Oper

Junger Matrose wehrt sich gegen seinen Vorgesetzten

Die Deutsche Oper zeigt Benjamin Brittens „Billy Budd“ als düstere Männeroper. Regisseur David Alden verlegt die Handlung ins stählerne Innere eines Kriegsschiffes. Die Premiere wird bejubelt.

Foto: Christoph Schmidt / dpa

Wie Vieh werden die zwangsrekrutierten Seeleute über die Bühne getrieben. Das ist kein Kriegsschiff, sondern ein Straflager. Regisseur David Alden lässt bei der Premiere keinen wärmenden Sonnenstrahl in der Deutschen Oper zu. Benjamin Brittens Seefahrer-Drama „Billy Budd“, das übrigens auch auf den „Moby Dick“-Autoren Herman Melville zurück geht, spielt in einem hermetisch abgeschotteten Schiffskörper.

Ganze Rotten von armen Kerlen bevölkern diese düster-stählerne Welt voller Gewalt und unterdrückten Sehnsüchten. Kein Meer in Sicht. Es gibt eine ellenlange Sängerliste, allesamt Männer, denn Frauen haben keinen Platz auf einem Zerstörer, weshalb Romantik und Liebe draußen bleiben. Es geht um eine dumpfe Männerwelt. Ein junger Matrose wehrt sich gegen einen Vorgesetzten, erschlägt ihn in seiner Hilflosigkeit. Im Original spielt die Tragödie an Bord der „Indomitable“ während des englisch-französischen Seekriegs 1797.

Irgendwo in der Gegenwart

Generalmusikdirektor Donald Runnicles schwört auf die Bedeutung seines Landsmannes Benjamin Britten als großen Komponisten des letzten Jahrhunderts. Gemeinsam mit David Alden hat er im vergangenen Jahr bereits „Peter Grimes“ an der Deutschen Oper erfolgreich herausgebracht. Alden ist ein Regisseur für bedrückte, abgründige Seelen. Dafür wird er gerne vom Publikum ausgebuht. Das Psychologisieren ist diesmal bereits im Programmheft zu „Billy Budd“ vorbereitet, dort findet sich ein Text von Sigmund Freud über das Triebleben und die Ableitung von Zwang und Zweifel. Alden siedelt die Handlung irgendwo in der Gegenwart an, die Stahlwände haben schon Rost angesetzt.

Die Deutsche Oper müht sich seit einigen Jahren darum, im besten Sinne ein Opernmuseum zu sein. Das Regietheater mit all seinen plumpen Provokationen und Umdeutungen soll vermieden werden. Nur das Original zählt. Und so wirkt selbst ein Werk aus dem 20. Jahrhundert, wozu der 1951 in London uraufgeführte „Billy Budd“ gehört, schon ein bisschen museal. Denn Alden will in „Billy Budd“ zuerst eine Künstleroper entdecken. Also Seelendinge offenbaren, die Benjamin Britten so nie ausgesprochen hat, aber eben auskomponiert.

Es geht um Brittens Homosexualität, die er mit seinen Gefährten, dem Tenor Peter Pears, auslebte. Mehr oder weniger versteckt und geduldet im Umfeld der britischen Prüderie der 60er-Jahre. Alden setzt vor allem auf eine Dreierkonstellation, die Brittens Zerrissenheit zeigen soll: Der junge Billy, der doch nur Gutes in der Welt tun will, der selbsthasserische Waffenmeister Claggart, der sein Begehren gewaltsam unterdrückt, und der zweiflerische Kapitän, eine Art moralische Vaterfigur. Drumherum sind all die Gestalten, die letztlich farblos und asexuell bleiben in dieser Inszenierung. Der Chor der Deutschen Oper präsentiert sich wieder umwerfend vollmundig, darstellerisch verwendet Alden allerdings nur wenig Mühe bei den Massenszenen.

Hoffnung auf ein Massaker

Es gibt eigentlich nur zwei Motive: Peininger bedrohen und schlagen einzelne Gruppen von Seeleuten und zweitens, die Männer rücken alle zusammen, weil ein gemeinsamer Feind auftaucht. Das sind für Briten traditionell die Franzmänner. Zweifellos gehört die Schlachtenszene zu Beginn des zweiten Akts zu den bemerkenswertesten Massenszenen. Mehr Statik und Stillstand geht eigentlich nicht. Aber die kollektive Hoffnung auf ein blutiges Massaker erfüllt sich nicht. Man zieht sich zurück, jeder in sich selbst.

Es ist eine ganz eigene Welt voller Nebelrufe. Runnicles zaubert alle Farben und Stimmungen hervor, es ist musikalisch ein grandioser Abend. Drei Stunden lang ist die wohltuende Nähe des Dirigenten zu Brittens Musik spürbar. Runnicles lässt im Orchestergraben all das erzählen, was auf der Bühne ungesagt bleibt. Männer und Gefühle eben. Ein Thema für sich. Die Oper ist ebenso maritim wie bedrohlich. Aber es sind vor allem auch die Sehnsüchte und die Melancholie, die durch die Partitur geistern.

Die Solistenriege ist gut besetzt

Und man mag sich an diesem Abend mehrfach an Wagners „Fliegenden Holländer“ erinnert fühlen. Runnicles führt alles ohne jeden Anflug von orchestraler Eitelkeit vor. Mit seinem Taktstock kann er die Zeit anhalten und an anderer Stelle die Seelen durch die Handlung hetzen. Das spielt seinen Sängern zu, die Solistenriege ist insgesamt gut besetzt, und macht den Abend überraschend kurzweilig.

In der Uraufführung hatte Peter Pears den Kapitän Vere gesungen, an der Deutschen Oper führt Burkhard Ulrich einen weichen wie bulligen, eher lyrischen und ziemlich unbritischen Schiffsführer vor. Es bleibt im Nebulösen, warum er sich für Billy so erwärmt, zumal er ihn am Ende dem Strang opfert. Eindeutig ist die Lage bei Claggart, der Billy begehrt und ihn deshalb zerstören will.

Gidon Saks verleiht dem Waffenmeister seine diabolische Wummerstimme. Als sadistischer Finsterling ist er ein Großformat. Der Billy von John Chest ist dagegen ein bunter Vogel, leicht angeschmuddelt, von allen angestaunt. Chest verzichtet auf vokales Testeron, verströmt gefügiges Bariton-Timbre. Am Ende gibt es einhelligen Jubel, auch für den Regisseur. Eine sehenswerte Produktion.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Tel. 34384343 Termine: 28. und 31.5.; 3. und 6.6.