Schauspieler

Milan Peschel: Heute solo in Berlin, morgen bei Winnetou

Armin Petras hat dem Schauspieler ein Stück auf den Leib geschrieben. Zugleich reitet Milan Peschel in Kroatien. Eine Zerreißprobe.

In den Kammerspielen des Deutschen Theaters darf er sich mal richtig austoben: Milan Peschel

In den Kammerspielen des Deutschen Theaters darf er sich mal richtig austoben: Milan Peschel

Foto: Reto Klar

Er kommt gleich. Milan Peschel probt noch. Ist aber sofort fertig. Dann muss er sich nur noch eben die Hände waschen. Und dann, wir sind schon in der Kantine des Deutschen Theaters, muss er noch einem anderen Schauspieler Hallo sagen. Nur ganz kurz. Das zieht sich dann alles doch ein wenig hin.

Aber es gibt einem ein bisschen Vorgeschmack, wie es Milan Peschel selbst in „Münchhausen“ ergeht, dem neuen Stück von Armin Petras, das bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen uraufgeführt wurde und nun am 17. September Premiere in den Kammerspielen des Deutschen Theaters feiert.

Ein großes Geschenk

Da steht Peschel nämlich auf der Bühne und wartet. Auf einen Kollegen, der nicht kommt. Und wartet. Und redet derweil mit dem Publikum. Über das Leben und das Theater. Um die Zeit zu überbrücken. Und um sich, Münchhausen gleich, am eigenen Zopf aus der verfahrenen Situation zu ziehen.

Klingt wie eine Spontanimprovisation. Hat was von einer Late-Night-Show. Ist aber in Wahrheit ein großes Geschenk von Petras an den Schauspieler, der damit einen ganzen Abend lang eine Solonummer hinlegen darf. Und das auch nach Kräften tut.

Solo? Gern. Aber was Eigenes muss es sein

Wie das zustande kommt, da holt Peschel, als er endlich doch am Tisch sitzt und sein Mineralwasser aus der Tasche zückt, ein wenig aus. Er habe „in seinem Eck“, also im Prenzlauer Berg, den Regisseur Jan Bosse getroffen, mit dem er schon öfter zusammengearbeitet hat. Und der habe gesagt: „Wir müssen mal was machen, wo du alleine auf der Bühne stehst.“ Da war der 46-Jährige sofort dabei. „Aber das muss dann was Eigenes sein.“

Soloabende mit Stücken wie Patrick Süskinds „Der Kontrabass“, das gab’s und gibt’s ja zur Genüge. Dann kam aber Armin Petras hinzu, mit dem Peschel früher öfter zusammengearbeitet hat, bis Petras als Intendant nach Stuttgart wechselte. Und Petras hat ihm nun dieses Stück auf den Leib geschrieben. Und nicht, wie sonst, unter seinem Autorenpseudonym Fritz Kater, sondern unter seinem echten Namen.

Das sei natürlich ein Geschenk. Und eine große Ehre, sagt Peschel. Gleichzeitig war es aber irgendwie auch ganz vertraut. „Ich hatte bei Armins Stücken immer das Gefühl, dass die Rollen mir auf den Leib geschrieben sind.“ Schon bei ihrer ersten Zusammenarbeit, 1997 an der Volksbühne, hatte er „beim Lesen das Gefühl, das ist mir ins Maul geschrieben.“

Bei der großen Solonummer ist das also nur noch eine Windung mehr. Man weiß dabei gar nicht, wer jetzt wem das größere Lob, das größere Geschenk macht: der Autor dem Schauspieler oder umgekehrt.

An drei Orten gleichzeitig

Es wird also ein Parforceritt. Und nicht nur einer. Milan Peschel ist ja irgendwie gerade an drei Orten gleichzeitig. Er spielt den Sam Hawkens in der neuen „Winnetou“-Verfilmung. Dreht gleichzeitig mit Mutter, Tochter und Enkelin Thalbach den Familienfilm „Peggy“. Und jetzt kommen auch noch die „Münchhausen“-Aufführungen hinzu.

Drei Rollen, die er wie Kleider ständig wechseln muss. Wofür er auch immer mal zwischendurch nach Kroatien, zu den Indianern fliegen muss. Wie kriegt man das alles hin? „Gutes Zeitmanagement“, meint Peschel trocken. „Und weniger Urlaub.“

Anspielen gegen alte Bilder im Kopf

Über den „Winnetou“ freut er sich sehr. Nicht, dass er als Kind Karl May gelesen hat. Er stammt ja aus Ost-Berlin, da hat man eher den „Blauvogel“ gelesen. Und die Indianerfilme mit Gojko Mitic gesehen. Deshalb findet es Peschel ganz famos, dass Mitic nun auch im „Winnetou“ mitspielt.

Aber er weiß, dass das auch eine besondere Herausforderung wird. Wenn man sich heute die alten Filme ansehe, seien die, naja, schön bunt. „Aber ich weiß, welche Bedeutung das für die alte Bundesrepublik hatte. Wir werden konfrontiert mit den alten Bildern und Erinnerungen, die die Leute im Kopf haben.“

Milan Peschel war lange ein reines Bühnentier. Der irgendwann auch mal in Arthouse-Filmen mitspielte. Mit dem Sterbedrama „Halt auf freier Strecke“ hat er es dabei bis zu höchsten Lola-Ehren gebracht. Aber der ganz große Erfolg, oder sagen wir anders, der Mainstream-Durchbruch, den hat er seinem guten Freund Matthias Schweighöfer zu verdanken, der ihn unbedingt für seinen Kinofilm „Schlussmacher“ haben wollte – und ihn gegen den Willen des Verleihs auch durchsetzte.

Plötzlich war Peschel nicht nur Bühnengröße und Film-Geheimtipp, sondern einem Millionenpublikum bekannt. Und: „Ich weiß nicht“, bekennt Peschel, „ob man mir den Sam Hawkens sonst je angeboten hätte. Da hat mir der Matthias wirklich eine Tür aufgestoßen.“

Das Theater erdet

Seine Brötchen kann er sich trotzdem noch holen, ohne dauernd angesprochen werden. Und U-Bahn fahren auch. Der Prenzlauer Berg ist halt cool, da achtet man nicht auf Promis. Vielleicht hat sich Peschel aber auch einfach eine gewisse Bodenhaftung, eine Erdung bewahrt. Denn das Theater ist nach wie vor seine eigentliche Heimat. „Das ist eine andere Realität, auch ein anderer Schmutz“, sagt er, „da wird man nicht so gepampert.“

Er liebt es, auf allen Hochzeiten tanzen zu können. Aufs Theater verzichten könnte er aber auf keinen Fall. Und warum auch, wenn man ihm dort so dicke Teppiche ausrollt wie mit „Münchhausen“? Da darf er nach Herzen Milan Peschel sein. Oder vielleicht doch ein anderer. Oder beides zugleich, wer weiß?

Gymnastikball statt Kanonenkugel: Milan Peschel probt "Münchhausen"

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Foto: Arno Declair