Oper

Die Staatsopern-Baustelle ist ein Abenteuerspielplatz

Die Sanierung der Staatsoper zieht sich hin. Jetzt inszeniert Intendant Jürgen Flimm die Oper „Macbeth“ von Salvatore Sciarrinos im entkernten Intendanzgebäude Unter den Linden. Ein Baustellen-Besuch.

Foto: Reto Klar

Manchmal sind Opernleute wie Kinder. Stolz wird ein Scheinwerfer vorgeführt. Der hängt wie ein Maskottchen hoch oben am Kran mitten auf der Baustelle der Staatsoper Unter den Linden. Der Scheinwerfer ist auf eine Fensterfront gerichtet, laut Sanierungsplan handelt es sich um Bauteil C. Es ist das entkernte Intendanzgebäude, in dessen früheren Probensaal Jürgen Flimm gerade Salvatore Sciarrinos Oper „Macbeth“ inszeniert, am heutigen Sonnabend ist Premiere.

Flimm ist derzeit Herrscher über zwei Opernhäuser in der Stadt. Die meiste Zeit residiert der Intendant beim Ensemble im Schiller-Theater, der Ausweichspielstätte in Charlottenburg, vom Titel her leitet er die Staatsoper in Mitte, aber die ist eine jener unendlichen Berliner Baustellen. Jetzt ist Flimm mit rund 50 Leuten, darunter zehn Sänger und 19 Instrumentalisten, auf die Baustelle gezogen, um zumindest eine kleine Oper anzubieten.

Eine rhythmisch komplizierte Oper

„Es ist schwer, aber sehr anmachend, hier zu inszenieren“, sagt Flimm: „Es ist ein Abenteuerspielplatz.“ Und dann lobt der Intendant zuerst einmal seinen Chefbeleuchter Olaf Freese. Mit dem Scheinwerfer habe er ihm eine große Freude gemacht, sagt Flimm. Dagegen hat sich Sciarrinos 2002 in Schwetzingen uraufgeführter „Macbeth“ als sperriger erwiesen. Es sei rhythmisch kompliziert. Aber, so der Regisseur, mit der Zeit merke man, wie gestisch die Musik geschrieben ist. Das sei aber wirklich erst während der Proben zu bemerken, wenn man sich in das Stück vertieft. „Es war kein einfacher Weg dahin“, sagt Flimm und fügt hinzu: „Und Salvatore ist auch zufrieden.“ Der Komponist sitzt seit zehn Tagen mit in den Proben.

Der Intendant mit Bauhelm

Als Intendant hat Flimm seinen eigenen Baustellenausweis. Beim Rundgang vor der Generalprobe trägt er den vorgeschriebenen Bauhelm, der ist blau. Ursprünglich hatte Flimm einen weißen mit seinem Namen drauf. Der Helm ist spurlos verschwunden, möglicherweise zum Sammlerstück geworden. Wer abends in die Aufführung will, muss über die alte Treppe hinauf. Rechterhand liegt das alte Intendanzzimmer, es ist leer, grau und ungemütlich. Ein Raunen geht durch den Raum, den alle viel größer und prächtiger in Erinnerung haben.

Genau genommen saß Flimm nie als Amtsträger in diesem Büro. Er hatte einen Beratervertrag, und als sein Intendantenvertrag offiziell im August 2010 begann, war das Ensemble bereits in die Ausweichspielstätte umgezogen. 2013 wollte man laut Planung zurück sein. Aber dann begannen die Verschiebungen. Flimm hat gerade in dieser Woche seine Vertragsverlängerung bis 2017 unterschrieben. Er möchte gerne den Umzug und die erste Spielzeit Unter den Linden leiten. So lange sollte der Vertrag verlängert werden.

Über einen Eröffnungstermin will er nicht reden

Über das Datum der Wiedereröffnung will Jürgen Flimm nicht reden. Er wird einen Moment lang unwirsch. „Ich habe denen gesagt, sie sollen mir nicht wieder ein Datum nennen und kurz darauf bedauern, dass irgend etwas nicht funktioniert“, sagt er: „Das Verschieben verkraften meine Leute nicht mehr.“ Die Baustelle selbst nimmt Flimm mit Gleichmut. „Ich bin jetzt bei der Auffassung, wir sollten sie nicht hetzen“, sagt er: „Die Bauarbeiten sind derart kompliziert geworden, sollen sie es lieber richtig zu Ende bringen.“

Flimm weiß, dass die künstlerische Inbetriebnahme des sanierten Gebäudes nicht einfach wird. „Die Bühne hat nichts mehr mit der alten Bühne zu tun, alles ist komplett neu. Das muss vieles neu gedacht werden, auch was die Computersteuerung im Opernbetrieb angeht.“ Außerdem müsse er die Stücke fürs neue Haus bereits vorproduzieren und in die Schublade packen. Denn wenn das Opernhaus wieder eröffnet wird, muss ein riesiges Repertoire abrufbar sein. Aber bis dahin werden wohl noch einige Jahre vergehen.

Ein Betonhaufen auf der Bühne

Inzwischen wird die Baustelle bespielt. Wer den Orchesterprobensaal betritt, kann links über einen Betonhaufen stolpern. Aber es ist ein Fake von Bühnenbildnerin Magdalena Gut. Der Regisseur hat das Stück in einer morbiden Plüschigkeit der Baustelle angelegt. Den Komponisten Scarrino kennt Flimm übrigens gut. Was im Operngewerbe zunächst nichts Ungewöhnliches ist, aber die beiden haben sich zuerst privat kennen gelernt.

Flimm hat seit 30 Jahren ein kleines Bauernhaus in Umbrien. Im nahe gelegenen Città di Castello lebt der 67-jährige Sciarrino. In dem Städtchen gibt es ein Kammermusikfestival, wo sie sich zufällig begegnet sind. Später kam Sciarrino nach Salzburg, wo Flimm vorher Chef war. Wenn der Berliner Intendant jetzt in seinem italienischen Häuschen ist, treffen sich die beiden zwei, dreimal die Woche, essen, trinken und reden.

Ein Kühlschrank voller Bierflaschen

Ursprünglich wollte Flimm die Produktion in der alten Kantine machen. Aber die Decke war ihm zu niedrig. Solche Details gehen im Alltag unter, sie sind erst jetzt zu entdecken. In der Kantine steht ein Kühlschrank mit Bierflaschen. Angeblich fürs Publikum, obwohl es gar keine Pause gibt. Die Oper wird zwei Stunden lang durchgespielt. Aber im Anschluss findet eine Premierenfeier statt.

Staatsoper Unter den Linden „Macbeth“ im Orchesterprobensaal. Tel. 20 35 45 55. Termine: 21., 25., 28.,

30. Juni und 1. Juli