Den verrücktesten und unerwartetsten Erfolg dieser Berliner Opernsaison konnte man gegen Ende hin erleben. Die Komische Oper brachte im 1914er-Jubiläumsjahr Bernd Alois Zimmermanns Anti-Kriegs-Oper „Die Soldaten“ zur Premiere.

Das ist eine harte Zwölftonoper über die Verrohung von Soldaten, es geht um Missbrauch, eine befohlene Vergewaltigung, um Verzweiflung rundum. Dafür hatte sich Intendant Barrie Kosky obendrein einen Skandalregisseur verpflichtet.

Und Calixto Bieito lässt die Gewalt auch mit reichlich Theaterblut zelebrieren. Und dennoch gibt es keine Buhstürme, im Gegenteil, das Publikum ist bedrückt und berührt und jubelt. Bieito hat eine Art Passion über den Leidensweg der jungen Maria inszeniert.

An dieser Premiere war in Sachen Regietheater einiges abzulesen. Seit Jahren umstrittene Regisseure beginnen, sich von sich selbst zu distanzieren. Sie haben verstanden, dass es nicht darum geht, auf Teufel komm raus alte Opern in neue Realitäten zu verlegen. Und die Welt mit egomanischen Botschaften zu provozieren.

Ein moderner Kostümschinken

Oftmals genügt eine schöne, sinnfällige Rahmung. Das hat auf raffinierte Weise Theaterregisseur Alvis Hermanis mit Mozarts „Cosi fan tutte“ ebenfalls an der Komischen Oper vorgeführt. Er verlegte die Handlung symbolträchtig in eine Restauratorenwerkstatt, das Ganze wurde damit zum modernen Kostümschinken. Und die Liebenden springen verwirrt zwischen den Jahrhunderten hin und her. Dem Publikum gefallen solche Spiele.

Zweifellos war es eine rundum erfolgreiche, spannende Opernsaison. Die drei Häuser haben bereits ihre Erfolgsmeldungen verschickt. Demnach hat die Deutsche Oper mit 241.000 Zuschauern eine Auslastung von 80,4 Prozent erreicht. Es kamen 33.000 Besucher mehr als in der Spielzeit davor. Die Staatsoper konnte in ihrer Ausweichspielstätte Schiller-Theater die Auslastung um einen Prozentpunkt auf 88 Prozent steigern, insgesamt kamen über 183.000 Besucher. Sieger nach Quotenzuwachs wird aber die Komische Oper werden. Wenn die letzten Vorstellungen abgelaufen sind, rechnet man mit 85 Prozent Auslastung. Das sind zehn Prozent mehr als in der letzten Saison – alle Achtung! Insgesamt waren es dann 214.000 Besucher. Es zeigt, dass Koskys Strategie von Unterhaltung und Anspruch aufgeht. Saisonrenner waren die „West Side Story“ und „Clivia“.

Großer Glamourfaktor

Und so ist jedes Haus ein Sieger. Die Deutsche Oper hatte mit ihrer Spezialisierung auf die große Sängeroper wieder die meisten Besucher, die unberechenbar kreative Komische Oper den höchsten Quotenaufwuchs und die Staatsoper den größten Glamourfaktor.

Künstlerisch hat das Ensemble von Stardirigent Daniel Barenboim und Intendant Jürgen Flimm, das bereits seit vier Jahren im Schiller-Theater residiert, wieder Maßstäbe gesetzt. Gleich die Eröffnung mit Rimsky-Korsakovs „Die Zarenbraut“ unter Barenboims Leitung und mit hervorragenden Sängern war eine Überraschung. Der russische Regisseur Dmitri Tcherniakov hat die Handlung in eine Art Fernsehzentrale verlegt, von wo aus die Nation manipuliert wird – der Zar ist ein Avatar. Das war wohl die beste Inszenierung der Saison. Und sie hatte in allen drei Häusern harte Konkurrenz, Buhs sind seltener geworden in Berlin.

Anna Netrebko in einem lustigen Kostüm

„Il Trovatore“ war die am meisten beachtete Premiere der Saison. Das hatte allerdings weniger mit der Regie, der Musik oder dem Dirigenten Daniel Barenboim zu tun, sondern allein mit einer Sängerin. Die russische Soprandiva Anna Netrebko debütierte im Schiller-Theater in der Rolle der Leonora. Sie war in ein lustiges Kostüm gesteckt worden und durfte jenseits aller glasklar vorgeführten Koloraturen spielen, was sie am besten kann: das Mädchen, das sich vom Leben verführen lässt. Sie stirbt schließlich in den prominenten Armen von Plácido Domingo, dem Grafen Luna. Der Berliner Regisseur Philipp Stölzl hat der Netrebko die Rolle auf den Leib geschneidert. Das Ganze ist ein atemverschlagender Verdi im Comic-Format. Es war auch die am lautesten bejubelte Premiere.

Mehr Mut zum Risiko

Was glücklicherweise in dieser Saison so gar nicht stattfand, war die Diskussion, ob Berlin drei Opernhäuser braucht? Die Auslastung zu gering ist? Oder die Bühnenbilder viel zu teuer? Nein, es herrscht kulturpolitischer Friede. Und der führt dazu, dass die Opernhäuser wieder mehr künstlerische Risiken eingehen. Das Scheitern gehört zum Opernbetrieb. Grandios gescheitert ist Choreografin Sasha Waltz bei ihrem Opernregie-Debüt mit „Tannhäuser“ im Schiller-Theater. Wagner und zeitgenössischer Tanz finden nicht so einfach zusammen, aber der Versuch ist spannend zu sehen. An der Deutschen Oper war Startenor Klaus Florian Vogt erstmals als Faust zu erleben. Aber der Wagnersänger hat sich mit Berlioz’ „Fausts Verdammnis“ vergriffen. Es war dennoch eine wichtige Produktion. Wie sich überhaupt Generalmusikdirektor Donald Runnicles mit seinen Risikoproduktionen, wozu auch Benjamin Brittens „Billy Budd“ gehörte, souverän durchsetzte.