe den größten Spaß gehabt bei „Bridge of Spies“. Ich habe einen ganzen Tag mit Tom Hanks und Steven Spielberg nur gelacht. Wenn das dann allerdings so uninteressant ist wie im letzten „James Bond“, dann sag ich doch lieber ab. Da gab es einen wirklich langen, guten Text beim Casting, und bei der Originalszene blieb davon nichts übrig. Dafür brauchen die mich nicht. Aber ich gebe zu, ich finde es immer befruchtend, mit Menschen aus anderen Kulturen zusammen zu sein.
Mit „Die fetten Jahre sind vorbei“ sind Ihre fetten Jahre erst so richtig losgegangen. Sind Sie ein Spätzünder?
Naja, ich habe auch vorher schon lange Jahre gearbeitet. Aber stimmt, im Kino habe ich erst spät richtig zugelangt. Das kann man so sagen. Ich würde sagen, ich bin kein Spätzünder, aber ein Slow-Burner. Drücken wir es vorsichtig so aus: Ich habe Erfahrung gesammelt. Ich weiß heute mehr über den Beruf.





